Amazon und die Buchläden

Thomas Lang bei Carpathia über das Medienmeme der 300 bis 400 Buchläden von Amazon:

Symptomatisch ist, dass die zitierten Quellen aus der „alten Welt“ kommen und Amazon auf Bücher reduziert. Bzgl. Buch ist das gedruckte Buch für Amazon lediglich ein Puzzle-Teil in der gesamten Wertschöpfungskette vom Autor über Lektorat/Korrektorat bis hin zu Print (on demand). Der Hebel für Amazon liegt im Longtail, warum also sollte sich Amazon aufhalten mit kostenintensiven Flächen-Formaten die auf Bestseller und Schnelldreher fokussieren, was ja online bereits hervorragend funktioniert.

Amazon denkt in Ökosystemen und strebt die vollständige Kontrolle aller Wertschöpfungs-Komponenten an. Das zeigen auch die jüngsten Entwicklungen im Bezug auf Logistik (LKW-Flotte, Frachtflugzeuge, Hochsee-Schiffahrt). Und vor allem wird die Nähe zum Kunden gesucht, damit noch schneller ausgeliefert werden kann und vor allem auch, dass die richtigen Sortimente im richtigen Moment in die richtigen Regionen verschoben werden. Amazon hat hierzu vor genau 2 Jahren ein entsprechendes Patent für „Anticipatory Shipping“ eingereicht. Hierzu könnten kleine Flächen-Formate hervorragend passen. (..)

Auch Amazon weiss, dass es für Bücher keinen eigentlichen Laden braucht, auch wenn derjenige in Seattle ein Vorzeigebeispiel für einen digitalisierten POS darstellt. Vielmehr können Flächen für Amazon als Showroom-Formate sinnvoll sein. Zum einen, um die eigene Produktpalette von Endgeräten wie Kindle bis hin zu neuen Shopping-Devices wie Amazon Echo, Amazon Dash-Button oder Amazon Pantry nahe beim Kunden zu zeigen. Zum anderen, um Kunden Sortimente zu präsentieren, die eher mit höheren Retouren-Quoten behaftet sind wie Fashion etc.

Man könnte sagen, dass die unsinnigen Kommentare und Analysen bei FAZ, Süddeutsche und anderen, die von der dpa identifizierte „Ironie“, dass das alles überraschend naiv und fehlgeleitet wäre. Aber das wäre falsch.

Es ist nicht überraschend.

Die deutschen Publikumsmedien sind notorisch schlecht darin, Technologieunternehmen einzuordnen. Nichts ist einfacher, als eine Unternehmensstrategie vor Journalisten zu verheimlichen. Technologieunternehmen müssen sich dafür nicht einmal anstrengen. Eine Filiale mit Büchern reicht und alle reden davon, dass der Onlinehandelsriese Amazon einen Buchladen startet. Sickert ein Gerücht über weitere physische „points of sale“ (Ladengeschäfte) durch, gehen alle von Buchläden aus.

Das ist so hanebüchen, dass es schwer fällt zu verstehen, wie die führenden deutschen Wirtschaftsredakteure führende Wirtschaftsredakteure werden konnten.

Würde Amazon Läden eröffnen und sie rosa anstreichen, würde in den deutschen Massenmedien gemutmaßt werden, ob Amazon sich jetzt auf Frauen konzentriere.1

Ich hatte im Dezember letzten Jahres über Amazons mögliche Ladenstrategie anlässlich der Eröffnung des Experiments in Seattle geschrieben und ähnliches festgehalten wie Lang:

Natürlich wird Amazon über kurz oder lang in Berlin einen Flagshipstore errichten. So wie es das Unternehmen in London, Paris, New York und anderen Weltmetropolen tun wird.

Diese kommenden Läden präsentieren zwar Bücher, sind aber in erster Linie dafür da, um die wachsende Zahl an Amazon-Geräten potenziellen Kunden vorführen zu können.

Amazons ‚Buchläden‘ werden Ausstellungsräume für Echo, Fire Tablets und Fire TVs sein. Sie werden näher an Apple Stores als an Thalia sein. (Und sie werden ebenso wie die Apple Stores Thalia um ein Vielfaches überleben.)

Gemessen an der wachsenden strategischen Bedeutung der Devices für Amazon, ist das ein nachvollziehbares Vorgehen.

Update: Re/code:

Amazon will indeed open up more bookstores, but it also plans to eventually unveil other types of retail stores in addition to bookstores, according to two sources familiar with the plans. It’s not yet clear what those stores will sell or how they will be formatted, but the retail team’s mission is to reimagine what shopping in a physical store would be like if you merged the best of physical retail with the best of Amazon.

One source says the team is experimenting with some of the ideas discussed in this retail-store-related patent application that Re/code uncovered last year. One of the experiences discussed in the application would allow customers to pick an item from a shelf and automatically be charged for it upon exiting the store without stopping to pay at a checkout counter or kiosk. (..)

In addition to its college campus stores and the new Seattle bookstore, Amazon currently operates pop-up shops in some California malls and Amazon device vending machines in some airports.


  1. Verlässliche Dinge in der deutschen Medienwelt: Technophobie, latente Fremdenabneigung und Genderklischees. Folgen einer homogenen Redaktionswelt, die von weißen alten Männern dirigiert wird. 

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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