TV-Disruption: Waipu.tv ist nur eine wunderschöne Brückentechnologie für das lineare Fernsehen

heise online über das technisch beeindruckende waipu.tv:

Ende 2016 startete mit „waipu.tv“ ein IPTV-Angebot, das mit fast jedem beliebigen Breitband-Internet-Anschluss funktioniert, aber die Verlässlichkeit und Bildqualität eines Kabelanschlusses bieten soll. Erstes TV-Empfangsgerät daheim ist ein mit dem WLAN verbundenes Smartphone. Mit einer Wischbewegung übergibt man das Bild an einen mit dem TV verbundenen Streaming-Client vom Typ Google Chromecast. Hinter waipu.tv steht die Exaring AG, an der Freenet mit rund 25 Prozent beteiligt ist.

Technisch möglich wird der Dienst dadurch, dass der Anbieter Zugriff auf einen mehr als 12.000 km langen Glasfaser-Ring hat, der sich durch weite Teile Deutschlands zieht. Laut Exaring erreichte man über Hunderte von Knotenpunkten zu DSL- und Kabelnetzen schon beim Start 23 Millionen Haushalte. Die TV-Daten laufen laut Dienst an den Internet-Knoten vorbei und werden erst in der Nähe des Haushalts in den bestehenden Breitband-Anschluss des Nutzers eingespeist.

Golem:

In der Basisversion von Waipu TV stehen die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender gratis zur Verfügung. Die privaten Sender gibt es gegen Aufpreis, dann erhalten Kunden auch eine Pausen- und Aufnahmefunktion. Im Falle der Fire-TV-App kann das Programm dann jederzeit bequem mit einem Druck auf die Pausentaste auf der Fernbedienung angehalten werden. Der laufende Stream wird dann auf Exaring-Servern gespeichert. Wird die Wiedergabe fortgesetzt, sieht der Zuschauer nicht mehr das Livebild, sondern die Aufzeichnung.

Das alles ist nicht schlecht aber wirklich spannend ist es nicht: Es ist die Internetübertragung des linearen Fernsehens.

Spannend(er) wird es nun in der zweiten Phase. Waipu.tv bietet jetzt einen serverbasierten DVR, der Serien aufzeichnen kann und dabei intelligent per Wiederholungen1 alte Folgen ’nachreichen‘ kann.

Für Amazon Fire TV gibt es jetzt auch eine App, was das ganze Angebot sehr viel mainstreamfähiger macht. (Und mit dem Fire TV Stick auch extrem günstig für die Masse auf den Fernseher bringt.) Für das Apple TV kommt ebenfalls eine App.

Das ist alles nicht schlecht und das Timing für die zweite Phase von waipu.tv wird nicht rein zufällig mit dem Ende des alten Standards von DVB-T zusammenfallen. Ein Fire TV Stick + ein kostenloser waipu.tv-Account für die Streams der 26 Sender des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in SD-Qualität deckt günstiger die meisten Bedürnisse ab als ein neuer DVB-Receiver. Und zeigt nebenbei das Vakuum auf für eine öffentlich-rechtliche Livestreaming-App auf allen Plattformen, die alle öffentlich-rechtlichen Sender vereint. (Für 4,99€/Monat gibt’s die privaten Sender bei waipu.tv dazu. HD gibt es als Aufpreis parallel zu einem teureren HD-Plan. Die Preisstruktur wäre anderenfalls zu übersichtlich.)

Ab Mai will waipu.tv auch Webvideoangebote integrieren. heise:

Zum Start stehen drei führende Sender in Deutschland bereit: der 24/7-TV-Kanal von Rocket Beans, ein „Best of“ des Multi Channel Networks Mediakraft Networks sowie Highlights der Bayernliga vom Bayerischen Fußball-Verband (BFV). Behandelt werden die Programme Web-Video-Anbieter wie TV-Sender, weshalb auch alle Funktionen wie Timeshift und Aufnahmen zur Verfügung stünden.

Das Problem bei der ganzen Geschichte ist natürlich, und das merkt man schön an dem letzten zitierten heise-Absatz, dass waipu.tv tief in der Welt des linearen Fernsehens steckt.

Die Gegenwart mag man noch ein bisschen mit einer besseren, mit digitalen ‚Videorekordern‘ garnierten, Version des linearen Fernsehens, beglücken können. Die, sehr nahe, Zukunft liegt aber bei den On-Demand-Streamern von Netflix bis Amazon Video.

Sie haben ein sehr viel bequemeres Gesamtangebot für die Endnutzer.

Die steigende Anzahl der dort exklusiv produzierten Inhalte wird auch nie ihren Weg ins waipu-Reich finden.

