Unternehmen müssen heute in Fähigkeiten statt in Geschäftsmodelle „investieren“

Alexander Graf auf Kassenzone:

Ich persönlich traue mir nicht zu vorherzusagen, welche Anbieter und Geschäftsmodelle 2025 dominieren werden und wer davon am meisten profitiert. Ich glaube allerdings fundamental daran, dass 2025 Geschäftsmodelle dominieren, die wir heute noch nicht kennen. Das ist auch der Grund dafür weshalb ich sage, dass Unternehmen nicht mehr in Geschäftsmodelle „investieren“ sollten, sondern nur noch in Fähigkeiten. Fähigkeiten schneller zu agieren. Fähigkeiten sich schneller verändern zu können. Fähigkeiten den Markt zu gestalten und nicht zu immitieren. Klingt anstrengend und wenig attraktiv? Gemessen an den goldenen Standards großer Unternehmen aus den 70er,80er & 90er Jahren ist das die Hölle! Aber was ist die Alternative?

Abstrakt aber präzise zusammengefasst.

Aber um das zu erreichen, müssen nicht nur Prozesse und Strukturen verändert werden sondern auch die Unternehmenskulturen selbst geändert werden. Das ist in fast allen Fällen unmöglich.

Oder anders: Solche radikalen Veränderungen werden für Unternehmen in der Regel überhaupt nur möglich während einer Nahtoderfahrung. (Je größer ein Unternehmen, desto eher trifft diese Regel zu..) ‚Möglich sein‘ ist nicht gleich bedeutend mit ‚Erfolgreich sein‘. In so einer Situation kann mehr schief gehen, als die Mitarbeiter eines Unternehmens beeinflussen können. Apple ist auch hier die große Anomalie der Wirtschaftsgeschichte.

And now for something completely different: Apple gehört mit seinen 40 Jahren bereits zu den älteren Unternehmen. Warum ist die durchschnittliche Lebensdauer von Unternehmen sehr viel kürzer als die von Menschen? Könnte es für die vergleichsweise kurze durchschnittliche Lebensdauer von Unternehmen (neben Übernahmen) Gründe geben, die durch die digital verursachten radikalen Veränderungen unserer Zeit „nur“ verstärkt werden..?

Die Antwort auf diese Frage ist ein deutliches Ja.

Wenn deutsche Massenmedien Eigeninteressen haben, VG-Wort-Edition

Martin Vogel im Perlentaucher:

Nachdem der BGH und alle anderen Gerichte festgestellt haben, dass die bisherige Verteilungspraxis der VG Wort – die Verleger erhielten bis zur Hälfte – rechtswidrig ist, stellt die Bundesregierung die „bewährte Praxis“ in einem neuen Gesetz wieder her. Die Autoren dürfen jetzt ihr Einverständnis mit der Preisgabe ihrer Ansprüche erklären – und verlieren 30 Millionen Euro jährlich. Selbst wenn einer dagegen klagt, wird diese Revision der Rechtsprechung durch den Gesetzgeber jahrelang bestehen bleiben. […]

Und noch ein Wort zu den Machtverhältnissen: manch einer wird sich noch daran erinnern, wie die Verlage von FAZ und SZ ihr Geld und ihre publizistische Macht dafür einsetzten, den Perlentaucher als kleines Start-up-Unternehmen wegen der Verletzung der Urheberrechte ihrer angestellten Journalisten vor Gericht in die Knie zu zwingen, begleitet von organisierter Empörung auf den Feuilletonseiten. Die Verlage haben diesen Prozess vor dem BGH ganz überwiegend verloren, und der Perlentaucher hat überlebt. Wenn er hätte schließen müssen, wäre das ganz leise von statten gegangen, ohne Klagelied der Kulturpolitik und Kulturwirtschaft. Heute ist er auf dem Gebiet der Kultur eine publizistische Institution. Er hat sich nicht gescheut, im Streit über die Verlegerbeteiligung die publizistische Lücke zu schließen und der vor Gericht in Sachen „Verlegeranteil“ immerhin viermal obsiegenden Rechtsauffassung dort ein Forum zu bieten, wo die Qualitätspresse ihren Lesern gezielt eine Darstellung der Urteilsgründe vorenthalten hat.

