Vernetzte Welt #4: Selbstfahrende Autos, Amazon, Xiaomi, Firechat

Immer Dienstags erscheint an dieser Stelle eine kommentierte Übersicht zu den wichtigsten Entwicklungen und besten Analysen des ‚Internets der Dinge‘.
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Topanalyse: Selbstfahrende Autos und das "Drivecenter"

Jürgen Geuters Artikel über selbstfahrende Autos auf Wired und die Frage nach der Ethik in Algorithmen ist ein guter Text, aber er ist auch symptomatisch für deutsche Debatten. Allzuoft wird in Deutschland von hypothetischen Extremsituationen (den vermeintlich (fast) unvermeidbaren Endstadien) ausgehend über aktuelle Entwicklungen gesprochen. Das Ergebnis: In Deutschland spricht man allzuoft über Kinder, die jetzt mit dem Bade ausgeschüttet werden sollten, weil vielleicht doch kein Wasser sondern im schlimmsten Falle Öl im Bad ist, das gleich angezündet wird. Und diesen schlimmsten Fall sollten wir doch verhindern, oder?

Max von Webels Gedankenspiel, wie selbstfahrende Autos letztlich umgesetzt werden könnten, um in allen Situationen ’selbstfahrend‘ zu sein, ist deshalb nicht wegen der Wahrscheinlichkeit, dass diese Situation so eintritt, interessant (die ich allerdings für gegeben halte). Seine Überlegungen sind interessant, weil sie aufzeigen, wie die Prämissen der Endstadien in den deutschen Debatten so sehr in die Irre führen können:

Am Anfang werden selbstfahrende Autos sehr pragmatisch dafür sorgen, dass nichts zu schlimmes passiert: sie werden relativ langsam fahren und wenn es doch mal knifflig wird, wird eine sehr grelle Leuchte im Armaturenbrett dem menschlichen Passagier deutlich machen: ich weiß nicht mehr weiter, übernimm du!

Da es doch eher unangenehm ist doch ständig drauf gewappnet sein zu müssen, dass die Software keinen Bock mehr hat, werden die Hersteller das Problem in Folge outsourcen: anstatt den Passagier zu belästigen wird die Aufgabe des schnellen Einschreitens an Menschen in einem Callcenter ausgegliedert. So wie sie uns jetzt durch die Einrichtung unserer WLAN-Routers leiten, werden sie in Zukunft das unser Auto für uns durch Baustellen fernsteuern, damit wir nicht von unseren Smartphones aufschauen müssen.

Ihr Job wird recht dröge sein: der Bildschirm leuchtet auf, sie sehen irgendeine Straße irgendwo auf der Welt, so als ob man wahllos auf Google Street View klickt. Nach kurzer Orientierung erkennen sie das Problem und leiten das Auto sicher um das Hindernis auf die Straße herum. Sobald das Auto wieder selbst weiter weiß, wird die Bildübertragung wieder unterbrochen und der Mensch im Drivecenter wird in die nächste Verkehrssituation gebeamt.

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Topnews: Firechat arbeitet an tragbaren Übertragungsverstärkern ihres Meshnetzwerks

Firechat ist die Messaging-App, die Nachrichten mittels Mesh-Netzwerken verbreitet (unterstützt unter anderem von Apples Multipeer Connectivity Framework). Open Garden, das Unternehmen hinter Firechat, arbeitet an diversen Angeboten rund um Meshnetzwerke. (siehe etwa GigaOm)

The Verge über eine neue interessante Neuigkeit von Open Garden:

The company is developing a new hardware widget called Greenstone, designed to sit between phones, fill holes in the network, and go places that phones can’t go. When Firechat founder Micha Benoliel first showed me the prototype, he was wearing one around his neck, an easy midpoint between the phone in his pocket and my phone, which I’d left on the other side of the table. The device also bridges over time, storing up to a thousand messages at once. If you need to send a message to a chat room that’s out of range, the Greenstone will store it locally until it can be delivered.

That failsafe is important because the underlying network is so choppy. Greenstone is built entirely on Bluetooth, which has limited range and relies heavily on line of sight. If the device is in a crowd of moving people (like a concert), the device will be constantly hopping between connections, moving in and out of dead zones. You can wake the Greenstone up by shaking it (you’ll see a few lights go off), which will trigger a search for other Greenstones in the area. You’d never want to stream video over this kind of network, but for something asynchronous and relatively low-bandwidth like a chatroom, it could work just fine.

Noch sind die "Greenstones" Prototypen.

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Topgerücht: Neuer Apple TV mit Appstore und SDK zur WWDC 2015

Apple TV wird voraussichtlich zur WWDC 2015 generalüberholt und ein SDK + Appstore bekommen:

Sources say Apple’s new Apple TV is a significant overhaul of the device, one intended to undergird Apple’s vision of what the TV viewing experience should be, and to raise the table stakes in a set-top box market cluttered with barely differentiated devices from Amazon, Roku, and others. If I’m understanding the company’s strategy correctly, the new Apple TV isn’t just a play for a stake of the streaming TV market, but for the mythical digital living room. Think TV, music, apps and a little bit of home automation as well.

Alex Olma auf iPhoneblog.de:

Die spannendste Info seiner Meldung ist der Zeitrahmen. Einen neuen Apple TV kündigt man nur während einer Entwicklerkonferenz an, wenn man dafür dann auch entwicklen kann.

Was ein Apple TV mit Appstore und Homekitintegration bedeuten würde, habe ich in "Der Smart-Home-Hub" ausführlich beschrieben.