Bereits jetzt ist der Pfad von Inhalten in’s waipu.tv verschlungen. US-Studios produzieren für US-Sender Serien, die dann von deutschen TV-Sendern lizenziert werden. Werden sie bei den deutschen Sendern ausgestrahlt, kann man sie bei waipu.tv anschauen und aufzeichnen.

Dieses System wird zunehmend von Netflix und Amazon unterwandert. Eine Antwort der US-Sender ist es, eigene Streamingdienste aufzubauen (HBO, CBS sind da unter ihresgleichen ganz vorn). Diese Streamingdienste werden irgendwann selbst international werden und vom alten Lizenzmodell weggehen. So wie es bereits Netlfix und Amazon auf der ganzen Welt vormachen.

Distribution ist online auch für TV eine globale Angelegenheit. US-Sender lizenzieren ihre Inhalte an deutsche Sender, weil sie gern mehr Geld damit verdienen würden aber hierzulande keine Präsenz haben. Lizenzen waren die naheliegende Lösung. Beim Streaming wird die eigene Austrahlung allerdings zum No-brainer. Spotify lizenziert seine Bibliothek auch nicht an lokale Anbieter.

Vor diesem Szenario steht die deutsche TV-Branche in wenigen Jahren. waipu.tv darf seine Rekorder-Funktion sicher nur minimal ausweiten2 bis RTL und ProSiebenSat.1 im Streit das Distributionsrecht entziehen. Der Dienst hat aufgrund dieser (vorhersehbaren) Dynamiken nur eine kurze Lebensdauer zu erwarten, die stark von der Geschwindigkeit des Wandels abhängt.3

Wie eben jede Brückentechnologie.


  1. Ja, ja, das ist nicht notwendig, weil Episoden dienstübergreifend vorliegen könnten. Notwendig ist es aus urheberrechtlichen Gründen. 
  2. Selbst der teuere „Perfect“-Plan für 14,99€ pro Monat bietet nur 50 Stunden Aufnahme, also weniger als 2 Stunden zeitversetztes Fernsehen pro Tag. Sicher kein Zufall, dass die Grenze weit unter dem durchschnittlichen täglichen TV-Konsum in Deutschland liegt. Laut AGF/GfK liegt dieser aktuell bei 212 Minuten. (Via Statista
  3. Was, falls es im Text nicht klar geworden ist, von waipu.tv nicht beeinflusst werden kann. 

Warum Netflix 1,75 Milliarden US-Dollar in europäische Produktionen gesteckt hat

Netflix-Logo

Netflix steckte in den letzten Jahren bis jetzt insgesamt 1,75 Milliarden Dollar in insgesamt 90 europäische Produktionen.

heise online:

Der US-amerikanische Streamingdienst Netflix hat eigenen Angaben zufolge seit 2012 rund 1,75 Milliarden Dollar (etwa 1,65 Milliarden Euro) in europäische Produktionen gesteckt. Dazu zählten Ausgaben für vergangene und zukünftige Projekte, auch für den europäischen Raum lizenzierte Titel und Original- sowie Koproduktionen von Februar 2017 an, teilte Netflix am Mittwoch in Berlin mit. Die EU-Kommission will große Streaming-Anbieter, die außerhalb der europäischen Grenzen angesiedelt sind, dazu verpflichten, mindestens 20 Prozent ihrer Filme und Serien in Europa zu produzieren.

Variety:

[Netflix-CEO Reed Hastings] said European content was watched by more than 93 million Netflix subscribers globally, and that the overall subscriber base would soon exceed 100 million. […]

With its more than $1.75 billion investment, Hastings said Netflix was one of most active supporters of European content. Pointing to its Oscar-winning documentary “White Helmets,” about rescue workers in Syria, Hastings said it was an important film that is now “available everywhere in the world.”

„Everywhere in the world“ ist sehr wichtig hier für Netflix. Das ist nicht nur für die Kreativen interessant, die die Filme und Serien produzieren -Netflix wird zum besten Distributionsdeal, denn die Filmemacher sich vorstellen können-, sondern verschafft Netflix einen zunehmend größer werdenden Kostenvorteil. Denn die eigentlichen Streamingkosten sind gegenüber den Lizenz- oder Produktionskosten vernachlässigbar.

Für Netflix sind die europäischen Märkte besonders wichtig:

Weil der US-Heimatmarkt zunehmend gesättigt ist, kommt das Abonnentenwachstum immer stärker aus dem internationalen Geschäft.

Netflix hat allein im letzten Quartal 2 Millionen Abonnenten in den USA und 5 Millionen Abonnenten international -also außerhalb der USA- hinzugewonnen.