Obwohl die Massenmedien die Vorgänge der VG Wort und die Verfahren von Vogel begleitet haben, ist Martin Vogel dort nicht einmal zu Wort gekommen.

Wer sich noch daran erinnert wie die deutschen Massenmedien beim Presseleistungsschutzrecht zu Propagandamaschinen in eigener Sache wurden, dürfte nicht überrascht sein.

Europas neue GPS-Alternative Galileo ist akurater und offen für alle

heise:

Zu den Diensten gehöre eine präzisere Navigation für Privatnutzer, erläutert die Kommission. Das erste Galileo-Smartphone des spanischen Unternehmens BQ sei bereits auf dem Markt, andere Hersteller dürften bald nachziehen, hofft die Kommission. Ab 2018 werde auch jedes in Europa verkaufte neue Fahrzeugmodell mit Galileo ausgerüstet sein; dadurch werde auchder Autonotruf eCall ermöglicht. Besonders in städtischen Gebieten, wo die Satellitensignale häufig von hohen Gebäuden gestört werden, seien durch Galileo Vorteile zu erwarten.

The Register:

After a long and much-delayed 17-year gestation, Europe’s answer to America’s GPS system has been switched on.

The Galileo network will offer a free service with an accuracy of one metre, and can pinpoint locations down to a few centimetres for paying customers. The service has 18 satellites in orbit, with 30 projected by 2020 at the latest.

Ein zwar technisch besseres, aber redundantes System zu GPS wäre noch vor ein paar Wochen eine zumindest fragwürdige Investition gewesen.

Jetzt, mit der künftigen US-Regierung, und der wachsenden Bedeutung etwa autonomer Automobile in naher Zukunft, kommt Galileo keine Sekunde zu früh:

„Geo-localisation is at the heart of the ongoing digital revolution with new services that transform our daily lives,“ said Maroš Šefčovič, vice-president of the European Commission.

„Galileo will increase geo-location precision ten-fold and enable the next generation of location-based technologies; such as autonomous cars, connected devices, or smart city services. Today I call on European entrepreneurs and say: imagine what you can do with Galileo – don’t wait, innovate.“

Europa macht sich so zum richtigen Zeitpunkt ein kleines bisschen unabhängiger von den USA.

Zur Geschichte des in Prag sitzenden Galileo-Systems kann man unter anderem Wikipedia befragen.

Warum #wearetwitter ein unrealistischer Traum ist

Angestachelt von den Verkaufsgerüchten von Twitter -wer nicht aufgepasst hat: mindestens Disney und Salesforce haben genauer hingeschaut und dankend abgelehnt-, denken ein paar der Twitter-Nutzer darüber nach, Twitter zu übernehmen und in eine den Nutzern gehörende Kooperative (weil Genossenschaft zu altbacken klingt) zu überführen.

Aus der auf Twitter Wellen schlagenden Petition:

Einige von uns wollen eine Kooperative ins Leben rufen, die weitere Twitter-Nutzerinnen und -Nutzer gewinnen will, in der Hoffnung, einen Deal hinzubekommen. Einen fairen Deal, der diejenigen belohnt, die dabei geholfen haben, das Twitter wie wir es lieben zu kreieren. Wir hoffen, dass diese mit uns zusammenarbeiten werden. Twitter ist dabei nur ein Anfang, eine Chance, einfach mal über ein Werkzeug nachzudenken, mit dem man große Plattformen gemeinsam besitzen könnte; unsere Kooperative denkt bereits darüber nach, wie man gemeinschaftlich geteilte Inhaberschaften auch an anderen Stellen des Internet umsetzen könnte.