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Amazon

Passend zu den AppleTV-Gerüchten: Amazon Updates Fire TV Lineup With Support For USB Storage, Wireless Headphones And More | TechCrunch:

Amazon announced this morning that its streaming media players Amazon Fire TV and Fire TV stick will be soon receiving a software update that will deliver a series of new features, including support for expandable USB storage and wireless Bluetooth headphones on the Fire TV, the ability to watch via Wi-Fi that requires authentication on both devices, and more. Additionally, the company says that the Fire TV Stick is now available in two new markets, the U.K., Germany and Austria.

Der Fire TV Stick ist jetzt in Deutschland vorbestellbar und wird ab 15. April ausgeliefert.

Amazon Has Quietly Acquired 2lemetry To Build Out Its Internet Of Things Strategy | TechCrunch:

Amazon is taking another step into the Internet of Things. TechCrunch has learned, and confirmed, that the e-commerce and cloud services giant has acquired 2lemetry, a startup based out of Denver that has developed an enterprise-focused platform to track and manage IP-enabled machines and other connected devices.

Amazon arbeitet hart an allen Fronten daran, ein wichtiger Händler und Player im Internet der Dinge zu sein. Man vergleiche das mit den Aussagen des Geschäftsführers des Elektronikonlinehändlers Notebooksbilliger in der letzten Ausgabe von "Vernetzte Welt".

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Xiaomi

Xiaomi’s Hugo Barra Confirms “No Plans” To Push Its App Store Outside China | TechCrunch:

During an on stage interview at Mobile World Congress in Barcelona, Barra made some emollient comments, going out of his way to stress that Xiaomi’s China app store model is not something it is planning to replicate in other markets.

So, in other words, despite having aggressive global expansions plans, Xiaomi’s business strategy is not about scaling up fast in order to push Google out of the Android value pipe by swapping out Mountain View services everywhere it operates.

Es gibt zwei Xiaomis: Eines in China, ein weiteres außerhalb von China.

Xiaomis neues TV-Gerät Mi TV 2: "A 40-Inch Android-Powered Smart TV for $320":

The new TV features a 40-inch full HD LED panel by Sharp with 5000:1 contrast ratio, a Cortex-A9 quad-core 1.45GHz CPU, 1.5GB of RAM, 8GB of flash storage and a MIUI TV Android-based OS.

Nur in China verfügbar. Aber das muss nicht so bleiben.

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"Pebble investiert 1 Mio. US-Dollar in Smartstrap-Entwicklung":

Anfang März kündigte Pebble zusammen mit der Steel-Version der neuen Smartwatch Pebble Time auch das neue Smartstrap-Konzept an. Die austauschbaren Uhrenarmbänder könnten die Pebble Time künftig um zusätzliche Funktionen erweitern. Um Dritthersteller für die Idee zu begeistern, hat das US-Unternehmen in dieser Woche einen Smartstrap Fonds mit einem Volumen von einer Million US-Dollar ins Leben gerufen. Mit dem Geld will Pebble ausgewählten Projekten Starthilfe geben, heißt es in der offiziellen Pressemitteilung.

Pebble, weder Apple Watch noch Android Wear, bleibt ein spannender dritter Ansatz einer Smartwatch. Der Plattformansatz in Verbindung mit einem Fonds zur Anschubfinanzierung für Hardwareerweiterungen ist interessant.

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"Das „Industrial Internet of Things“ macht Service zum Geschäftsmodell"

Holger Schmidt:

Das Internet of Things führt also weniger zu gesteigerten Hardwaregeschäften als vielmehr zu einem Ausbau des Servicegeschäfts und damit zu wiederkehrenden Erlösen. Dieses Servicegeschäft kann zunächst das Kernprodukt ergänzen, in einem nächsten Schritt dann sogar zu einem eigenständigen Geschäftszweig werden, wenn es als Plattform für den Rest der Industrie werden soll. Die folgende Abbildung zeigt nur einige prominente Unternehmen, die gerade versuchen, sich als Plattformanbieter für das Internet der Dinge zu etablieren. SAP/Jasper, Oracle, GE, IBM, Bosch und Microsoft wollen sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten als Zentralinstanz für das Industrial Internet of Things etablieren. Auf der Kosumentenseite stehen Apple, Google (Nest), Intel, Qualcomm, Samsung, Microsoft und jüngst auch Amazon in den Startlöchern, um ihre Position im Consumer-Internet auf das Consumer Internet of Things auszudehnen. Noch ist nichts entschieden, aber die Bemühungen der Anbieter sind sichtbar.

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About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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  • 343max

    Danke für das Fazit zu meinem „Auto“ Artikel, das ist genau das, was meinem Artikel fehlt, nicht nur wegen des sehr plastischen „Kind im brennenden Ölbad“ Bildes. Allerdings glaube ich nicht, dass das ein sonderlich deutsches Phänomen ist, schließlich ist diese Debatte nur eine mäßige Adaption der entsprechenden amerikanischen Diskussion. Ich glaube, wir haben es hier mit einem allgemeinen Medien- und Aufmerksamkeitphänomen zu tun: die Aufregende Zukunftsvision verbreitet sich nun mal besser als die realistische. Ein „OMG der Computer wird über Leben und Tot entscheiden!!1“ läuft nun mal besser als ein „vermutlich wird das selbstfahrende Auto einfach nicht losfahren, wenn die Bremsen im Arsch sind.“