Wider die Lügner

Ende letzten Jahres war ich auf einer Konferenz an einem Podiumstalk in Form eines Streitgesprächs, ein Moderator und zwei Diskutanten, beteiligt. Im Laufe des Gesprächs machte mein Gegenüber, ein Vertreter eines Buchverlags, auf der Bühne eine Aussage über einen Aspekt des Urheberrechts und die Auswirkungen auf das Geschäft seines Verlags, die mich stutzen ließ. Meines Wissens nach ist das, was er als übliche Geschäftspraxis beschrieb, rechtlich nicht zulässig und deswegen betriebswirtschaftlich nicht haltbar gewesen. Aber wenn er sagt, sie arbeiten so, wieso sollte ich das in Frage ziehen? Ich hakte nicht nach und akzeptierte seine Aussage.

Nach der Veranstaltung erfuhr ich von jemand anderem, dass der Verlagsvertreter unmittelbar nach unserem Podiumstalk im persönlichen Gespräch ohne Umschweife zugab, bei diesem Aspekt gelogen zu haben.

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Als Aereo auf der CES einen Preis gewinnen sollte, war die CNET-Mutter CBS nicht begeistert. CNET ist eine relativ bekannte Onlinepublikation, CBS eines der großen TV-Networks in den USA. Bei Aereo handelt es sich um ein Startup, von dessen Angebot sich CBS bedroht sieht, weil es ultimativ zum Verlust der Kontrolle über die Distribution führt. Die Preisverleihung wurde von CNET organisiert. CBS intervenierte und CNET musste Aereo den Preis vorenthalten. Auch Reviews von Aereo wurden CNET von CBS verboten. CBS hat in die Inhalte von CNET aus geschäftlichen Eigeninteressen eingegriffen.
Greg Sandoval, ein bekannter Techreporter bei CNET, hat daraufhin öffentlichkeitswirksam seine Kündigung eingereicht. Nun kann man das auf zwei Arten lesen: Sandoval ist ein aufrichtiger Journalist. Oder er sah die perfekte Gelegenheit gekommen, publicityträchtig das stagnierende und von den jüngeren Techblogs bezüglich des Einflusses abgelöste CNET zugunsten eines besseren Arbeitgebers zu verlassen. Oder vielleicht war es auch eine Mischung aus beidem.
So oder so, das Schweigen der übrigen bei CNET angestellten Journalisten war dröhnend. Sandoval selbst fand sofort eine Neuanstellung bei der aufstrebenden Gadget-Publikation The Verge.

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Einen(!) Tag bevor das Presseleistungsschutzrecht (LSR) im deutschen Bundestag verabschiedet wurde, veröffentlichte die FAZ einen Text von LSR-Kritiker Till Kreutzer. Es war das erste Mal, dass ein Kritiker des geplanten Gesetzes einen Text in dem Blatt veröffentlichen durfte. Einen Tag bevor es im Bundestag beschlossen wurde.  Update: Es gab vereinzelte kritische Beiträge zum Thema in der FAZ. Etwa von FAZ-Redakteur Michael Spehr oder den CCC-Vertretern Constanze Kurz und Frank Rieger. Diese Texte waren aber wenige Ausnahmen. Wer sich ein Bild von der dominierenden Berichterstattung machen möchte, sollte die zwei Absätze weiter verlinkten Artikel von Stefan Niggemeier lesen. /Ende des Updates

Dem Text war eine Erklärung der FAZ-Redaktion vorangesetzt: „In der Debatte über das Leistungsschutzrecht gibt es viele Stimmen. Die Verlage sind hier naturgemäß Partei. Die Redaktion der F.A.Z. sieht ihre Aufgabe darin, eine offene Debatte zu ermöglichen.“

Bereits die Existenz dieser Aussage, die eigentlich nicht notwendig sein sollte, sondern implizit im Selbstverständnis des selbsternannten Qualitätsjournalismus mitschwingt, ist bezeichnend.
Vielleicht war es purer Zynismus oder gar Sichselbstbelügen. Was auch immer das Motiv der FAZ-Redaktion war, es ging nicht darum, die Herangehensweise der Redaktion zu verdeutlichen, sondern im Gegenteil um ein Umschreiben der Geschichte.

Wie die FAZ über das LSR berichtet hat, diese Herangehensweise, die selbst den weichesten journalistischen Regeln nicht mehr genügen würde, hat Stefan Niggemeier gut protokolliert.

Es geht auch anders. Einen Absatz aus einem Text von Stefan Niggemeier über den Propagandajournalismus zum LSR habe ich über Monate nicht vergessen können:

Der »New York Times«-Leser, der bemerkt, wieviel Mühe sich das Blatt gibt, ihn trotz der Verwicklung des eigenen Chefs zuverlässig über den BBC-Skandal zu berichten, der wird diesem Blatt zutrauen, sich grundsätzlich darum zu bemühen, ihn gut zu informieren.

