Entlassungen retten Soundcloud nur bis zum vierten Quartal. Was nun?

Es steht sehr viel schlechter um Soundcloud als bisher vermutet. Die letzte Woche bekannt gewordenen zahlreichen Entlassungen helfen dem Unternehmen nur kurzzeitig weiter, wie TechCrunch erfahren hat:

[…]sources at SoundCloud tell TechCrunch that founders Alex Ljung and Eric Wahlforrs confessed the layoffs only saved the company enough money to have runway “until Q4” which begins in just 50 days. […]

SoundCloud PR admitted that “We are fully funded into Q4,” though it says it’s in talks with potential investors.

Die Stimmung ist bei Soundcloud entsprechend schlecht. Es ist schwer zu sehen, wie Soundcloud aus diesem Tal wieder herausfinden soll, wenn selbst verbliebene Mitarbeiter das Unternehmen verlassen, weil sie kein Vertrauen in die Zukunft des Unternehmens haben (und man ihnen das fehlende Vertrauen nicht verübeln kann):​

one employee who asked to remain anonymous told TechCrunch “it’s pretty shitty. Pretty somber. I know people who didn’t get the axe are actually quitting. The people saved from this are jumping ship. The morale is really low.”

Another employee from a different office described the all-hands as “a shitshow” and said “I don’t believe that people will stay. The good people at SoundCloud will leave. Eric [Wahlforss] said something about the SoundCloud ‘family,’ and there were laughs. You just fired 173 people of the family, how the fuck are you going to talk about family?”

Soundcloud, das hatte ich bereits geschrieben, ​hat wie jedes Musik-Startup das Problem, dass es gegen und mit den Majorlabels arbeiten muss.

Zusätzlich scheint es bei Soundcloud aber keine klare Strategie zu geben, wie es weitergehen soll:

One of the facts that was most frustrating to SoundCloud staff was that the company continued hiring people into positions that would be eliminated up until the last minute, with some workers joining SoundCloud as little as two weeks before the layoffs. […]

During the all-hands, both sources say it was revealed that SoundCloud had known for months that it had to lay off a large number of people, yet didn’t properly inform the team that it should be cutting costs. “The investors said [the wave of layoffs] was part of the conditions” one source said were in reference to the $70 million debt funding SoundCloud received in March from Ares Capital, Kreos Capital, and Davidson Technology after it failed to raise $100 million in venture funding.

Es gab Gerüchte, dass Spotify und Deezer an Soundcloud interessiert waren, Twitter war vor längerer Zeit ebenfalls interessiert. Es sieht so aus, als wollten die Gründer aber Soundcloud unabhängig halten:

Despite the startup’s financial troubles, Ljung told those in attendance at the all-hands meeting he was adamant about SoundCloud staying independent and there’s no intention to sell the company. That hesitation may have cost a lot people’s jobs.

Es sieht jetzt nicht mehr danach aus, als wenn das noch lange der Fall sein wird. Soundcloud geht schnell das Geld aus. Ein Unternehmen, das 40% seiner Belegschaft entlässt und das auf eine Art macht, die dazu führt, dass weitere Mitarbeiter vorsichtshalber sich nach anderen Jobs umschauen, ist nicht mehr in der Lage, sich mit, zum Beispiel, Produktinnovationen aus der misslichen Lage zu befreien.

Und man solle sich da keine Illusionen machen: Kein Risikokapitalgeber wird jetzt bei Soundcloud einsteigen. Bereits die letzte Finanzierungsrunde bestand aus einer Kreditfinanzierung, weil man nicht erfolgreich an Risikokapital gekommen ist.

Go+, das Spotify-ähnliche Angebot von Soundcloud, hat nie viel Sinn ergeben und scheint nicht sonderlich angenommen zu werden (Go+, munkelte man, wurde Soundcloud von den Majors ‚ans Herz gelegt‘): ​

In the all-hands, both sources say Ljung discussed SoundCloud getting back to its roots by prioritizing its open creator platform and the mid-tier Go subscription plan, rather than focusing on Go+ and the mainstream music of major record labels.

Soundcloud hat sich oft als das „YouTube für Audio“ bezeichnet. YouTube hätte ein größeres Vorbild für Soundcloud sein sollen:

Ohne die Übernahme durch Google hätte der Videodienst damals nicht mehr lang überlegt. (Vor allem dank sehr viel massiverer Urheberrechtsprobleme, die zum Teil absichtlich hausgemacht waren, um schnell zu wachsen. (Ein Grund, warum das gleichaltrige Youtube viel schneller viel größer wurde als Vimeo.))