Wir, die Unterzeichner, fordern Twitter auf mit uns zusammenzuarbeiten, um die Zukunft des Unternehmens gemeinsam mit denjenigen zu gestalten, die am meisten an seinen Services hängen. Einige von uns sind TWTR-Aktionäre und haben bereits zugesagt, unser Anliegen durch die Übertragung ihrer Stimmrechte zu unterstützen, damit der Aufkauf durch ein Großunternehmen verhindert und eine bessere Lösung gefunden werden kann.

Markus Spath beschreibt einige der Herausforderungen auf hackr.de:

in einem zweiten schritt müsste man dann zeigen, dass ein genossenschaftliches modell ein garant dafür wäre, dass twitter in ein bald nicht mehr erkennbares konstrukt transformiert würde, das dann zwar allen u/o vielen gehört, jeden ursprünglichen sinn aber verloren hat. das nur mal in den raum gestellt, aber wer sich in johnnys googledoc anschaut, welches abstruse macro- und micromanagement sich schon bei einer beteiligung von 10 oder 20 leuten einstellt (kaufen oder reicht auch nachbauen? open sourcen oder nicht? be excellent als motto oder nur kein dick? vl. ein karma-system, aber ab wann ausschluss und was ist überhaupt hatespeech? foto/video/audio oder nicht? 140 zeichen oder mehr? oder 140 zeichen aber links und sagen wir 10 mentions werden nicht mitgezählt? favs oder hearts? conversations als baum oder liste? vl. ein flag für important? vl. verlust vom handle bei inaktivität? und wer machts eigentlich, ein team oder freestyle open source prozeß und offices vl. in berlin? free oder freemium oder paid und ggf. was wann und wie überhaupt mit ads? vl. auf basis vom interplanetary file system? […]

Reden wir nicht lang um den heißen Brei herum: Die schiere Unmöglichkeit des Unterfangens ist geradezu grotesk.

Zunächst allgemein:

  • Es gibt keinen Präzedenzfall, in dem ein milliardenschweres, an der Börse notiertes Unternehmen in eine Genossenschaftsform überführt wurde.
  • Es gibt große und kleine Shareholder, die hier ein Mitspracherecht haben. Die Kleinanleger, die jetzt bereits an Bord sein mögen, sind in jeder Hinsicht irrelevant.
  • Es braucht ein mehrstufiges Governance-Modell und ein Übergangsmodell, für die längere Übergangszeit, welche beide ausgehandelt werden müssten. Hat irgendeine/r der Initiatoren bereits ein Unternehmen an die Börse gebracht oder von der Börse genommen? Die Komplexität hier ist enorm.
  • Es gibt keine erfolgreiche Kooperative, die einen Internetdienst bereitstellt, der auch nur annähernd in der Liga von Twitter spielt, was Reichweite und Komplexität des Tagesgeschäfts betrifft. Es ist sehr viel einfacher (um Dimensionen einfacher) eine Kooperative neu aufzubauen, als diese Governanceform über ein bereits bestehendes, zehn Jahre altes Unternehmen mit Tausenden Mitarbeitern zu stülpen.

Das sind die allgemeinen Bedenken, die bereits ausreichen sollten. Wer wirklich an Kooperative und Twitter glaubt, sollte einen neuen Mikrobloggingdienst aufsetzen. Das hat mehr Erfolgsaussichten und wird nicht Jahre benötigen, um überhaupt bestenfalls an einen Anfang zu kommen, an dem ein nennenswerter Wechsel in spürbare Reichweite rücken könnte.