Es ist natürlich etwas anderes, wenn praktisch eine ganze Branche eine Kampagne betreibt, anstatt nur eines einzelnen Publishers. Aber trotzdem: Es gab keine deutschen Sandovals. Nicht einen. Nicht einmal anonym.

In den USA sprechen Experten wie Clay Shirky zu recht davon, dass man nicht die journalistischen Institutionen retten muss, sondern die Journalisten. Wie viele von ihnen in Deutschland aber sind nur noch auf dem Papier der Gehaltsabrechnung Journalist?

Wer etwas aufmerksamer die Debatte rund um das LSR in den Zeitungen und auch in den Blogs verfolgt hat und nicht bei einem Presseverlag angestellt ist, dürfte irgendwann zu einer erschütternden Erkenntnis gekommen sein: Die großen deutschen Presseinstitutionen sind mehrheitlich innerlich verrottet.
Die Lügenkampagne der Presseverlage und ihrer Cheflobbyisten wurde nur noch von der Reaktion ihrer Branche getoppt:
Das Schweigen der deutschen Journalisten war dröhnend. Ich will mein Entsetzen nicht wiederholt in Worte fassen, deswegen zitiere ich was ich vor einiger Zeit dazu schrieb:

Eine ganze Branche, die sich der Wahrheitsfindung verschrieben hat, duldet entweder stillschweigend eine jahrelange Lügenkampagne in ihrem Namen, ist diesbezüglich desinteressiert oder aktiv daran beteiligt. Ich bitte darum, über den vorhergehenden Satz gern 5 bis 50 Minuten nachzudenken.

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Es gibt verschiedene Erkenntnisse, die ich in den letzten Monaten gewonnen habe. Neben einem Schnellkurs in fortgeschrittenem Lobbyismus und Gesetzgebung gehört dazu die Lektion, dass ich nicht das selbe Ziel verfolge wie die Mehrheit der deutschen Presse von FAZ über Süddeutsche bis Axel Springer.

Denn am Ende des Tages bin ich, so pathetisch das klingen mag, der Wahrheit verpflichtet, was deskriptive Äußerungen angeht, und dem Wohl der Bevölkerung (Wohlfahrtszuwachs und so weiter), wenn es um wertende Äußerungen geht.

Ich kann nicht mehr ruhigen Gewissens eben diese Publikationen hier verlinken oder zitieren.
Die neue Verlinkungspolitik auf neunetz.com sieht also wie folgt aus: In der Regel wird auf eine Erwähnung und einen Verweis auf die Presseerzeugnisse der großen deutschen Verlage verzichtet. Meistens sind die dortigen Artikel zu den auf neunetz.com behandelten Themen sowieso inhaltliche Übersetzungen der Artikel von großen US-Techblogs oder US-Zeitungen oder Mashups deutscher Blogartikel, wenn es um die Internetwirtschaft geht. Der Verlust ist also nicht sonderlich groß.

Sollte doch einmal ein Artikel bei diesen Publikationen erscheinen, dessen Inhalte einen Hinweis wert sind, exklusive News oder eine wirklich außergewöhnlich quatschige aber populäre Aussage etwa, werde ich auf diese Publikationen auf die einzige Art verweisen, die die großen deutschen Presseverlage selbst für richtig halten: Paraphrasierend und ohne Link.

Da die Selbstachtung es gebietet, Axel Springer immer schlechter als alle anderen zu behandeln, werden Verweise auf Nachrichten von Axel Springer maximal ohne Namensnennung und mit einem unspezifischen Verweis auf Presseberichte erfolgen, wenn sich keine Sekundärquellen finden lassen.

Das hat natürlich überhaupt keine Auswirkungen auf die betroffenen Publikationen. Aber man macht nicht das, was man für richtig hält nur dann, wenn es spürbare oder nennenswerte Auswirkungen hat, sondern weil es die einzige Option ist, die einen nachts ruhig schlafen lässt.

Ich würde niemals auf der Bühne einer Konferenz lügen, hier im Blog Lügen verbreiten oder eben einen Mord begehen, nur weil ich weiß, dass ich damit durchkommen würde. Damit durchkommen oder nicht spielt keine Rolle bei der Entscheidung.

Das ist natürlich ein Nachteil in der alltäglichen Schlacht des Medienwandels. Aber es ist nur solang ein Nachteil, bis man sich die Reputation erarbeitet, im Gegensatz zur anderen Seite sauber zu kämpfen. Und ja, ich war bis vor kurzem noch der Überzeugung, dass es ein Miteinander sein kann und kein Gegeneinander – kein Kampf – sein muss. Aber dafür braucht es eine gemeinsame Basis, ein gemeinsames Ziel.

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Es wird längst mit härtesten Bandagen gekämpft und die Skrupellosigkeit auf Seiten derer, die ihre Felle nicht im Stream davonschwimmen sehen wollen, wird größer. Im Zweifel, wenn eine Aussage dem eigenen Wissen widerspricht, werde ich künftig immer auch die Möglichkeit in Betracht ziehen müssen, dass mein Gegenüber auch einfach lügt. Selbst wenn ich denjenigen Menschen flüchtig kenne und schätze.