Techcrunch:

That’s why it’s so worrisome that one employee of SoundCloud concluded “There’s no strategy.”

​Soundcloud wäre bei einem größeren Unternehmen besser aufgehoben. Und jetzt sieht es danach aus, als wenn Soundcloud sich das künftige Zuhause immer weniger wird selbst aussuchen können. Soundcloud ist zu groß, um einfach zu verschwinden. Aber je nachdem wo es landet, könnte es entweder ein Audio-Youtube/Instagram werden oder ein Tumblr. Sprich, es macht einen großen Unterschied, ob der Käufer Richtung Facebook oder Yahoo tendiert. Das Hinauszögern des unvermeidlichen Verkaufs verbessert hier nicht die Aussichten für Soundcloud.

Wired:

„Nach wie vor sind sehr viele Künstler auf SoundCloud angewiesen – auch wenn die Plattform infolge von nicht nachvollziehbaren Änderungen in den letzten Jahren für sehr viel Unruhe in Künstlerkreisen gesorgt hat“, sagt Branchenexpertin Barbara Hallama, die unter anderem bei Apple für iTunes tätig war und als DJ selbst bei SoundCloud vertreten ist. „Die Reichweite, die man dort bekommt, kann auf keiner anderen vergleichbaren Plattform erreicht werden.“ […]

Analyst Mark Mulligan von Midia Research sieht den Grund des Scheiterns ebenfalls bei der Monetarisierung. Soundcloud brauche ein Ökosystem, in dem es seine Eigenarten pflegen und entwickeln könne und sich nicht selbst um Einnahmequellen kümmern müsse. Als wirklichen Vorteil des Startups sieht der Marktforscher die Beziehung zwischen den Künstlern und den Fans auf der Plattform, den Musikkatalog und den Ruf von SoundCloud als Sprungbrett für Newcomer. Diese drei Komponenten biete derzeit keine andere Plattform.

Tatsächlich hat sich Soundcloud produktseitig die letzten Jahre praktisch nicht weiterentwickelt.

Was Soundcloud längst Musikern anbieten müsste:

  • Eine Art Patreon für Musiker auf Soundcloud
  • Daran anschließend, Werkzeuge, die Musikern verschiedene Interaktionsarten mit ihren Fans bieten (siehe zum Beispiel die Snapchat-artigen Stories, die Patreon jetzt einführt)
  • Direkte(re) Anbindungen an Konzertdaten und -tickets und Merchandise-Shops usw. für Musiker
  • Soundcloud müsste längst die Plattform sein, die alle Label-Funktionen für Musiker anbietet (neben obigem zum Beispiel auch: Vermittlung von Mastering, algorithmisches Mastering selbst anbieten, Distribution von ausgewählten Tracks an andere Streamingdienste & Shops, etc.)
  • Sprich: Warum ist Soundcloud, nach 10 Jahren, nicht längst die One-Stop-Shop-Lösung für aufstrebende Musiker, die dank Services und Social Network gar keinen Grund haben, jemals die Plattform wieder zu verlassen, egal wie groß und populär sie werden?

Weil Soundcloud nichts davon anbietet, gehen die unbekannten Musiker, sobald sie über Soundcloud bekannt geworden sind, zu Labels und Streamingdiensten wie Spotify und Apple Music über. Soundcloud macht sie groß und ‚verliert‘ sie, sobald sie populär werden. (Sie bleiben auf der Plattform, aber die Tracks landen mehrheitlich nicht mehr dort.)

Zusätzlich hätte Soundcloud den „Youtube für Audio“-Slogan ernst nehmen sollen:

  • Statt sich rein auf Musik zu konzentrieren und für Podcaster nur rudimentäre Funktionen anzubieten. (Der praktisch einzige Unterschied für Podcasterprofile auf Soundcloud ist ein RSS-Feed, den man zum Einspeisen in iTunes eta al benötigt.)
  • Soundcloud hat praktisch alle Voraussetzungen, die führende Podcast-Plattform zu werden.
  • In fact, Soundcloud ist der einzige Player, der es im Podcast-Bereich mit Apples iTunes hätte aufnehmen können.
  • Podcasts plattform-/netzwerkseitig zu dominieren, hätte für Soundcloud einen stark wachsenden Werbemarkt aufgemacht.
  • Gleichzeitig hätten Podcasts als zweiters Standbein dafür gesorgt, dass Soundcloud weniger abhängig wird von der Musikbranche und dem Wohlwollen der Majors (die immer mit Urheberrechtsklagen drohen konnten).

Nichts davon wird jetzt noch passieren.

Jetzt heißt es erst einmal nur noch: Wer wird Soundcloud übernehmen?

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About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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