Aber kommen wir jetzt zu den Bedenken konkret bei Twitter:

  • Wie viele Initiatoren haben sich die jüngsten Quartalsberichte von Twitter angeschaut?
  • Das Unternehmen verzeichnet seit Jahren jedes Jahr jährliche Verluste von mehr oder weniger einer halben Milliarde US-Dollar. (Obwohl der Umsatz konstant wächst.)
  • Kombiniert mit einer Belegschaft von mehreren Tausend Mitarbeitern und einer fehlenden substanziellen Weiterentwicklung des Produkts haben wir hier ein schlecht geführtes, unprofitables Unternehmen (das zufällig einen populären Dienst betreibt).
  • Ein Problem für Twitter ist seit Jahren die extrem hohe Bewertung des Unternehmens, die aus den frühen hohen Erwartungen entstanden ist. Twitter ist, um es schlicht zu sagen, hoffnungslos überbewertet, auch mit dem heutigen Aktienkurs noch. Twitter war und ist zu teuer. (Paywall) Neben anderen Gründen dürfte auch das dazu gefunden haben, das keiner der Kandidaten für eine strategische Übernahme zugegriffen hat.

Das führt uns zu folgender Situation:

Die künftigen Twittergenossen müssten bereit sein:

a.) Viel Geld zu verlieren. (Sobald tatsächlich ein Übernahmeprozess in Gang kommen würde, würde der Aktienkurs eher etwas steigen statt fallen.) Sie müssten Twitter zu einem Preis übernehmen, den das Unternehmen nicht wert ist. Sprich, egal welche Einnahmequellen künftig aufgemacht würden, ein signifikanter Teil des Geldes wäre unwiderruflich verloren.

b.) Die Twittergenossen müssten -jetzt wird es düster-, bereit sein sehr viele Twitter-Mitarbeiter, vielleicht mehr als Tausend, zu entlassen. Es ist offensichtlich, dass zu viele Menschen bei Twitter arbeiten, die einerseits die Kosten hoch treiben (an erinnere sich an die halbe Milliarde US-Dollar Verluste pro Jahr trotz steigender Umsätze), andererseits aber nichts Relevantes zum Produkt oder Geschäft beitragen. (man vergleiche die Mitarbeiterzahlen von Twitter mit Facebook oder Snapchat)

Ein Twitter ohne exorbitante Verluste geht nur mit Entlassungen.

So unschön das ist, aber was Twitter tatsächlich braucht, sind nicht blauäugige Twitternutzer, die es gut meinen, sondern einen Gordon Gekko. Twitter braucht jemanden, der radikal den Rotstift ansetzt, so bitter das für die heutigen Angestellten ist.

Und zu diesem Zeitpunkt haben wir noch nicht einmal darüber gesprochen, wie Produktentscheidungen künftig getroffen werden sollten. Ich bin nicht so skeptisch wie andere, dass man eine Organisation und (Weiter-)entwicklung nicht gemeinschaftlich/genossenschaftlich organisieren könnte. Das verlangt „nur“ entsprechende mehrstufige Abstimmungsprozesse und entsprechende Werkzeuge und Organisationsstufen; eine Metaorganisation sozusagen. So etwas in funktionierender Form zu bauen, ist allerdings ausgesprochen schwierig. (Es ist in dieser Liga sehr viel komplexer als eine reine Unternehmensorganisation.) Besonders ohne Orientierungspunkte, wie das in dieser Dimension funktionieren könnte. Dieses Vorhaben gleich mit der Übernahme eines so schwierigen Falles wie Twitter mit all seinen Herausforderungen, bestehenden Strukturen und Prozessen verbinden zu wollen, ist völlig illusorisch und fernab jeder organisatorischen Realität.

Warum beschäftigen sich also so viele intelligente Menschen mit einer solchen kolossalen Zeitverschwendung? Weil ihnen, den täglichen Twitternutzern, denen, die in vielen Fällen Twitter seit nun bald zehn(!) Jahren täglich(!) benutzen, dieses Twitter so viel bedeutet. Es wäre für sie eine Katastrophe, würde Twitter einen langsamen, aber unaufhaltbaren Tod sterben. Aber genau danach sieht es immer mehr aus.

Es ist ein Traum, nicht mehr, nicht weniger; leider ein völlig unmöglich umzusetzender Traum.

