CTRL-Verlust: Auch FAZ-Redakteure missachten CC-Lizenzen

Creative-Commons-Lizenzen zu verwenden, scheint auch für Medienprofis schwierig zu sein. Blogger Michael Seemann kostete die falsche Verwendung wohl sein FAZ-Blog. FAZ-Redakteure sind in der Verwendung von CC-Lizenzen aber auch nicht sattelfest. Das Urheberrecht hält auch im CC-Gewand noch zu viele, potentiell teure Fallstricke parat.

Michael Seemann hat auf seinem FAZ-Blog Fotos verwendet, deren Creative-Commons-Lizenzen (CC-Lizenzen) die kommerzielle Verwendung, also die Verwendung auf FAZ.net, nicht erlaubte. Unter anderem dieser Verstoß führte zur Schließung des Blogs. Seemann führt den Hergang aus seiner Sicht auf seinem Blog aus.

Falsch eingesetzte Fotos mit Creative-Commons-Lizenzen

Interessant ist dabei die Nutzung der CC-Lizenzen, die in vielerlei Hinsicht falsch und schlicht schlampig war. In dem Ausschlag gebenden Artikel verwendete Michael Seemann drei Fotos, von denen zwei (dieses und dieses) nicht für die kommerzielle Nutzung freigegeben waren und das Dritte ein unrechtmäßig von einem Flickr-Nutzer hochgeladenes und mit neuer Lizenz versehenes Pressefoto von Apple ist, das man in dieser Slideshow von Apple sehen kann.

Zusätzlich ist der Bildnachweis, den Seemann am Ende des Artikels vornimmt, unvollständig:

ctrl-verlust-bildnachweis

Bei jeder CC-Lizenz steht immer dazu, dass man bei Benutzung die Lizenz der verwendeten Werke kommunizieren muss; mittels Nennung oder besser mittels Link:

Notice — For any reuse or distribution, you must make clear to others the license terms of this work. The best way to do this is with a link to this web page.

Das gilt ausnahmslos für jede CC-Lizenz.

Zweimal die kommerzielle Verwendung von dafür nicht freigegebenen Werken, einmal ein einer falschen Quelle zugeschriebenes Pressefoto und die Nichtnennung der Lizenzen. Die Abschaltung des kompletten Blogs kann man als übertriebene Reaktion der FAZ ansehen. Meines Erachtens ist es das. Aber man kann nicht von der Hand weisen, wie unachtsam und schlampig Michael Seemann hier mit Fotos und ihren Lizenzen umgegangen ist.

Auch FAZ-Redakteure benutzen Creative-Commons-Lizenzen falsch

Das ist aber noch nicht alles. Auch FAZ-Redakteuren, also denen die gerade unnachgiebig vorgehen, scheint die Benutzung von CC-Lizenzen nicht leicht von der Hand zu gehen.

Im Januar dieses Jahres erschienen in der FAZ ein Interview mit und ein Essay von Jaron Lanier. Der Essay von Lanier wurde unter anderem mit folgendem Bild versehen:

faz-lanier

Der Bildnachweis am Ende des FAZ-Artikels sieht folgendermassen aus:

faz-bildnachweis

Der einzige Verweis auf den Urheber des Fotos ist das letzte Wort: „vanz“.

Rechtlich falsch daran ist die Nichtnennung der Lizenz des mit CC-Lizenz lizenzierten Fotos. Die Nennung der Lizenzbedingungen oder der Link auf die Lizenz (nach außen, weg von FAZ.net) ist zwingend und gehört zu den Bedingungen unter den denen die Lizenz verwendet werden kann. Die Implikation der Nennung in Reihe mit den anderen Bildnachweisen ist: ‚Auch bei diesem Bild sind alle Rechte vorbehalten.‘ Das ist natürlich falsch.

Es ist natürlich möglich, dass die FAZ vanz seinerzeit kontaktiert hat und eine gesonderte Lizenz mit ihm ausgehandelt hatte. Ich habe ihn kontaktiert und diesbezüglich gefragt: Er kann sich an keine Kontaktaufnahme erinnern. (Er war sich nicht hunderprozentig sicher, konnte aber keine Korrespondenz in seinen Archiven finden.)

Das bedeutet, die FAZ hat das Foto von „vanz“ unter CC-Lizenz falsch verwendet.

Ich habe in meiner Antwort auf die Lanier-Artikel in der FAZ auf netzwertig.com seinerzeit ebenfalls das gleiche Bild verwendet, und die Lizenz korrekt genutzt. Direkt im Bild ist der Hinweis auf den Urheber und wo er zu finden ist:

nwe-bildnachweis1

Am Ende des Textes folg der jeweils verlinkte Hinweis auf Urheber und Lizenz:

nwe-bildnachweis3

(Anmerkung: Beim Schreiben dieses Artikels ist mir aufgefallen, dass ich bei der Verlinkung der Bildlizenz seinerzeit versehentlich auf die Flickr-Foto-Seite statt die entsprechende CC-Lizenz-Seite verlinkt habe. Auch dort findet man die Lizenz in der Sidebar, aber das ist suboptimal (so hat es auch Seemann in seinem FAZ-Blog gehandhabt; offensichtlich führt das dazu, dass man die eigentlichen Lizenzen übersieht und nicht beachtet). Ich habe in anderen Artikeln immer auf die CC-Lizenzen direkt verlinkt. Wie es korrekt aussehen müsste, sieht man zum Beispiel am Ende von diesem Artikel.)

