Wie viel Traffic Trump mit seinen getwitterten Links erzeugt

Alex Kantrowitz auf Buzzfeed hat es analysiert:

Last Wednesday, for instance, Trump shared a link to a story citing an Emerson College poll that found voters trust the Trump administration more than the media. Placing a plus sign after the Bitly link he created, “bit.ly/2k4b0imEmersonPoll,” summons a page displaying all the click data on the link — including the number of clicks through to the story and where they came from.

In the case of the Emerson poll story, published by The Hill, more than 678,000 people clicked Trump’s link to it — 558,000 of them on Twitter. 72% of those clicks occurred in the US, 6% were generated in the United Kingdom and another 6% in Canada. Of the remaining 120,000 clicks, around 32,000 originated from Facebook, and the rest from platforms other than Twitter.[…]

A recent Bitly link tweeted by Kim Kardashian, for instance, generated just 2,998 clickthroughs from Twitter despite the fact that Kardashian has an audience of 50 million followers — double the size of Trump’s.

Die Zahl von Kim Kardashian ist wichtig für den Kontext. Seit Jahren geht der Traffic zurück, also die eigentlichen Aufrufe der Links auf Twitter. Ich habe es schon erlebt, dass Tweets zwischenzeitlich mehr Retweets hatten als die darin enthaltenen Links aufgerufen wurden. (Sprich: 30 Retweets, weniger als 30 Linkaufrufe.)

3 Dinge lernen wir daraus:

  1. Im Guten wie im Schlechten, es stimmt immer noch was ich vor einigen Jahren einmal im Gespräch mit Johannes Kleske in einer neunetzcast-Ausgabe gesagt habe: Für nicht wenige Nutzer ist der Link in einem Tweet vor allem die Quellenangabe für die im Tweet gemachte Aussage. Dementsprechend oft werden die Links aufgerufen. (Wer verfolgt schon auch nur die Hälfte des Literaturverzeichnisses eines Buches, das man gerade liest. Die Dynamik scheint hier vergleichbar zu sein. (Das dürfte direkt mit der Masse an Tweets heutzutage -und mit der Flut an Informationen allgemein- zusammenhängen. Es ist also durchaus ein nachvollziehbares Nutzerverhalten, egal wie man es wertet.))
  2. Würde Twitter aktiv an neuen Features arbeiten, was sie ganz allgemein irgendwie nur für eher mittelwichtig zu halten scheinen, wäre das hier auch die Prämisse für eine erfolgreiche vertikale Integration: Inhalte, die jetzt hinter Links liegen, stattdessen direkt auf Twitter abbilden zu lassen, würde die Reichweite dieser Inhalte auf Twitter vergrößern (wenn richtig umgesetzt). Publikationen liesen sich so leicht an Bord holen. Texte, Videos etc. als Anhänge zu verstehen, die leichter aufgerufen werden können (vergleichbar mit Facebooks Instant Articles), würde es Twitter erlauben, im großen Stil die 140 Zeichen umschiffen zu können ohne sie gänzlich aufweichen zu müssen. Und man könnte die unsäglichen, aber spätestens seit der US-Wahl allgegenwärtigen Twitter-Threads (aka Tweetstorms) nativ in die Plattform einbauen. Man stelle sich die Möglichkeiten vor. It’s time for some game theory, guys.
  3. Man muss offensichtlich nur US-Präsident werden und die Welt an den Rand des Untergangs führen, um auf Twitter spürbares Engagement zu erhalten.

Die nicht immer offensichtlichen Dynamiken in der Plattformökonomie

Alexander Graf auf Kassenzone über Plattformen:

Insbesondere der Zugang zum Endkunden ist, wie in der analogen Welt auch schon, der entscheidende Schlüssel. Die Welt wird zunehmend digitaler. Entscheidungen werden dadurch digitaler getroffen und ehemals analog kontrollierte Kundenzugänge verlieren an Relevanz. Im folgenden Chart ist dargestellt wie die GAFAs in allen Lebensbereichen versuchen Kontrolle zu erlangen. […]

Graf beantwortet einige Leserfragen zum Thema:

Gibt es bekannte Wachstumsgrenzen für die GAFAs?

