Das größte Opfer des Cambridge-Analytica-Falls wird Datenportabilität sein, und Facebook wird weiter verfestigt

Die Facebook-App, welche Cambridge Analytica über ihren Macher 50 Millionen Nutzerprofile verschafft hat, kam nur auf diese Masse an Daten, weil das mittlerweile eingestellte Open Graph v1 es Nutzern erlaubte, Informationen ihrer Freunde zu teilen.

Die Freunde selbst haben davon nicht zwingend etwas erfahren. Es sei denn, sie nutzten eben die gleiche App. Minimierte Reibung.

Warum es wichtig ist: Nur so kann Datenportabilität funktionieren. Ich nutze Facebook und will ein anderes Social Network benutzen. Um bei dem anderen Social Network meine Freunde ohne viel Aufwand zu finden, importiere ich meine Freunde, und vielleicht gleich noch Fotos usw.. Solche Funktionen zu ermöglichen und gleichzeitig den Missbrauch a la Cambridge Analytica zu unterbinden, erscheint nur schwer möglich. Ohne Datenportabilität bleibt allerdings der Größte der Größte.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist Cambridge Analytica nicht das einzige Unternehmen, das gesammelte Facebook-Daten, die in großem Umfang über Open Graph v1 verfügbar waren, zweckentfremdet und unerlaubt genutzt hat.

Ben Thompson auf Stratechery über Open Graph v1, das Nutzern erlaubte, fast alle auf Facebook existierenden Daten von ihnen und ihren Freunden zu teilen, ohne die Gefahr für die Privatsphäre der Nutzer mitzudenken:

That Facebook pursued such a strategy is even less of a surprise than Google’s imperious adoption of Wikipedia as conspiracy theory debunker: Facebook’s motto was “Making the world more open and connected”, and the company has repeatedly demonstrated a willingness to do just that, whether users like it or not. That’s the thing with branding: what people think about your company is not so much what you say but what you do, and that many people immediately assume the worst about Facebook and privacy is Facebook’s own fault.

​Thompson sieht eine direkte Regulierung von Facebook am Horizont:

Facebook, meanwhile, has always seemed more immune to antitrust enforcement: its users are its suppliers, so what is there to regulate?

That, though, is the answer: user data. It seems far more likely that Facebook will be directly regulated than Google; arguably this is already the case in Europe with the GDPR. What is worth noting, though, is that regulations like the GDPR entrench incumbents: protecting users from Facebook will, in all likelihood, lock in Facebook’s competitive position.

Indeed, an unintended casualty of this weekend’s firestorm is the idea of data portability: I have argued that social networks like Facebook should make it trivial to export your network; it seems far more likely that most social networks will respond to this Cambridge Analytica scandal by locking down data even further. That may be good for privacy, but it’s not so good for competition. Everything is a trade-off.

Datenportabilität ist bereits jetzt praktisch nicht mehr existent bei den großen Anbietern. GDPR und die Folgen des Cambridge-Analytica-Falls werden zu weiteren API-Abschaltungen und verschwindenden Funktionen führen.

Höhere Wechselhürden, gestärkte Monolithe.

Facebook mag künftig stärker reguliert und staatlich überwacht werden. Aber die Marktführerschaft von Facebook wird gleichzeitig noch sicherer sein, als sie es ohnehin bereits ist.

Wir bekommen wieder mehr Reibung und ein (vielleicht?) verringertes1 Missbrauchspotenzial, aber wir verlieren auch noch mehr jedwede Möglichkeit für mehr Vielfalt und Wettbewerb unter Social Networks. Zum Glück sind wir alle glücklich mit Facebook.

Ein weiterer Punkt: Wie genau kann vor dem Hintergrund all dieser Entwicklungen eigentlich ein dezentrales Social Network funktionieren?


  1. Die oben angesprochene Funktionalität (Open Graph v1), die all das erst ermöglichte, existiert bereits seit längerem nicht mehr. 

Was 100 Millionen Amazon Prime-Accounts wirklich bedeuten

Amazon-Prime-2018

Endlich eine vernünftige Ansage von Jeff Bezos. Statt relativer Wachstumszahlen die erste Zahl, wie viele Prime-Accounts Amazon weltweit hat.

Warum es wichtig ist: Amazon Prime ist ein kategorienübergreifendes Bündel, das den Onlinehandel in den nächsten Jahren sehr stark prägen wird. Denn Prime bindet die Haushalte mit überdurchschnittlichem Einkommen in vielen Produktkategorien an Amazon. Da der Onlinehandel naturgemäß langsam aber sicher dem klassischen Handel den Rang abläuft, wird Prime viele direkte und noch mehr indirekte Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft haben. Denn auch eine Strategie abseits Amazons muss die Existenz von Amazon und Prime mitdenken, wenn die Durchdringung von Prime in der Bevölkerung entsprechend hoch sein wird. Weiterlesen

„Facebook hasn’t taken our data—they have created it.“

Alex Tabarrok auf Marginal Revolution:

Facebook, Google and other tech companies are accused of stealing our data or at least of using it without our permission to become extraordinarily rich. Now is the time, say the critics, to stand up and take back our data. Ours, ours, ours.

In this way of thinking, our data is like our lawnmower and Facebook is a pushy neighbor who saw that our garage door was open, took our lawnmower, made a quick buck mowing people’s lawns, and now refuses to give our lawnmower back. Take back our lawnmower! Weiterlesen

Macht der Bündel: Wie Spotify Amazon Prime gefährlich werden kann

Spotify-hulu

Teil 1 unseres großen Bündel-Thementages. Spotify bietet ein Abo-Bündel mit dem US-amerikanischen TV-Streaming-Anbieter Hulu an.

Warum es wichtig ist: Es gibt bekanntlich zwei Wege, Geld zu verdienen: Angebote entbündeln und Angebote bündeln. Spotify könnte mit der Hulu-Kooperation den Weg zu einer sehr profitablen Zukunft gefunden haben, die mittelfristig sogar Amazon Prime zu schaffen machen könnte. Da Prime wichtige Teile des Onlinehandel und des TV-On-Demand-Streamings bedroht dicht zu machen, wären schnell weitere Partnerschaften zwischen Spotify und Abo-Anbietern aus anderen Sektoren nicht überraschend. Weiterlesen

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About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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