Da China auf absehbare Zeit keine Option für Netflix wird, werden Europa und Indien mittelfristig die größten Wachstumstreiber für Netflix sein.

Netflix hat 2016 fünf Milliarden US-Dollar in Eigenproduktionen investiert und plant 2017 sechs Milliarden in eigene Inhalte zu investieren.

Auf der CES 2016 hatte Netflix publicityträchtig den Launch in 130 Ländern verkündet.

neunetzcast geht weiter

Nach einer längeren Pause haben Markus Angermeier und ich wieder angefangen zu podcasten. Johannes Kleske hat sich leider vom podcasten zurückgezogen. Markus und ich bestreiten künftig den neunetzcast, den wir aktuell wöchentlich aufnehmen. In der Ausgabe 58 haben wir uns mit Snap(chat) beschäftigt, in der 59 mit Twitter. (In der bald erscheinenden Ausgabe 60 haben wir uns mit Facebook und dem Zuckerberg-Manifest auseinandergesetzt.)

neunetzcast 58: Snap!:

Markus Angermeier und Marcel Weiß podcasten wieder. Themen: Es geht weiter. Smartwach-Follow-Up. Amazon Echo und Logistik. Alibaba. Yahoo (wir wissen es auch nicht). Flickr und der Wandel vom Desktop zu Mobile. Und last not least, unser Hauptthema: Der kommende Börsengang von Snap, dem Unternehmen hinter Snapchat und wie Instagram (und Facebook) Snapchat durch kopieren bedrohen kann.

neunetzcast 59: Die große Twitter-Analyse:

Markus Angermeier & Marcel Weiß sprechen über die längst überfälligen, jetzt startenden Versuche von Twitter, etwas gegen Belästigung auf der Plattform zu unternehmen. Weitere Themen sind der allgemeine Feature-Stillstand bei Twitter seit 5+ Jahren und der Onlinewerbemarkt, der es auch Twitter oder Medium schwer macht gegen Facebook und Google Fuß zu fassen.

Achtung: Kann Einsprengsel zu Trump enthalten.

neunetzcast kann man hier abonnieren: Feed | iTunes | Twitter

Neben der Interviewreihe Hier & Jetzt erscheint aktuell auf neunetz.fm regelmäßig Thingonomics, worin ich mit Martin Spindler ausführlich über die Dynamiken des Internets der Dinge und der allgemein voranschreitenden Vernetzung der Welt spreche.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, alle Folgen aller Shows auf neunetz.fm zu abonnieren. Go crazy: Feed | iTunes | SoundCloud | Twitter | Facebook | Email

Widerstand gegen Oettingers Europäisches Leistungsschutzrecht

Ingo Dachwitz auf netzpolitik.org:

Die Kritik am Vorschlag der EU-Kommission einer neuen Urheberrechtsrichtlinie für den digitalen Binnenmarkt reißt nicht ab. In der vergangenen Woche haben sich mehr als 30 WissenschaftlerInnen und die Parlamentsberichterstatterin Catherine Stihler zur Reform geäußert. Unabhängig voneinander kritisierten sie sowohl die Ideen für ein Leistungsschutzrecht für Presseerzeugnisse als auch für Upload-Filter zur automatischen Urheberrechtsdurchsetzung. […]

In einem achtseitigen offenen Brief [PDF] wandten sich ForscherInnen aus ganz Europa direkt an das Europäische Parlament und die EU-Kommission. Die Gruppe beschreibt sich selbst als unabhängige Rechts-, Wirtschafts- und SozialwissenschaftlerInnen, die führende Forschungseinrichtungen auf dem Gebiet des geistigen Eigentums und des Innovationsrechts repräsentieren.

30 sind jetzt, europaweit, nicht so viel. Aber jeder Widerstand gegen diesen Unsinn ist willkommen.

Pocket und die Rolle von Mozilla in der Mobile-Welt

Auf den ersten Blick erscheint der Kauf des Später-Lesen-Services Pocket merkwürdig. Was will die Non-Profit-Organisation hinter dem Open-Source-Browser Firefox mit einem Später-Lesen-Dienst?

Zunächst John Voorhees auf MacStories mit den Money Quotes:

Instapaper was sold by developer Marco Arment to Betaworks in 2013 and then to Pinterest in 2016. Today, Pocket took a similar path by being acquired by Mozilla, maker of the Firefox web browser.

Pocket says that it:

will continue on as a wholly-owned, independent subsidiary of Mozilla Corporation. We’ll be staying in our office, and our name will still be on the wall. Our team isn’t changing and our existing roadmap has been reinforced and is clearer than ever. In fact, we have a few major updates up our sleeves that we are really excited to get into your hands in the coming months.