Also ich kenne keine und die in Studien vermittelte Marktsicht ist oft historisch bedingt und wirkungslos für die Beschreibung der GAFA Ökonomie. Warum glaube ich, dass z.B. Amazon schnell auf 100 Mrd. + X Umsatz wachsen kann? Der B2C Einzelhandel in Deutschland ist ca. 450 Mrd. groß (ohne Apotheken, KFZ…). Ich habe noch kein Konzept in Deutschland gesehen, das in der Lage wäre Umsatzanteile von Amazon zurückzuerobern. Die nächsten 100 Mrd. Umsatz sitzen also wie das Kaninchen vor der Schlange. Das gilt genauso für Google & Facebook. […]

Als Betreiber eines erfolgreichen Nischen online Shops: sollte ich diesen zur Plattform entwickeln? Wenn ja, wie?

Die Frage stellen sich zurzeit auch sehr große Onlineshops und finde idR keine befriedigende Antwort. Für kleine Shops gibt es diese Option daher kaum.

Eine sicher oft gemachte, aber fehlgeleitete Annahme ist es, dass jedes Unternehmen mit der richtigen Strategie eine Plattform aufbauen kann.

Plattformen funktionieren aber nur ab einer bestimmten Reichweitenschwelle, die nicht jeder erreichen kann. (Ein Beispiel: Amazons Fire Phone ist grandios gescheitert, weil es die notwendige Schwelle niemals hätte erreichen können. Sowohl Positionierung als auch Timing haben das unmöglich gemacht.)

Im Zweifel: Wenn man sich nicht sicher ist, ist es wahrscheinlicher, dass man keine Plattform aufbauen kann. Für die überwiegende Mehrzahl der Unternehmen (90+% der bestehenden Unternehmen) stellt sich eher die Frage, wie man sich in einer Welt der Plattformen positioniert, nicht wie man selbst eine wird.

Wieviele Plattformen können parallel eine wirtschaftliche Daseinsberechtigung haben?

Aus meiner Sicht ist das Limit im Endkundenzugang zu suchen. Das könnten sehr sehr viele Plattformen sein am Ende des Tages. Aktuell geht der Trend aber dazu, dass die großen Plattformen noch größer werden und damit das Spielfeld verschieben. Es wird also schwerer für neue Plattformen.

Graf hat recht.
Konkreter: Nicht jeder Markt mit Netzwerkeffekten ist automatisch ein Winner-takes-all-Markt. Siehe etwa Smartphones mit dem Duopol von iOS und Android. (Der Grund liegt hier in der schieren Größe, die eine nachhaltige Position für die Nummer 2 ermöglicht. (Im Gegensatz zur PC-Welt der Neunziger etwa.))
Zusätzlich: Manche Plattformen sind auschließender in ihrer Nutzung als andere, haben also einen stärkeren Exklusivitätscharakter.

Exklusiver etwa: Alles was mit Kommunikation zu tun hat. Beispielsweise Whatsapp. (Man sieht aber auch hier schön, dass es selten um reine Exklusivität geht.) Ein anders Beispiel: Spielekonsolen, dank der Anschaffungskosten.

Die Dynamiken sind nicht immer offensichtlich: Die Jahresgebühr von Amazon Prime macht es nicht schwerer für Amazon, sondern einfacher. Wer Prime-Kunde ist, kauft mehr bei Amazon und startet mehr Produktsuchen bei Amazon, weil man auch die Gebühr wieder „hereinbekommen will“. (Der Mensch ist eben kein homo oeconomicus.) Damit führt die Gebühr zu Exklusivität, Lockin und ganz eigenen Marktplatzdynamiken. Etwas, das selbst große Konkurrenten wie Walmart nicht verstehen.