Im Nachgang der zu Beginn erwähnten Konferenz habe ich mir geschworen, nie wieder auf den Bühnen der Welt Konferenzen auf kritische Nachfragen zu verzichten, wenn ich über einen geäußerten Fakt verwundert bin.

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Als ich diesen Text vor einigen Wochen schrieb, ahnte noch niemand was uns Edward Snowden diesen Sommer offenbaren sollte. Ich wusste nicht, wie immens das uns umgebende Lügengeflecht war. Deutschland ist kein souveräner Staat, die USA ist, neben etwa auch dem UK, eine rücksichtslose Überwachungsmacht und unserer Regierung sind unsere Grundrechte egal. Das sind schwer verdauliche Wahrheiten.

Ich bin heute 34 geworden. Morgen tritt das Leistungsschutzrecht für Presseverlage in Kraft. Es hat bereits erste Opfer gefordert.

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Joseph Stiglitz, Wirtschaftsnobelpreisträger und einer der wichtigsten Ökonomen weltweit, schreibt in seinem Rundumschlag „The Price of Inequality“ von einer „rent-seeking economy“, die unsere Wirtschaft erfasst hat. Diese tarnt sich als Marktwirtschaft, deren grundlegende Mechanismen, den „Markt“, unterläuft sie aber mittels Täuschung und Korruption.

Je genauer man sie betrachtet, die innerlich vor sich hinrottende industrielle Informationsgesellschaft, ihre über Jahrzehnte wuchernd gewachsenen Organisationen mit ihren heute an den barocken Baustil erinnernden Organigrammen und ihre dicken Entscheidungsschlachtschiffe, desto mehr drängt sich der Gedanke auf, dass das Internet und die damit möglich gewordene vernetzte Informationsgesellschaft keinen Tag zu früh kamen.

Sie ist unser einziger möglicher Ausweg aus der Welt der Lügner.

Wir müssen uns dessen nur bewusst werden und entsprechend handeln.

Und wenn wir zu wenige sind, die Hierarchien in Deutschland zu mächtig, zu fest verankert, die Überzahl zu groß, zu überaltert und verbarrikadiert ist? Was wenn wir keine Rolle spielen?

Das Richtige bleibt richtig. Lügen bleiben Lügen.

Let’s make enemies. Let’s fight.

The gloves are off. For good.

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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  • Constanze

    Zitat: „Es war das erste Mal, dass ein Kritiker des geplanten Gesetzes einen Text in dem Blatt veröffentlichen durfte.“

    Till Kreutzers Text war weder der erste noch der einzige kritische dazu in der FAZ (Print) vor dem Beschluss des Gesetzes. Ich schreibe eine Kolumne dort, hier beispielhaft eine zum Leistungsschutzrecht vom 15. März 2012.

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/leistungsschutzrecht-im-raederwerk-der-suchmaschinen-11685451.html

    (Siehe auch dort unten mit leicht abweichendem Disclaimer des FAZ-Verlages.)

    Auch dieses Interview hier

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/max-planck-jurist-hilty-zum-leistungsschutzrecht-ich-will-dass-ein-freier-markt-besteht-11992525.html

    brachte die FAZ im Dezember 2012, ganz klar kritisch zum LSR. Ebenfalls im Dezember hat auch Frank Rieger kritisch geschrieben:

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/digitales-denken/leistungsschutzrecht-eine-unheilige-scheindebatte-11980457.html

    Wenn ich mich recht erinnere, waren das nicht die einzigen drei Artikel im Print und online bei der FAZ. Widersprüchliche Meinungen von Redaktion und Verlag kommen so vermutlich zum Ausdruck.

    Ich teile die Kritik des Blogbeitrags und bin bei „wider die Lügner“ natürlich derselben Meinung, aber man sollte schon bei der Wahrheit bleiben, wenn man über das Lügen schreibt.

  • Fair enough. Ich bin allerdings recht sicher, dass zumindest online außer euren Kolumnen keine kritischen Artikel zum LSR in der FAZ erschienen sind. Wie es im Print aussieht, weiß ich nicht, aber dass es da ausgerechnet anders herum wäre, ist sehr unwahrscheinlich.

  • Ich habe dem Text ein Update verpasst.

  • Stephan Mahlow

    Du spricht mir aus der Seele. Würden bloß mehr Journalisten ihren Beruf so verstehen. Es gibt sie aber, wenn auch deutlich in der Minderheit. Insofern würde ich nicht alle Großverlage (und die dort angestellten Journalisten) in Sippenhaft nehmen. Ich finde da durchaus noch viel Lesenswertes und auch Kritisches. Die FAS hat sich zum Beispiel aus meiner Sicht großartig entwickelt. Die taz wirst Du ja sicher ohnehin nicht zu den Großverlagen zählen. Sie ist aus meiner Sicht schon lange die beste deutsche Zeitung.

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