Nur 5,3 Prozent aller Entwickler in Deutschland sind Mobile-Entwickler

Stack Overflow, die größte Entwicklercommunity weltweit, hat den ersten „Entwickler-Standort-Report Deutschland“ vorgelegt. Demnach gibt es „709.033 Entwickler in Deutschland, davon 59,6 Prozent Full-Stack-Entwickler“. (Was einige Hobby-Coder einschließen sollte.)

Aus der Pressemitteilung:

Die genutzten Programmiersprachen in Deutschland sind vielfältig, unangefochten an der Spitze jedoch steht Java mit 96.068 Entwicklern, die diese Sprache beherrschen – das entspricht 13,7 Prozent aller Entwickler in Deutschland. Python liegt auf Platz zwei und gehört zum Repertoire von 90.929 Entwicklern (12,8 Prozent).
Im mobilen Wettstreit schlägt die Zahl der Android-Entwickler mit 24.683 Entwicklern mengenmäßig klar die iOS-Entwickler mit 13.223. Der Anteil der Android-Entwickler an allen Entwicklern im Mobilebereich liegt somit bei 65,1 Prozent.

Das ist nicht überraschend: Der Marktanteil von Android gegenüber iOS ist in Deutschland (und in Europa allgemein) besonders hoch.

Auch wenig überraschend ist, dass Berlin näher am (mobilen) Puls der Zeit als der Rest der Republik ist:

Besonders an der Region Berlin ist die hohe Dichte an Mobile-Entwicklern: Ihr Anteil beträgt 6,1 Prozent im Gegensatz zu 5,3 Prozent im deutschen Durchschnitt.

Das ist der Unterschied zwischen Entwicklern in Startups und, sagen wir, Entwicklern in Unternehmen wie 1&1. (Besonders auch die Popularität von Java sagt viel über den IT-Standort Deutschland aus.)

Allerdings gemessen an der rasanten Entwicklung des mobilen Internets sind diese Zahlen, auch jene für Berlin, viel zu niedrig.

Hinter den Extremforderungen zum EU-Presseleistungsschutzrecht liegt Gewissheit

Julia Reda, Abgeordnete der Piraten im EU-Parlament und stellvertretende Vorsitzende der Fraktion der Grünen/Freie Europäische Allianz, im Interview mit Spiegel Online zum geplanten EU-Leistungsschutzrecht, das sich im Vorschlag für das neue EU-Urheberrecht (PDF) findet, das EU-Digitalkommissar Günther Oettinger am 21. September der EU-Kommission vorstellen wird:

Das Leistungsschutzrecht für Presseverleger funktioniert schon in Deutschland nicht – jetzt soll europaweit offenbar eine noch verschärfte Variante kommen. Das deutsche Leistungsschutzrecht hat eine Schutzdauer von einem Jahr, mit der Überlegung, dass ein ein Jahr alter Nachrichtenartikel wohl seinen Nachrichtenwert eingebüßt haben wird. Der Kommissionsvorschlag sieht für das Leistungsschutzrecht eine Schutzdauer von 20 Jahren vor, das ist völlig jenseits von Gut und Böse. Anders als im deutschen Recht soll sich der Schutz auch nicht allein auf Suchmaschinen und Nachrichtenaggregatoren beziehen. Nachrichten- und Zeitungsverlage würden ein neues Leistungsschutzrecht bekommen, das sie gegen jeden anwenden können, der Teile ihrer Artikel kopiert oder im Internet zur Verfügung stellt.

Auch Snippets fehlen im EU-Entwurf. Im deutschen Presseleistungsschutzrecht sind „einzelne Wörter und kleinste Textausschnitte“ ausgenommen.