Weniger exklusiv, also starke Parallelnutzung, könnte es bei den Voice-Assistenten geben.

Starke Parallelnutzung, Multihoming, auf der einen Seite (hier Endnutzer) führt zu einem stärkeren Wettbewerb auf der anderen Seite. Sprich also exklusive Bindungen von Leuchtturmangeboten an bestimmte Plattformen.

Hier liegt ein wichtiger Hebel für Unternehmen, die auf und mit Plattformen arbeiten, statt selbst welche aufzubauen.

Mich würde der deutsche Mittelstand interessieren: Ist dieser möglicherweise auch in Zukunft durch Plattformen bedroht?

Auf jeden Fall. Auch dort würde ich mir immer die Frage nach dem Interface stellen. Ist das bisher vorherrschende Interface „Mensch spricht mit Mensch“ bedroht? Dann haben Plattformen ein Einfallstor in das entsprechende Geschäftsmodell. Aber auch hier komme ich bei genauer Analyse fast immer zu der Erkenntnis, dass es „nur“ eine Frage der Zeit ist und nie eine Frage des „ob“.

Plattformen sind, grob gesprochen, Reorganisatoren der Arbeitsteilung innerhalb von Branchen. In jeder Branche ist heute noch Potential für Reorganisation.

Abschließend noch Alexander Graf über die Dinge, die nicht mehr funktionieren:

Dinge die nicht mehr funktionieren:

Darauf warten, dass die Kunden wieder zur Besinnung kommen.

Projekte anstoßen deren Umsetzung 1-2 Jahre später begonnen wird.

Kooperationsstrategien, bei denen mehr als zwei Leute mitreden dürfen

Alle Werkzeuge von BCG, MCK & Co.

Handel

Eine wichtige Diskussion, die gerade erst anfängt.

10

Vor einigen Wochen ist neunetz.com 10 Jahre alt geworden.

Es wäre eine Untertreibung zu behaupten, dass in diesen zehn Jahren einiges passiert ist.

Es ist mehr passiert als ich und jede/r den ich kenne, vor zehn Jahren vermutet hätte. Und das, obwohl "es wird schneller gehen als ihr denkt" auch ein Mantra der frühen Jahre hier und anderenorts war.

Das zählt zu den fundamentalen Dingen, die ich in den letzten Jahren gelernt habe. Obwohl ich hierzulande zu den progressiveren Köpfen gezählt wurde, der oft viel zu radikal an die Veränderungen unserer Zeit, in Geschwindigkeit wie Ausmaß, glaubt, habe ich genau das unterschätzt.

Das ist rückblickend nicht verwunderlich, wenn man sich die Debatten hierzulande anschaut. Wir beschäftigen uns in der deutschen Öffentlichkeit zu oft mit Rückzugsgefechten, mit Debatten, die um die Vergangenheit schwirren, sie irgendwie, irgendwie, erhalten wollen. Und zu oft habe ich mich an diesen Debatten aktiv beteiligt. Ein Realist unter Pessimisten erscheint wie der naivste Optimist; und ich war nicht einmal das, weil ich die Entwicklungen unterschätzt habe. Eine Folge der Debatten-Schieflage. Es gibt mehr dazu zu sagen, aber an anderer Stelle, sprich in einem späteren Artikel.

neunetz.com ist in den letzten 2 Jahren aus verschiedenen Gründen ein bisschen eingeschlafen. Das wird sich jetzt ändern.

Was 2006 allenfalls ein Randthema war, ist heute im Mittelpunkt jeder gesellschaftlichen Debatte angekommen.

In der deutschen Öffentlichkeit ist mehr als genug Platz für moderate, nach vorn schauende Stimmen. Was in Deutschland vor allem fehlt ist Kontext, Einordnung. Das habe ich auf neunetz.com immer versucht zu liefern und das wird es auch wieder sein, was neunetz.com ausmacht: Die Erklärung des 'Warum' und 'Wie' und immer auch der Versuch, ein 'Was jetzt' anzubieten. (Kritik ohne Lösungsvorschläge ist billig.)

neunetz.com wird nicht nur inhaltlich wieder an Fahrt aufnehmen. Auch konzeptionell gibt es Pläne zur Weiterentwicklung, die ich, zu meiner Schande, schon viel zu lang in der Schublade liegen habe. Auch dazu hoffentlich bald mehr. Es gibt einiges vorzubereiten. Das Ziel ist, eine nachhaltige Stimme hier aufzubauen.