For its part, Mozilla says:

Pocket will join Mozilla’s product portfolio as a new product line alongside the Firefox web browsers with a focus on promoting the discovery and accessibility of high quality web content.

(Hervorhebung von mir)

Mozilla existiert nicht, um Open-Source-Browser zu machen. Das ist nur ein Mittel zum Zweck. Der Zweck ist das „offene Web“ zu stärken. (Man unterschätzt heute leicht, welche Bedeutung Firefox hatte, um das Web vom Würgegriff des Internet Explorers zu befreien, viele Jahre bevor Google Chrome auf der Bildfläche erschien.)

Mozilla kann und sollte sich nicht über den Browser allein definieren. Dafür ist der Zug mehr oder weniger abgefahren. Mobile spielen Mozilla und Firefox fast keine Rolle. Firefox OS hatte nie eine Chance gegen das iOS-Android-Duopol. (für eine Nummer drei sehe ich nach wie vor Canonical mit Ubuntu als einzig viel versprechenden Kandidaten; mehr noch als Windows, das an den Desktop genagelt ist)

Firefox OS wurde vor wenigen Tagen endgültig beerdigt. heise:

Ein Jahr, nachdem Mozilla den Versuch einstellte, mit Firefox OS Mobilgeräte zu erobern, stellt das Open-Source-Unternehmen nun offenbar die Arbeiten an dem Betriebssystem ganz ein. Wie CNET berichtet, hat Mozilla das Team aufgelöst, das Firefox auf internetfähige Geräte bringen sollte. Betroffen seien 50 Mitarbeiter in der Abteilung Connected Devices, die teilweise versetzt und teilweise entlassen würden. Zu letzteren zählten auch der Abteilungsleiter und Senior Vice President Ari Jaaksi sowie der Director of Products Bertrand Neveux, so CNET.

Also der Browser auf iOS und Android, weil es ein eigenes OS nicht schaffen wird. Warum? Im Gegensatz zum damaligen Internet Explorer 6, den es zu zerstören galt, um das Web zu retten, halten sich Mobile Safari und Google Chrome auf Android an die Standards. Websites müssen heute nicht wie damals für einen oder zwei populäre Browser geschrieben werden; und der Rest der Browserschaft muss sich nicht an die Eigenheiten des Marktführers anpassen.1 Firefox ist nicht zwingend notwendig auf iOS oder Android, damit Standards eingehalten werden.

Mehr noch, auf iOS gibt es nur wenig, was Firefox bieten kann. Jeder Browser auf iOS muss zum Rendern der Websites Webkit einsetzen. Das beraubt Chrome, Firefox und anderen Browsern auf iOS ihrer Hauptfunktionalität.

Was kann dann die Aufgabe von Mozilla heute noch sein?

„a focus on promoting the discovery and accessibility of high quality web content“

Das ist bereits ein gutes Motto. Ein ‚offenes Web‘ sollte immer neben dem offen gehaltenen Potenzial für das, was noch kommen mag, auch vor allem den Freiraum für Vielfalt ermöglichen.

Wir sprechen heute nicht mehr nur vom Web. Das Internet ist dank mobiler Apps größer als das Web geworden, auch und vor allem für private Endnutzer.

Mozilla sollte künftig auf einer Ebene über dem Browser ansetzen, um Vielfalt sicherzustellen.

Die Übernahme von Pocket, das vor allem mit seinen Vernetzungskomponenten und dem Empfehlungsalgorithmus heraussticht, passt hier perfekt. Achtet man mehr auf die Empfehlungsseite von Pocket als auf den Read-Later-Teil, ist Pocket quasi eine soziale Empfehlungsmaschine wie Medium aber ohne die vertikale Integration und damit Zentralisierung von Medium. Was Pocket macht, wird perfekt von Mozilla oben zusammengefasst.

Was als nächstes?

Mozilla sollte deshalb diese soziale Ebene von Pocket noch weiter ausbauen.

Im nächsten Schritt sollte sich Mozilla von der Webfokussierung lösen und überdenken, wie es mehr Vielfalt und bessere Voraussetzungen für kleinste Appanbieter schaffen kann.