Leonhard Dobusch auf netzpolitik.org über all die Punkte, die im Entwurf fehlen:

Das Schlimmste an dem Kommissionsentwurf sind aber nicht einmal Klauseln wie jene zum Leistungsschutzrecht, sondern es sind die zahlreichen Punkte, die fehlen. Im folgenden nur ein paar der vielen notwendigen Reformen, die mit keinem Satz erwähnt werden:

Panoramafreiheit: Obwohl die Kommission zu diesem Thema sogar eine eigene öffentliche Konsultation abgehalten hat, findet sich dazu weder etwas im Entwurf noch im Impact Assessment. Es gelten also weiterhin unterschiedliche Regelungen zu Panoramafreiheit in Europa.
Schrankenchaos: Alle bestehenden Ausnahme- und Schrankenregelungen bleiben wie bisher optional, der Flickenteppich an Ausnahmen bleibt bestehen.
Fair Use: Weiterhin fehlt es in Europa an einer offenen Klausel nach Vorbild des Fair Use im US-Copyright; Projekte wie Google Books, verschiedene Formen von Remixkreativität und ganz allgemein innovative neue Nutzungsformen sind damit in Europa weiterhin viel schwieriger möglich als in den USA.
Bagatellschranke: Alltagskreativität und transformative Werknutzung (z. B. in Form von Internet-Memes)bleiben weiterhin illegal.
Geoblocking: Die größte Peinlichkeit Enttäuschung ist wahrscheinlich das Fehlen von wirksamen Beschränkungen von Geoblocking, dem prominentesten Versprechen von Andrus Ansip und Günther Oettinger zu Beginn ihrer Amtsperiode. Nicht einmal ein Recht auf Netflix oder Mediathek im Urlaub ist im Entwurf verankert (vgl. dazu aber auch die Stellungnahme der Verbraucherschutzzentrale NRW zur geplanten Portabilitätsverordnung).

Der Entwurf ist klar eine unglaublich einseitige, rein von Lobbyinteressen getriebene Vorlage. Die Extremforderungen -groteske 20 Jahre für ein Leistungsschutzrecht auf Nachrichten; keine Snippet-Ausnahme; alle, auch Privatpersonen betroffen- sollen sicherstellen, dass über die Details gestritten wird, nicht über das neue Recht an sich. Während gleichzeitig Aktivisten und Bürgerrechtler die von Dobusch angesprochenen fehlenden Punkte erst einmal mühsam wieder auf die Tagesordnung bringen müssen.

Es ist auch ein Versuch, zu vernebeln, wie komplett wirkungslos das Presseleistungsschutzrecht für Presseverleger in Deutschland war.

Das wir tatsächlich 2016 über ein so unsinniges, volkswirtschaftlich höchstgefährliches Unterfangen für die EU reden -während wir in Deutschland sehen, wie es eben nicht das Resultat bringt, dass die Befürworter erhoffen- ist eine Bankrotterklärung der EU.

Wenn die Debatte hierzu in den Massenmedien auch nur annähernd dem Debattendesaster, der völlig unverschleierten Propaganda, ähneln wird, wie es beim deutschen Presseleistungsschutzrecht der Fall war, ist ein EU-Presseleistungsschutzrecht praktisch gegeben. Vor allem, da EU-Themen tendenziell weniger Aufmerksamkeit erhalten als nationale Themen. Was Mobilisierung auf der anderen Seite bei diesem abstrakten und damit dafür wenig geeigneten Thema noch weiter erschweren wird.

Davon zumindest dürften die Befürworter ausgehen.

Nur so ist dieser Schlag in’s Gesicht in Form dieses Kommissionsentwurfs zu werten.

„Autonomes Fahren: Singapur bekommt fahrerlose Taxis“

Golem.de:

Singapur startet in Kürze einen Test mit selbstfahrenden Taxis. Drei Jahre lang werden sechs fahrerlose Taxis in einem kleinen Bereich in der Innenstadt unterwegs sein. Ab Anfang der 2020er Jahre sollen die Taxis dann im regulären Einsatz sein.