Hierzu zählen auch die Podcasts auf neunetz.fm. Auch da wird es künftig wieder mehr geben. Martin Spindler und ich podcasten regelmäßig in Thingonomics über das Internet der Dinge. Markus 'kosmar' Angermeier und ich werden künftig wieder regelmäßig im neunetzcast die wichtigsten Entwicklungen kommentieren. Und mit Wolfgang Senges starte ich eine neue Podcastshow zum digitalen Musikbusiness.

Here is to the future.

Hier die zum Teil sehr ausführlichen Rückblicke und Bestandsaufnahmen aus den früheren Jahren:

Unternehmen müssen heute in Fähigkeiten statt in Geschäftsmodelle „investieren“

Alexander Graf auf Kassenzone:

Ich persönlich traue mir nicht zu vorherzusagen, welche Anbieter und Geschäftsmodelle 2025 dominieren werden und wer davon am meisten profitiert. Ich glaube allerdings fundamental daran, dass 2025 Geschäftsmodelle dominieren, die wir heute noch nicht kennen. Das ist auch der Grund dafür weshalb ich sage, dass Unternehmen nicht mehr in Geschäftsmodelle „investieren“ sollten, sondern nur noch in Fähigkeiten. Fähigkeiten schneller zu agieren. Fähigkeiten sich schneller verändern zu können. Fähigkeiten den Markt zu gestalten und nicht zu immitieren. Klingt anstrengend und wenig attraktiv? Gemessen an den goldenen Standards großer Unternehmen aus den 70er,80er & 90er Jahren ist das die Hölle! Aber was ist die Alternative?

Abstrakt aber präzise zusammengefasst.

Aber um das zu erreichen, müssen nicht nur Prozesse und Strukturen verändert werden sondern auch die Unternehmenskulturen selbst geändert werden. Das ist in fast allen Fällen unmöglich.

Oder anders: Solche radikalen Veränderungen werden für Unternehmen in der Regel überhaupt nur möglich während einer Nahtoderfahrung. (Je größer ein Unternehmen, desto eher trifft diese Regel zu..) ‚Möglich sein‘ ist nicht gleich bedeutend mit ‚Erfolgreich sein‘. In so einer Situation kann mehr schief gehen, als die Mitarbeiter eines Unternehmens beeinflussen können. Apple ist auch hier die große Anomalie der Wirtschaftsgeschichte.

And now for something completely different: Apple gehört mit seinen 40 Jahren bereits zu den älteren Unternehmen. Warum ist die durchschnittliche Lebensdauer von Unternehmen sehr viel kürzer als die von Menschen? Könnte es für die vergleichsweise kurze durchschnittliche Lebensdauer von Unternehmen (neben Übernahmen) Gründe geben, die durch die digital verursachten radikalen Veränderungen unserer Zeit „nur“ verstärkt werden..?

Die Antwort auf diese Frage ist ein deutliches Ja.

Wenn deutsche Massenmedien Eigeninteressen haben, VG-Wort-Edition

Martin Vogel im Perlentaucher:

Nachdem der BGH und alle anderen Gerichte festgestellt haben, dass die bisherige Verteilungspraxis der VG Wort – die Verleger erhielten bis zur Hälfte – rechtswidrig ist, stellt die Bundesregierung die „bewährte Praxis“ in einem neuen Gesetz wieder her. Die Autoren dürfen jetzt ihr Einverständnis mit der Preisgabe ihrer Ansprüche erklären – und verlieren 30 Millionen Euro jährlich. Selbst wenn einer dagegen klagt, wird diese Revision der Rechtsprechung durch den Gesetzgeber jahrelang bestehen bleiben. […]