Zwei Schritte wären hier offensichtlich:

  1. Einen Passwortmanager kaufen. Das hilf nicht nur Webdiensten und der allgemeinen Sicherheit der Endnutzer sondern, mit den entsprechenden SDKs, auch Apps, die eine entsprechende Verbindung integrieren.
  2. App-Discovery angehen. Mozilla sollte eine App-Such-/Entdeckungsmaschine bauen, die die Welten von iOS, Android und, bestenfalls auch Windows & Ubuntu, vereint. Hier wäre viel Potenzial gerade für einen relativ unbeteiligten Non-Profit-Player, um Social-Network-ähnliche Strukturen und etwa auch Services für Developer anzudocken. Und schließlich wäre Mozilla damit in der Lage, erfolgversprechend offene Frameworks zu entwickeln, die Apps nutzen könnten, um besser miteinander kommunizieren zu können.

Mobile krempelt alles um, auch was Mozilla ist und sein sollte.


  1. Ja, auch heute gibt es Eigenheiten, aber Websites werden nicht für Safari oder Chrome optimiert und funktionieren dann nicht auf anderen Browsern. Die Situation ist nicht perfekt, aber kilometerweit vom Zustand der Jahrtausendwende und dem Anfang der Nuller Jahre entfernt. 

Wie viel Traffic Trump mit seinen getwitterten Links erzeugt

Alex Kantrowitz auf Buzzfeed hat es analysiert:

Last Wednesday, for instance, Trump shared a link to a story citing an Emerson College poll that found voters trust the Trump administration more than the media. Placing a plus sign after the Bitly link he created, “bit.ly/2k4b0imEmersonPoll,” summons a page displaying all the click data on the link — including the number of clicks through to the story and where they came from.

In the case of the Emerson poll story, published by The Hill, more than 678,000 people clicked Trump’s link to it — 558,000 of them on Twitter. 72% of those clicks occurred in the US, 6% were generated in the United Kingdom and another 6% in Canada. Of the remaining 120,000 clicks, around 32,000 originated from Facebook, and the rest from platforms other than Twitter.[…]

A recent Bitly link tweeted by Kim Kardashian, for instance, generated just 2,998 clickthroughs from Twitter despite the fact that Kardashian has an audience of 50 million followers — double the size of Trump’s.

Die Zahl von Kim Kardashian ist wichtig für den Kontext. Seit Jahren geht der Traffic zurück, also die eigentlichen Aufrufe der Links auf Twitter. Ich habe es schon erlebt, dass Tweets zwischenzeitlich mehr Retweets hatten als die darin enthaltenen Links aufgerufen wurden. (Sprich: 30 Retweets, weniger als 30 Linkaufrufe.)

3 Dinge lernen wir daraus:

  1. Im Guten wie im Schlechten, es stimmt immer noch was ich vor einigen Jahren einmal im Gespräch mit Johannes Kleske in einer neunetzcast-Ausgabe gesagt habe: Für nicht wenige Nutzer ist der Link in einem Tweet vor allem die Quellenangabe für die im Tweet gemachte Aussage. Dementsprechend oft werden die Links aufgerufen. (Wer verfolgt schon auch nur die Hälfte des Literaturverzeichnisses eines Buches, das man gerade liest. Die Dynamik scheint hier vergleichbar zu sein. (Das dürfte direkt mit der Masse an Tweets heutzutage -und mit der Flut an Informationen allgemein- zusammenhängen. Es ist also durchaus ein nachvollziehbares Nutzerverhalten, egal wie man es wertet.))
  2. Würde Twitter aktiv an neuen Features arbeiten, was sie ganz allgemein irgendwie nur für eher mittelwichtig zu halten scheinen, wäre das hier auch die Prämisse für eine erfolgreiche vertikale Integration: Inhalte, die jetzt hinter Links liegen, stattdessen direkt auf Twitter abbilden zu lassen, würde die Reichweite dieser Inhalte auf Twitter vergrößern (wenn richtig umgesetzt). Publikationen liesen sich so leicht an Bord holen. Texte, Videos etc. als Anhänge zu verstehen, die leichter aufgerufen werden können (vergleichbar mit Facebooks Instant Articles), würde es Twitter erlauben, im großen Stil die 140 Zeichen umschiffen zu können ohne sie gänzlich aufweichen zu müssen. Und man könnte die unsäglichen, aber spätestens seit der US-Wahl allgegenwärtigen Twitter-Threads (aka Tweetstorms) nativ in die Plattform einbauen. Man stelle sich die Möglichkeiten vor. It’s time for some game theory, guys.
  3. Man muss offensichtlich nur US-Präsident werden und die Welt an den Rand des Untergangs führen, um auf Twitter spürbares Engagement zu erhalten.