Die Idee ist, dass die Robotertaxis die erste und die letzte Meile übernehmen – Pendler also zur U-Bahn-Station bringen und später von der U-Bahn-Station zum Ziel. Dadurch wollen die Behörden die Bürger dazu motivieren, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen und das eigene Auto stehen zu lassen. Die Straßen des südostasiatischen Stadtstaates sind häufig verstopft.

Solche ersten Pilotprojekte zeigen heute bereits, wo morgen als erstes der Regulierungsrahmen für autonome Fahrzeuge geschaffen werden wird; es sind die Gebiete, wo die Schmerzen heute am größten sind. (Und wo gleichzeitig der Wille zu einer fundamentalen Veränderung vorhanden ist. Letzterer wird in Deutschland etwa immer gegen das Herz der hiesigen Wirtschaft ankämpfen müssen.)

Gleichzeitig kann man sich politisch & regulatorisch nur mit solchen begrenzten Pilotprojekten an die komplexe Materie herantasten.

Singapur und Co. werden natürlich auch für uns in Deutschland Erkenntnisse abwerfen, theoretisch.

850.000 Blechkutschen zu viel in Berlin

Andreas Knie, Professor für Soziologie an der TU Berlin, im Interview mit dem Freitag:

Im Moment wird der öffentliche Raum durch private Stehzeuge enteignet …

… was soll das sein, ein Stehzeug?

Ein Fahrzeug, das herumsteht, bis sein Eigentümer auf die Idee kommt, es mal wieder zu bewegen. Gehen Sie davon aus, dass es 850.000 Blechkutschen zu viel gibt in Berlin.

Wie kommen Sie darauf?

Wir haben rund 1,3 Millionen Autos in der Stadt. Tatsächlich könnten wir die Transportleistung dieser Million auch mit 350.000 Autos schaffen. Das heißt, es stehen Hunderttausende Autos nutzlos in der Gegend herum. Stellen Sie sich mal vor, wie viel Platz die wegnehmen! Das meine ich mit Okkupierung öffentlichen Raums durch Privateigentum.

Warum ist es so schwer, vom Auto loszukommen?

Weil das Auto ein staatlich garantiertes Versprechen für ein gutes Leben war. Und deshalb ein dichtes rechtliches Gestrüpp dafür sorgt, dass der Besitzstand Limousine abgesichert wird. Das Steuerrecht, das Straßenrecht und die Straßenbaupolitik waren im Wortsinne bahnbrechend für das Auto. Ergebnis: Wir haben massenhaft Autos, weil der Kfz-Halter der Privilegierte unter den Bürgern ist. Wir leben, so gesehen, noch wie in den 1950er oder 1960er Jahren.

Andreas Knie hat eine gute Art, aufzuzeigen, wie eingeschränkt wir aufgrund unserer Alltagserfahrung unseren aktuellen Gebrauch von Automobilen wahrnehmen.

Das notwendige Umdenken, notwendig nicht nur für Umwelt und Lebensqualität sondern auch für den Wirtschaftsstandort, wird der Autonation Deutschland sehr schwer fallen.
Wenig überraschend hinken auch hier die deutschen Massenmedien den internationalen Entwicklungen und der damit rasch näher kommenden fundamentalen Veränderung hinterher.

(In meiner persönlichen Erfahrung sind etwa Redakteure deutscher Zeitungen sehr viel konservativer was die Einschätzungen zur Entwicklung der Automobilnutzung angeht als diejenigen, die in der betroffenen Branche arbeiten. Go figure.)

Bloomberg: SoundCloud will für 1 Milliarde $ verkaufen

Bloomberg:

SoundCloud Ltd.’s owners are considering a sale that could value the German music streaming company at $1 billion as it looks for ways to boost growth and profit from its user base, according to people familiar with the matter. (…)

While the owners have been thinking about a potential sale for some time, the deliberations are at an early stage and the company may decide against pursuing a deal, the people said.