Und noch ein Wort zu den Machtverhältnissen: manch einer wird sich noch daran erinnern, wie die Verlage von FAZ und SZ ihr Geld und ihre publizistische Macht dafür einsetzten, den Perlentaucher als kleines Start-up-Unternehmen wegen der Verletzung der Urheberrechte ihrer angestellten Journalisten vor Gericht in die Knie zu zwingen, begleitet von organisierter Empörung auf den Feuilletonseiten. Die Verlage haben diesen Prozess vor dem BGH ganz überwiegend verloren, und der Perlentaucher hat überlebt. Wenn er hätte schließen müssen, wäre das ganz leise von statten gegangen, ohne Klagelied der Kulturpolitik und Kulturwirtschaft. Heute ist er auf dem Gebiet der Kultur eine publizistische Institution. Er hat sich nicht gescheut, im Streit über die Verlegerbeteiligung die publizistische Lücke zu schließen und der vor Gericht in Sachen „Verlegeranteil“ immerhin viermal obsiegenden Rechtsauffassung dort ein Forum zu bieten, wo die Qualitätspresse ihren Lesern gezielt eine Darstellung der Urteilsgründe vorenthalten hat.

Obwohl die Massenmedien die Vorgänge der VG Wort und die Verfahren von Vogel begleitet haben, ist Martin Vogel dort nicht einmal zu Wort gekommen.

Wer sich noch daran erinnert wie die deutschen Massenmedien beim Presseleistungsschutzrecht zu Propagandamaschinen in eigener Sache wurden, dürfte nicht überrascht sein.

Europas neue GPS-Alternative Galileo ist akurater und offen für alle

heise:

Zu den Diensten gehöre eine präzisere Navigation für Privatnutzer, erläutert die Kommission. Das erste Galileo-Smartphone des spanischen Unternehmens BQ sei bereits auf dem Markt, andere Hersteller dürften bald nachziehen, hofft die Kommission. Ab 2018 werde auch jedes in Europa verkaufte neue Fahrzeugmodell mit Galileo ausgerüstet sein; dadurch werde auchder Autonotruf eCall ermöglicht. Besonders in städtischen Gebieten, wo die Satellitensignale häufig von hohen Gebäuden gestört werden, seien durch Galileo Vorteile zu erwarten.

The Register:

After a long and much-delayed 17-year gestation, Europe’s answer to America’s GPS system has been switched on.

The Galileo network will offer a free service with an accuracy of one metre, and can pinpoint locations down to a few centimetres for paying customers. The service has 18 satellites in orbit, with 30 projected by 2020 at the latest.

Ein zwar technisch besseres, aber redundantes System zu GPS wäre noch vor ein paar Wochen eine zumindest fragwürdige Investition gewesen.

Jetzt, mit der künftigen US-Regierung, und der wachsenden Bedeutung etwa autonomer Automobile in naher Zukunft, kommt Galileo keine Sekunde zu früh:

„Geo-localisation is at the heart of the ongoing digital revolution with new services that transform our daily lives,“ said Maroš Šefčovič, vice-president of the European Commission.

„Galileo will increase geo-location precision ten-fold and enable the next generation of location-based technologies; such as autonomous cars, connected devices, or smart city services. Today I call on European entrepreneurs and say: imagine what you can do with Galileo – don’t wait, innovate.“

Europa macht sich so zum richtigen Zeitpunkt ein kleines bisschen unabhängiger von den USA.

Zur Geschichte des in Prag sitzenden Galileo-Systems kann man unter anderem Wikipedia befragen.

Warum #wearetwitter ein unrealistischer Traum ist

Angestachelt von den Verkaufsgerüchten von Twitter -wer nicht aufgepasst hat: mindestens Disney und Salesforce haben genauer hingeschaut und dankend abgelehnt-, denken ein paar der Twitter-Nutzer darüber nach, Twitter zu übernehmen und in eine den Nutzern gehörende Kooperative (weil Genossenschaft zu altbacken klingt) zu überführen.