Die nicht immer offensichtlichen Dynamiken in der Plattformökonomie

Alexander Graf auf Kassenzone über Plattformen:

Insbesondere der Zugang zum Endkunden ist, wie in der analogen Welt auch schon, der entscheidende Schlüssel. Die Welt wird zunehmend digitaler. Entscheidungen werden dadurch digitaler getroffen und ehemals analog kontrollierte Kundenzugänge verlieren an Relevanz. Im folgenden Chart ist dargestellt wie die GAFAs in allen Lebensbereichen versuchen Kontrolle zu erlangen. […]

Graf beantwortet einige Leserfragen zum Thema:

Gibt es bekannte Wachstumsgrenzen für die GAFAs?

Also ich kenne keine und die in Studien vermittelte Marktsicht ist oft historisch bedingt und wirkungslos für die Beschreibung der GAFA Ökonomie. Warum glaube ich, dass z.B. Amazon schnell auf 100 Mrd. + X Umsatz wachsen kann? Der B2C Einzelhandel in Deutschland ist ca. 450 Mrd. groß (ohne Apotheken, KFZ…). Ich habe noch kein Konzept in Deutschland gesehen, das in der Lage wäre Umsatzanteile von Amazon zurückzuerobern. Die nächsten 100 Mrd. Umsatz sitzen also wie das Kaninchen vor der Schlange. Das gilt genauso für Google & Facebook. […]

Als Betreiber eines erfolgreichen Nischen online Shops: sollte ich diesen zur Plattform entwickeln? Wenn ja, wie?

Die Frage stellen sich zurzeit auch sehr große Onlineshops und finde idR keine befriedigende Antwort. Für kleine Shops gibt es diese Option daher kaum.

Eine sicher oft gemachte, aber fehlgeleitete Annahme ist es, dass jedes Unternehmen mit der richtigen Strategie eine Plattform aufbauen kann.

Plattformen funktionieren aber nur ab einer bestimmten Reichweitenschwelle, die nicht jeder erreichen kann. (Ein Beispiel: Amazons Fire Phone ist grandios gescheitert, weil es die notwendige Schwelle niemals hätte erreichen können. Sowohl Positionierung als auch Timing haben das unmöglich gemacht.)

Im Zweifel: Wenn man sich nicht sicher ist, ist es wahrscheinlicher, dass man keine Plattform aufbauen kann. Für die überwiegende Mehrzahl der Unternehmen (90+% der bestehenden Unternehmen) stellt sich eher die Frage, wie man sich in einer Welt der Plattformen positioniert, nicht wie man selbst eine wird.

Wieviele Plattformen können parallel eine wirtschaftliche Daseinsberechtigung haben?

Aus meiner Sicht ist das Limit im Endkundenzugang zu suchen. Das könnten sehr sehr viele Plattformen sein am Ende des Tages. Aktuell geht der Trend aber dazu, dass die großen Plattformen noch größer werden und damit das Spielfeld verschieben. Es wird also schwerer für neue Plattformen.

Graf hat recht.
Konkreter: Nicht jeder Markt mit Netzwerkeffekten ist automatisch ein Winner-takes-all-Markt. Siehe etwa Smartphones mit dem Duopol von iOS und Android. (Der Grund liegt hier in der schieren Größe, die eine nachhaltige Position für die Nummer 2 ermöglicht. (Im Gegensatz zur PC-Welt der Neunziger etwa.))
Zusätzlich: Manche Plattformen sind auschließender in ihrer Nutzung als andere, haben also einen stärkeren Exklusivitätscharakter.

Exklusiver etwa: Alles was mit Kommunikation zu tun hat. Beispielsweise Whatsapp. (Man sieht aber auch hier schön, dass es selten um reine Exklusivität geht.) Ein anders Beispiel: Spielekonsolen, dank der Anschaffungskosten.

Die Dynamiken sind nicht immer offensichtlich: Die Jahresgebühr von Amazon Prime macht es nicht schwerer für Amazon, sondern einfacher. Wer Prime-Kunde ist, kauft mehr bei Amazon und startet mehr Produktsuchen bei Amazon, weil man auch die Gebühr wieder „hereinbekommen will“. (Der Mensch ist eben kein homo oeconomicus.) Damit führt die Gebühr zu Exklusivität, Lockin und ganz eigenen Marktplatzdynamiken. Etwas, das selbst große Konkurrenten wie Walmart nicht verstehen.

Weniger exklusiv, also starke Parallelnutzung, könnte es bei den Voice-Assistenten geben.

Starke Parallelnutzung, Multihoming, auf der einen Seite (hier Endnutzer) führt zu einem stärkeren Wettbewerb auf der anderen Seite. Sprich also exklusive Bindungen von Leuchtturmangeboten an bestimmte Plattformen.