The owners have had trouble finding a buyer willing to value the company at $1 billion so far, two of the people said. SoundCloud raised $70 million from Twitter Inc. in June, part of a $100 million funding round that priced the company at $700 million, a person familiar with the matter said at the time. (…)

In 2014, the last year that SoundCloud publicly reported its accounts, sales rose 54 percent to 17.3 million euros ($19 million) from a year earlier. The operating loss at the time was 39 million euros, widening from 21.3 million euros in 2013.

Die Verhandlungen sind in einem „early stage“ laut Quellen von Bloomberg.

Grundsätzlich wäre es kein überraschender nächster Schritt von SoundCloud. Die Investoren drängen sicher langsam auf einen Exit und ein Börsengang erscheint vollkommen abwegig für SoundCloud zu diesem Zeitpunkt. (Auch das, wie immer bei der Musikbranche, liegt zu einem sehr großen Teil am eisernen Griff der Majorlabels um den gesamten Musikbereich.)

Im März wurde das kostenpflichtige SoundCloud Go für die ersten Länder vorgestellt.

Eine Milliarde dürfte zu viel für Twitter sein, das Interesse an SoundCloud hatte, zuletzt sich aber mit einer Finanzierung begnügt hat. Twitter hat schließlich genug eigene Probleme. (Selbst die Finanzierung in SoundCloud erscheint hier fragwürdig für Twitter.)

Erstaunlich bei all dem, auch mit Blick auf die Situation bei den Majorlabels, dass SoundCloud trotz guter Ausgangslage noch immer nicht aus dem wachsenden Podcastmarkt Kapital schlägt und mit dem ursprünglichen Slogan, das „YouTube für Sound“ zu werden, ernst macht. (Nächster Schritt: Hörbücher a la Audible) SoundCloud ist sehr viel besser in der Lage, diese Ausdifferenzierung zu stemmen als beispielsweise Spotify oder Deezer.

Die seit Jahren halbherzige Integration von Podcasts (in erster Linie zusätzliche RSS-Feeds) deutet allerdings an, das hier nicht viel zu erwarten ist.

Welcher deutsche Konzern sollte gegen SoftBank um Chip-Lizenzgeber ARM bieten?

Eine vertiable Bombe am Montag Morgen. Softbank, ein japanischer Telekommunikationskonzern, hat ein Angebot für die Übernahme von ARM für 32 Milliarden US-Dollar abgegeben. ARM ist natürlich, wie die meisten Leser wissen werden, der Lizenzgeber für praktisch alle Smartphone-Chips, von der Ax-Reihe von Apple (aktuell A9 im iPhone 6s) bis hin zu Chips in Smartphones von Samsung und unzähligen anderen Android-Herstellern.

Der Aufstieg der Smartphones ist ein Aufstieg von ARM gewesen. (Und ein schleichender Bedeutungsverlust von Intel.)

Recode:

ARM designs chips — but doesn’t actually make them — for a huge variety of devices. It dominates the market for smartphones — Apple is a big client, as is Samsung — and its chips shows up in other consumer gadgets, as well as more-industrial-like devices and “internet of things” sensors.

The number of chips containing ARM processors reached almost 15 billion in 2015, up from about 6 billion in 2010.

Da ARM-Chips aufgrund ihrer Energiesparsamkeit für Smartphones erste Wahl sind, ist eine Erweiterung auf das Internet der Dinge eine logische Verlängerung für die Erfolgsgeschichte der britischen Chip-Designer.

Entscheidend bleibt aber die unumstößlich zentrale Rolle von ARM im wichtigen Markt der Smartphones.

Es stellt sich insofern die Frage, welche Unternehmen in einen Bieterwettkampf mit SoftBank eintreten könnten. Recode:

Apple, arguably ARM’s most important client, and Intel, which lost the mobile chip war to ARM, are both potential buyers.

Welcher deutsche Industriekonzern würde ebenfalls in Frage kommen?

Eine Frage, die diese Woche höchste Priorität in den deutschen Führungsetagen haben sollte.