Zurück zur FAZ:

Der simple Hinweis auf das Pseudonym „vanz“ ohne weiteren Anhaltspunkt ist zumindest fragwürdig. Gibt man vanz bei Google ein, wird zwar der Flickr-Fotostream des Users an erster Stelle angezeigt, aber die Vielfalt der Ergebnisse zeigt, dass es bei weitem keine eindeutige Angabe des Urhebers ist. Wenn schon kein Link auf den Urheber gesetzt wird, dann sollte zumindest die Plattform, auf der die FAZ das Foto und seinen Urheber fand, angegeben werden; hier also Flickr oder eine andere Plattform, wo das Foto zu finden ist. Wenn man aus welchen Gründen auch immer auf die Nennung der Plattform (und damit des Kontextes) verzichten will, hätte man zumindest auf den bürgerlichen Namen des Urhebers verweisen können (Luca Vanzella).

Zusätzlich muss zwingend die CC-Lizenz dabei stehen. Es genügt nicht, einfach „CC-Lizenz“ dazuzuschreiben, weil natürlich viele verschiedene Ausprägungen von CC-Lizenzen existieren. Entweder man nennt die konkrete CC-Lizenz oder man verlinkt auf sie.

Nichts davon ist bei der FAZ geschehen, was ein Bruch der CC-Lizenz bedeutet.

Drei Randbemerkungen zum Lanier-Essay auf FAZ.net und der CC-Problematik:

1. Es ist natürlich an Ironie nicht zu überbieten, dass die FAZ zur Bebilderung des Artikels, in dem Lanier ohne das Gesamtbild zu betrachten gegen das Web2.0 und das unbezahlte Nutzen von kreativer Arbeit wettert, genau darauf setzt und über Flickr (Web2.0) oder eine andere Plattform ein Foto findet, dass man ohne Bezahlung verwenden darf.

2. Über die interne FAZ-Suche findet man nur eine kostenpflichtige Version des Lanier-Essays, über Google kann man den Artikel kostenfrei finden und abrufen. Diese totgeschwiegene (aber natürlich vollkommen legitime) Preisdiskriminierung wird von deutschen Verlagen mehrheitlich eingesetzt. Und straft Laniers Essay erneut Lügen.

3. Mir ist die fehlerhafte Verwendung des flickr-Bildes auf FAZ.net seinerzeit aufgefallen, aber ich fand es in erster Linie ironisch (siehe 1.) und nicht eklatant genug, um darauf gesondert hinzuweisen. Im Kontext der aktuellen Blogschliessung finde ich diesem Umstand allerdings recht interessant. Zumal man davon ausgehen kann, dass solche kleineren Verstöße gegen CC-Lizenzen neben den größeren Urheberrechtsverletzungen in den Mainstreammedien sehr oft vorkommen.

Während des Schreibens dieses Artikels ist eine Stellungnahme der FAZ zur Blogschliessung auf Carta erschienen. Auszüge:

Verstöße gegen das Urheberrecht und Verletzungen von Creative-Commons-Lizenzen sind nicht hinnehmbar, schon gar nicht von einem Autor, der über digitale Themen schreibt.[..]

[Die Redaktion] sah sich gezwungen, die Bildrechte an sämtlichen Fotos zu überprüfen und etwaige nachträgliche Veränderungen für den Fall zu verhindern, dass der Verlag der F.A.Z. mit Rechteansprüchen konfrontiert werden würde.[..]

Im übrigen kann Herr Seemann, wie wir ihm mitgeteilt haben, nach der Prüfung auf etwaige andere Urheberrechtsverstöße an Bildern jederzeit über seine Inhalte verfügen und sie auf der eigenen Website publizieren.

Modernisierung des Urheberrechts?

Medienmacher, Redakteure einer großen Tageszeitung wie professionelle Blogger, können offensichtlich CC-Lizenzen nicht korrekt einsetzen. Ich kenne mich verhältnismäßig gut aus, aber auch mir sind in diesem Bereich im Laufe der Jahre sicher schon Fehler unterlaufen.

Dabei sind CC-Lizenzen der bis das dato erfolgreichste und für alle Beteiligten am einfachsten zu handhabende Versuch, das Urheberrecht in seiner heutigen Form so weit es geht an das Internetzeitalter anzupassen.

Aber trotzdem bleibt das Damoklesschwert der teuren Abstrafung für jeden Medienschaffenden im Web, wenn man einmal ein Detail übersehen sollte oder sich mit dem auch mit Creative Commons immer noch komplizierten Rechtsgewust nicht auskennt.

Wer sich die Modernisierung des Urheberrechts vornehmen will, muss vor allem auch darüber reden. Wenn es nicht einmal den Profis und Experten gelingt, sich ohne Verletzung von Urheberrechten im Web zu bewegen, wie soll das dann der Rest der Bevölkerung schaffen?

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About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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