Aus der auf Twitter Wellen schlagenden Petition:

Einige von uns wollen eine Kooperative ins Leben rufen, die weitere Twitter-Nutzerinnen und -Nutzer gewinnen will, in der Hoffnung, einen Deal hinzubekommen. Einen fairen Deal, der diejenigen belohnt, die dabei geholfen haben, das Twitter wie wir es lieben zu kreieren. Wir hoffen, dass diese mit uns zusammenarbeiten werden. Twitter ist dabei nur ein Anfang, eine Chance, einfach mal über ein Werkzeug nachzudenken, mit dem man große Plattformen gemeinsam besitzen könnte; unsere Kooperative denkt bereits darüber nach, wie man gemeinschaftlich geteilte Inhaberschaften auch an anderen Stellen des Internet umsetzen könnte.

Wir, die Unterzeichner, fordern Twitter auf mit uns zusammenzuarbeiten, um die Zukunft des Unternehmens gemeinsam mit denjenigen zu gestalten, die am meisten an seinen Services hängen. Einige von uns sind TWTR-Aktionäre und haben bereits zugesagt, unser Anliegen durch die Übertragung ihrer Stimmrechte zu unterstützen, damit der Aufkauf durch ein Großunternehmen verhindert und eine bessere Lösung gefunden werden kann.

Markus Spath beschreibt einige der Herausforderungen auf hackr.de:

in einem zweiten schritt müsste man dann zeigen, dass ein genossenschaftliches modell ein garant dafür wäre, dass twitter in ein bald nicht mehr erkennbares konstrukt transformiert würde, das dann zwar allen u/o vielen gehört, jeden ursprünglichen sinn aber verloren hat. das nur mal in den raum gestellt, aber wer sich in johnnys googledoc anschaut, welches abstruse macro- und micromanagement sich schon bei einer beteiligung von 10 oder 20 leuten einstellt (kaufen oder reicht auch nachbauen? open sourcen oder nicht? be excellent als motto oder nur kein dick? vl. ein karma-system, aber ab wann ausschluss und was ist überhaupt hatespeech? foto/video/audio oder nicht? 140 zeichen oder mehr? oder 140 zeichen aber links und sagen wir 10 mentions werden nicht mitgezählt? favs oder hearts? conversations als baum oder liste? vl. ein flag für important? vl. verlust vom handle bei inaktivität? und wer machts eigentlich, ein team oder freestyle open source prozeß und offices vl. in berlin? free oder freemium oder paid und ggf. was wann und wie überhaupt mit ads? vl. auf basis vom interplanetary file system? […]

Reden wir nicht lang um den heißen Brei herum: Die schiere Unmöglichkeit des Unterfangens ist geradezu grotesk.

Zunächst allgemein:

  • Es gibt keinen Präzedenzfall, in dem ein milliardenschweres, an der Börse notiertes Unternehmen in eine Genossenschaftsform überführt wurde.
  • Es gibt große und kleine Shareholder, die hier ein Mitspracherecht haben. Die Kleinanleger, die jetzt bereits an Bord sein mögen, sind in jeder Hinsicht irrelevant.
  • Es braucht ein mehrstufiges Governance-Modell und ein Übergangsmodell, für die längere Übergangszeit, welche beide ausgehandelt werden müssten. Hat irgendeine/r der Initiatoren bereits ein Unternehmen an die Börse gebracht oder von der Börse genommen? Die Komplexität hier ist enorm.
  • Es gibt keine erfolgreiche Kooperative, die einen Internetdienst bereitstellt, der auch nur annähernd in der Liga von Twitter spielt, was Reichweite und Komplexität des Tagesgeschäfts betrifft. Es ist sehr viel einfacher (um Dimensionen einfacher) eine Kooperative neu aufzubauen, als diese Governanceform über ein bereits bestehendes, zehn Jahre altes Unternehmen mit Tausenden Mitarbeitern zu stülpen.

