Übernahmeangebot von Microsoft an Yahoo! (!)

Microsoft will Yahoo für 44.6 Milliarden$ übernehmen. Kinnladen aufsammeln und weiterlesen:

heise dazu:

Der Deal soll aber zur Hälfte in bar, zur Hälfte in Microsoft-Aktien bezahlt werden. Das Angebot stellt einen Aufschlag von 62 Prozent gegenüber dem Schlusskurs von Yahoo am 31. Januar dar.

Die Begründung laut heise:

Außerdem werde der Online-Anzeigenmarkt zunehmend von einer Firma dominiert, hieß es bei Yahoo – ohne den Hauptkonkurrenten von Microsoft und Yahoo, Google, direkt beim Namen zu nennen. Microsoft und Yahoo könnten zusammen aber eine wettbewerbsfähige Alternative darstellen.

Microsoft beteiligte sich erst im Oktober letzten Jahres für einen nicht geringen Betrag an Facebook.

Der Kommentar aus dem neunetz.com-Headquarter

Jetzt Yahoo!

Man scheint bei Microsoft nun recht aggressiv in die Netzschlacht ziehen zu wollen.

Nun ist Yahoo! in letzter Zeit aber vor allem durch Orientierungslosigkeit aufgefallen. Die Gewinnrückgang und Entlassungen (1000 an der Zahl) zur Folge hat.

Die Synergien, von denen Manager immer träumen, wenn es um Übernahmen und Fusionen geht, sind oft, na, sagen wir mal, kleine Luftschlösser. Besonders wenn sich so große Unternehmen wie Yahoo! und Microsoft zusammentun, ist man auf Jahre mit der internen Reorganisation beschäftigt. Gewachsene, starre Strukturen, die nicht ohne weiteres aufzubrechen sind, lähmen solche großen Organisationen wie Microsoft, oft ohne dass die das selbst erkennen. Diese Missstände, die sich durch Marktverlust an innovativere Konkurrenten äußern (*hust*), gehen auch durch Übernahmen nicht weg. Im Gegenteil, die Energie wird nach innen gerichtet statt nach außen (oder wenn schon nach innen, dann leider an die falschen Stellen).

Im BWL-Studium (ja, ich gehöre zu den Bösen) war eine meiner Vertiefungen ‚Organisation‘, deshalb bin ich da vielleicht ein wenig sensibilisiert was das angeht, aber ich sag mal so: Nach allem, was man von den internen Entscheidungsprozessen von Microsoft so liest und vor allem, was man so sieht, was Microsoft und auch Yahoo! in letzter Zeit gemacht haben: Da fehlt die Vision, eine Strategie oder überhaupt auch mal der Wille, etwas Neues auszuprobieren oder zumindest auf Entwicklungen im Netz angemessen zu reagieren (abgesehen von Yahoo!-Einkäufen im Web2.0-Bereich). Die internen Entscheidungsprozesse haben all das verhindert, haben die intelligenten Leute (human resources..) so lang verbittert, bis sie gegangen sind. Zu Google, Facebook oder gleich zu eigenen Startups. (Viele der besten Entwickler haben die letzten Jahre -und besonders massiv letztes Jahr- Microsoft verlassen und eigene Startups gegründet, weil sie ihre eigenen Ideen bei Microsoft nicht genehmigt bekommen haben.)

Und all das wird durch massive interne Restrukturierungen aufgrund einer Übernahme nicht beseitigt. Im Gegenteil: Die nötige Energie, die zum Aufbrechen dieser internen Strukturen nötig wäre, wird nun in das Zusammenführen der beiden Organisationen gesteckt. Das wird hauptsächlich zu einer vorübergehenden Lähmung der Entscheider führen. Good times. Für die Konkurrenz. Aber vielleicht wird ja alles ganz anders?

Ob zwei Dinosaurier jetzt das Web im Sturm nehmen, weil sie versuchen, gemeinsam Tandem zu fahren? Wir werden sehen. Ich wage aber, es zu bezweifeln. Wenn auch ein starker Gegner zu Google im Onlinewerbemarkt äußerst wünschenswert wäre. Bleibt nur die Frage ob so einer auf diese Weise geboren wird.

Sollte diese Übernahme tatsächlich über die Bühne gehen, stehen die Chancen nicht schlecht, dass diese Entscheidung im Nachhinein als der Anfang vom Ende für Microsoft betrachtet werden könnte (dicht gefolgt von Vista).

Und nebenbei sind größere Hierarchien im Webbereich sowieso nicht the way to..

 

 

siehe auch Techmeme

(und wo hab ich’s wieder zuerst gelesen? Klar, auf dem vielgescholtenen Twitter. God bless it)

 

UPDATE:

siehe auch Artikel von Georg Holzer. Spricht viele interessante Punkte an, unter Anderem auch die schwierige Integration der Mitarbeiter der beiden Konzerne auf die ich mich in meinem Artikel hauptsächlich gestürzt hatte. Lesenswert.

VC Fred Wilson:

We all knew this was coming. Yahoo! was cheap. Too cheap. And a mess. Rats were leaving the sinking ship en masse. It was not sustainable. Something had to happen.

And so the most logical thing has now happened. [..]

The price offered is an ~70% premium to the closing price last night. This deal will happen unless another strategic wants it (News Corp?). Because at that price, no financial buyer can make the deal work, particularly in this financing environment.

Ähnliche Gedanken hatte ich auch. Yahoo ist war billig, der beste Zeitpunkt für Microsoft (die vielleicht nur darauf gewartet haben). Wilson außerdem:

A combined Microsoft/Yahoo will have 30% market share in search and maybe they can do something with that. Clearly there are big synergies in merging Yahoo! and Microsoft’s online businesses. The merged entity will be dominant in email which is an important category that isn’t going away.

Die 30% beziehen sich auf den US-Markt. In Deutschland hat Google einen Marktanteil von um die 90%.

Andreas Göldi auf medienkonvergenz.com:

Sowohl Microsoft als auch Yahoo sind in den letzten Jahren durch eine verwirrende, inkonsistente Produktstrategie aufgefallen, mit beiderseits zahlreichen nur halb durchdachten Aktivitätsfeldern. Wenn man zweimal Chaos kombiniert, entsteht dann Ordnung? Yahoos Management hat in letzter Zeit nicht gerade den Eindruck grosser Durchgriffsstärke erweckt, und bei Microsofts Online-Aktivitäten ist das genauso. Wer kann so einen riesigen Laden straffen und in eine erfolgreiche Zukunft führen?

Insgesamt: Ein Deal Microsoft plus Yahoo würde den König einer vergangenen Epoche (Web 1.0) mit dem König der noch davor liegenden Epoche (PC) kombinieren. Das kombinierte Königreich würde dann gegen den aktuellen Kaiser (Google) antreten, sofern zuerst die internen Regierungskrisen gelöst werden können. Darüber, ob dieser Plan gelingen kann, darf man ruhig skeptisch sein.

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About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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