Hier liegt ein wichtiger Hebel für Unternehmen, die auf und mit Plattformen arbeiten, statt selbst welche aufzubauen.

Mich würde der deutsche Mittelstand interessieren: Ist dieser möglicherweise auch in Zukunft durch Plattformen bedroht?

Auf jeden Fall. Auch dort würde ich mir immer die Frage nach dem Interface stellen. Ist das bisher vorherrschende Interface „Mensch spricht mit Mensch“ bedroht? Dann haben Plattformen ein Einfallstor in das entsprechende Geschäftsmodell. Aber auch hier komme ich bei genauer Analyse fast immer zu der Erkenntnis, dass es „nur“ eine Frage der Zeit ist und nie eine Frage des „ob“.

Plattformen sind, grob gesprochen, Reorganisatoren der Arbeitsteilung innerhalb von Branchen. In jeder Branche ist heute noch Potential für Reorganisation.

Abschließend noch Alexander Graf über die Dinge, die nicht mehr funktionieren:

Dinge die nicht mehr funktionieren:

Darauf warten, dass die Kunden wieder zur Besinnung kommen.

Projekte anstoßen deren Umsetzung 1-2 Jahre später begonnen wird.

Kooperationsstrategien, bei denen mehr als zwei Leute mitreden dürfen

Alle Werkzeuge von BCG, MCK & Co.

Handel

Eine wichtige Diskussion, die gerade erst anfängt.

10

Vor einigen Wochen ist neunetz.com 10 Jahre alt geworden.

Es wäre eine Untertreibung zu behaupten, dass in diesen zehn Jahren einiges passiert ist.

Es ist mehr passiert als ich und jede/r den ich kenne, vor zehn Jahren vermutet hätte. Und das, obwohl "es wird schneller gehen als ihr denkt" auch ein Mantra der frühen Jahre hier und anderenorts war.

Das zählt zu den fundamentalen Dingen, die ich in den letzten Jahren gelernt habe. Obwohl ich hierzulande zu den progressiveren Köpfen gezählt wurde, der oft viel zu radikal an die Veränderungen unserer Zeit, in Geschwindigkeit wie Ausmaß, glaubt, habe ich genau das unterschätzt.

Das ist rückblickend nicht verwunderlich, wenn man sich die Debatten hierzulande anschaut. Wir beschäftigen uns in der deutschen Öffentlichkeit zu oft mit Rückzugsgefechten, mit Debatten, die um die Vergangenheit schwirren, sie irgendwie, irgendwie, erhalten wollen. Und zu oft habe ich mich an diesen Debatten aktiv beteiligt. Ein Realist unter Pessimisten erscheint wie der naivste Optimist; und ich war nicht einmal das, weil ich die Entwicklungen unterschätzt habe. Eine Folge der Debatten-Schieflage. Es gibt mehr dazu zu sagen, aber an anderer Stelle, sprich in einem späteren Artikel.

neunetz.com ist in den letzten 2 Jahren aus verschiedenen Gründen ein bisschen eingeschlafen. Das wird sich jetzt ändern.

Was 2006 allenfalls ein Randthema war, ist heute im Mittelpunkt jeder gesellschaftlichen Debatte angekommen.

In der deutschen Öffentlichkeit ist mehr als genug Platz für moderate, nach vorn schauende Stimmen. Was in Deutschland vor allem fehlt ist Kontext, Einordnung. Das habe ich auf neunetz.com immer versucht zu liefern und das wird es auch wieder sein, was neunetz.com ausmacht: Die Erklärung des 'Warum' und 'Wie' und immer auch der Versuch, ein 'Was jetzt' anzubieten. (Kritik ohne Lösungsvorschläge ist billig.)

neunetz.com wird nicht nur inhaltlich wieder an Fahrt aufnehmen. Auch konzeptionell gibt es Pläne zur Weiterentwicklung, die ich, zu meiner Schande, schon viel zu lang in der Schublade liegen habe. Auch dazu hoffentlich bald mehr. Es gibt einiges vorzubereiten. Das Ziel ist, eine nachhaltige Stimme hier aufzubauen.

Hierzu zählen auch die Podcasts auf neunetz.fm. Auch da wird es künftig wieder mehr geben. Martin Spindler und ich podcasten regelmäßig in Thingonomics über das Internet der Dinge. Markus 'kosmar' Angermeier und ich werden künftig wieder regelmäßig im neunetzcast die wichtigsten Entwicklungen kommentieren. Und mit Wolfgang Senges starte ich eine neue Podcastshow zum digitalen Musikbusiness.

Here is to the future.

