Zweinull.cc möchte User auf kleinen Social Networks einschließen

Gestern hatte ich darüber berichtet, dass Google, Facebook und Plaxo der DataportabilityGroup beigetreten sind. Ich war und bin begeistert. Es ist zwar erst ein kleiner Schritt, aber ein Anfang. In eine sehr wichtige Richtung. Soweit ich das sehen kann, stimmen mir da die meisten Techblogger zu.

Hatte ich auch nicht anders erwartet. Nun ist Martin von zweinull.cc allerdings der entgegengesetzten Meinung und hält Datenportatibilität für zum einen irrelevant und zum anderen für gar schädlich.

Diese Punkte, die ich für ausgemachten Unsinn halte, nehme ich jetzt mal auseinander. Man kann den folgenden Text auch als ein Plädoyer für Dataportability lesen:

1. Irrelevanz – Dataportability interessiert doch nur Nerds

Yeah? O Rly?

Die Realität sind hunderte Millionen Social-Network-User, die sich mit der Mitgliedschaft in einem, maximal zwei Netzwerken begnügen und niemals einen Gedanken daran verschwenden würden, dass die Möglichkeit, ihre Profildaten zu zahlreichen anderen Diensten transferieren zu können, etwas Erstrebenswertes wäre. Nur weil Obernerd Robert Scoble und sein Gefolge DataPortability als DAS große Ding verkaufen, bedeutet dies nicht, dass dies außerhalb der US-amerikanischen Tech-Zentren (und außerhalb der Wohn- und Arbeitszimmer deren internationalen Anhangs) auch so gesehen wird.

Aha. Das stimmt. Jetzt. Was aber nicht bedeutet, das keiner dieser Leute nicht gern die Möglichkeit wahrnehmen möchte, irgendwann mal eine andere Seite zu nutzen. Sagen wir in 10 oder 20 Jahren? Wenn doch mal was besseres kommt oder man nicht mehr mit der Ausrichtung der Seite klarkommt. Oder die Seite einfach mal Geld für vorher Kostenloses verlangen will und mit ihrem Vorgehen am Rande der Legalität arbeitet? Huh? Egal, ist eben alles weg? Interessiert niemanden? Frag Deine Millionen SN-Nutzer nach so einem Fall noch mal nach Datenportabilität.

Denn wie wär’s damit, dass solche Dinge auch Nichtnerds auf einmal interessieren wenn sie konkret selbst betroffen sind. Dass das uns Technikgeeks auffällt noch bevor wir in der Scheisse hocken, damit aber die einzigen sind, bedeutet nicht, dass das automatisch für Andere nicht relevant ist. Sie wissen es nur noch nicht.

Oder: Mit geringeren Barrieren zum Beitritt von Communities, nämlich wenn ich nicht immer wieder bei null anfangen muss, werden auch mehr Seiten genutzt bzw. ausprobiert (Dynamik, Wettbewerb belebt das Geschäft usw.). Auch von Nichtnerds, eben weil die technischen Barrieren sinken.

Abgesehen davon: Nutzt Du ein Onlinebookmarkingdienst, bei dem Du Deine Lesezeichen nicht exportieren kannst? Ein Onlinefotodienst, bei dem Du Deine Fotos zwar hoch- aber nichtrunterladen kannst? Nein? Warum sollte das dann bei Social Networks so sein?

 

2. Welpenschutz für kleine Netzwerke

Are you kidding me?

Der 2. Punkt in Martins Argumentation:

Meiner Ansicht nach würde Interoperativität am Ende die Starken begünstigen und die Schwachen benachteiligen. Dass Facebook, das derzeit angesagteste aller Social Networks, und Google[..] die Initiative unterstützten, erscheint logisch, müsste man sich jetzt und in naher Zukunft kaum sorgen machen, dass Nutzer ihr Sack und Pack nehmen und zu einem Konkurrenten gehen – ihr wisst schon, Netzwerkeffekte und so. Anders sieht das aber für all die kleineren Fische aus, die ihren Mitgliedern häufig nicht mal einen Link zum Löschen der Mitgliedschaft anbieten. Wie würde es denen wohl ergehen, wenn sie ihren Usern ermöglichten, persönliche Daten samt Kontakten problemlos zu einem anderen, möglicherweise viel besseren Dienst zu verfrachten?! Genau, sehr schlecht.

So fucking what?

Warum sollen die Nutzer Nachteile in Kauf nehmen, nur weil neue Startups es nicht schaffen, sticky zu werden? Was ist es mein Problem als Nutzer? Habe ich eine Verantwortung gegenüber den Startups? Ich bin hier auf der Seite der User (wie eigentlich immer). Gebt ihnen die Macht, nicht den Unternehmen.

Nebenbei: Wer seine Community nur halten kann, weil es ihr zu aufwendig ist zu wechseln, hat ganz andere Probleme, die durch das Fehlen von Datenportabilität nicht weggehen.

Noch was: Wann hast Du das letzte Mal ein neues Social Network gesehen, dass Dich nicht dazu auffordert, Deine Freunde einzuladen oder zu adden indem Du das Passwort deines Email-Accounts eingibst? Warum gibt es dieses gefährliche, äußerst dreiste Vorgehen und warum wird es das auch noch eine Weile geben? Weil Leute wie Du, Martin, gegen Dataportability und Lösungen wie OAuth polemisieren.

Überhaupt: Was erwartest Du? Artenschutz für Social Networks, die nicht den maximalen Nutzen ihren Usern bieten können? Perlease. Wer User/Nutzer/Kunden will, soll ihnen den maximalen Nutzengewinn bieten können, nicht die größten Barrieren für einen Wechsel zum Konkurrenten. Das ist Marktwirtschaft, Baby.

Ich sag es nochmal ganz klar: Es ist mir völlig egal, ob Unternehmen eingehen, weil sie nicht gut genug sind, that’s life. Aber wenn man hier schon die Möglichkeiten und Gefahren des Netzwerkeffekts erwähnt (die natürlich real sind, besonders für SNs): Nur eine webweit umgesetzte Datenportabiliät schafft genügend Nutzerdurchlässigkeit um Netzwerkeffekte abzuschwächen und qualitativ hochwertigen neuen(!) Seiten eine Chance zu geben. Und zwar auch in der Zukunft wenn bei den größten SocialNetworks jedes für sich Hunderte Millionen von Nutzern haben wird.

Und ernsthaft, Protektionismus braucht keine Sau.

 

Sorry Martin, aber so falsch hast Du noch nie gelegen.

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About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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