Hier die zum Teil sehr ausführlichen Rückblicke und Bestandsaufnahmen aus den früheren Jahren:

Unternehmen müssen heute in Fähigkeiten statt in Geschäftsmodelle „investieren“

Alexander Graf auf Kassenzone:

Ich persönlich traue mir nicht zu vorherzusagen, welche Anbieter und Geschäftsmodelle 2025 dominieren werden und wer davon am meisten profitiert. Ich glaube allerdings fundamental daran, dass 2025 Geschäftsmodelle dominieren, die wir heute noch nicht kennen. Das ist auch der Grund dafür weshalb ich sage, dass Unternehmen nicht mehr in Geschäftsmodelle „investieren“ sollten, sondern nur noch in Fähigkeiten. Fähigkeiten schneller zu agieren. Fähigkeiten sich schneller verändern zu können. Fähigkeiten den Markt zu gestalten und nicht zu immitieren. Klingt anstrengend und wenig attraktiv? Gemessen an den goldenen Standards großer Unternehmen aus den 70er,80er & 90er Jahren ist das die Hölle! Aber was ist die Alternative?

Abstrakt aber präzise zusammengefasst.

Aber um das zu erreichen, müssen nicht nur Prozesse und Strukturen verändert werden sondern auch die Unternehmenskulturen selbst geändert werden. Das ist in fast allen Fällen unmöglich.

Oder anders: Solche radikalen Veränderungen werden für Unternehmen in der Regel überhaupt nur möglich während einer Nahtoderfahrung. (Je größer ein Unternehmen, desto eher trifft diese Regel zu..) ‚Möglich sein‘ ist nicht gleich bedeutend mit ‚Erfolgreich sein‘. In so einer Situation kann mehr schief gehen, als die Mitarbeiter eines Unternehmens beeinflussen können. Apple ist auch hier die große Anomalie der Wirtschaftsgeschichte.

And now for something completely different: Apple gehört mit seinen 40 Jahren bereits zu den älteren Unternehmen. Warum ist die durchschnittliche Lebensdauer von Unternehmen sehr viel kürzer als die von Menschen? Könnte es für die vergleichsweise kurze durchschnittliche Lebensdauer von Unternehmen (neben Übernahmen) Gründe geben, die durch die digital verursachten radikalen Veränderungen unserer Zeit „nur“ verstärkt werden..?

Die Antwort auf diese Frage ist ein deutliches Ja.

Wenn deutsche Massenmedien Eigeninteressen haben, VG-Wort-Edition

Martin Vogel im Perlentaucher:

Nachdem der BGH und alle anderen Gerichte festgestellt haben, dass die bisherige Verteilungspraxis der VG Wort – die Verleger erhielten bis zur Hälfte – rechtswidrig ist, stellt die Bundesregierung die „bewährte Praxis“ in einem neuen Gesetz wieder her. Die Autoren dürfen jetzt ihr Einverständnis mit der Preisgabe ihrer Ansprüche erklären – und verlieren 30 Millionen Euro jährlich. Selbst wenn einer dagegen klagt, wird diese Revision der Rechtsprechung durch den Gesetzgeber jahrelang bestehen bleiben. […]

Und noch ein Wort zu den Machtverhältnissen: manch einer wird sich noch daran erinnern, wie die Verlage von FAZ und SZ ihr Geld und ihre publizistische Macht dafür einsetzten, den Perlentaucher als kleines Start-up-Unternehmen wegen der Verletzung der Urheberrechte ihrer angestellten Journalisten vor Gericht in die Knie zu zwingen, begleitet von organisierter Empörung auf den Feuilletonseiten. Die Verlage haben diesen Prozess vor dem BGH ganz überwiegend verloren, und der Perlentaucher hat überlebt. Wenn er hätte schließen müssen, wäre das ganz leise von statten gegangen, ohne Klagelied der Kulturpolitik und Kulturwirtschaft. Heute ist er auf dem Gebiet der Kultur eine publizistische Institution. Er hat sich nicht gescheut, im Streit über die Verlegerbeteiligung die publizistische Lücke zu schließen und der vor Gericht in Sachen „Verlegeranteil“ immerhin viermal obsiegenden Rechtsauffassung dort ein Forum zu bieten, wo die Qualitätspresse ihren Lesern gezielt eine Darstellung der Urteilsgründe vorenthalten hat.

Obwohl die Massenmedien die Vorgänge der VG Wort und die Verfahren von Vogel begleitet haben, ist Martin Vogel dort nicht einmal zu Wort gekommen.

Wer sich noch daran erinnert wie die deutschen Massenmedien beim Presseleistungsschutzrecht zu Propagandamaschinen in eigener Sache wurden, dürfte nicht überrascht sein.