Das sind die allgemeinen Bedenken, die bereits ausreichen sollten. Wer wirklich an Kooperative und Twitter glaubt, sollte einen neuen Mikrobloggingdienst aufsetzen. Das hat mehr Erfolgsaussichten und wird nicht Jahre benötigen, um überhaupt bestenfalls an einen Anfang zu kommen, an dem ein nennenswerter Wechsel in spürbare Reichweite rücken könnte.

Aber kommen wir jetzt zu den Bedenken konkret bei Twitter:

  • Wie viele Initiatoren haben sich die jüngsten Quartalsberichte von Twitter angeschaut?
  • Das Unternehmen verzeichnet seit Jahren jedes Jahr jährliche Verluste von mehr oder weniger einer halben Milliarde US-Dollar. (Obwohl der Umsatz konstant wächst.)
  • Kombiniert mit einer Belegschaft von mehreren Tausend Mitarbeitern und einer fehlenden substanziellen Weiterentwicklung des Produkts haben wir hier ein schlecht geführtes, unprofitables Unternehmen (das zufällig einen populären Dienst betreibt).
  • Ein Problem für Twitter ist seit Jahren die extrem hohe Bewertung des Unternehmens, die aus den frühen hohen Erwartungen entstanden ist. Twitter ist, um es schlicht zu sagen, hoffnungslos überbewertet, auch mit dem heutigen Aktienkurs noch. Twitter war und ist zu teuer. (Paywall) Neben anderen Gründen dürfte auch das dazu gefunden haben, das keiner der Kandidaten für eine strategische Übernahme zugegriffen hat.

Das führt uns zu folgender Situation:

Die künftigen Twittergenossen müssten bereit sein:

a.) Viel Geld zu verlieren. (Sobald tatsächlich ein Übernahmeprozess in Gang kommen würde, würde der Aktienkurs eher etwas steigen statt fallen.) Sie müssten Twitter zu einem Preis übernehmen, den das Unternehmen nicht wert ist. Sprich, egal welche Einnahmequellen künftig aufgemacht würden, ein signifikanter Teil des Geldes wäre unwiderruflich verloren.

b.) Die Twittergenossen müssten -jetzt wird es düster-, bereit sein sehr viele Twitter-Mitarbeiter, vielleicht mehr als Tausend, zu entlassen. Es ist offensichtlich, dass zu viele Menschen bei Twitter arbeiten, die einerseits die Kosten hoch treiben (an erinnere sich an die halbe Milliarde US-Dollar Verluste pro Jahr trotz steigender Umsätze), andererseits aber nichts Relevantes zum Produkt oder Geschäft beitragen. (man vergleiche die Mitarbeiterzahlen von Twitter mit Facebook oder Snapchat)

Ein Twitter ohne exorbitante Verluste geht nur mit Entlassungen.

So unschön das ist, aber was Twitter tatsächlich braucht, sind nicht blauäugige Twitternutzer, die es gut meinen, sondern einen Gordon Gekko. Twitter braucht jemanden, der radikal den Rotstift ansetzt, so bitter das für die heutigen Angestellten ist.

Und zu diesem Zeitpunkt haben wir noch nicht einmal darüber gesprochen, wie Produktentscheidungen künftig getroffen werden sollten. Ich bin nicht so skeptisch wie andere, dass man eine Organisation und (Weiter-)entwicklung nicht gemeinschaftlich/genossenschaftlich organisieren könnte. Das verlangt „nur“ entsprechende mehrstufige Abstimmungsprozesse und entsprechende Werkzeuge und Organisationsstufen; eine Metaorganisation sozusagen. So etwas in funktionierender Form zu bauen, ist allerdings ausgesprochen schwierig. (Es ist in dieser Liga sehr viel komplexer als eine reine Unternehmensorganisation.) Besonders ohne Orientierungspunkte, wie das in dieser Dimension funktionieren könnte. Dieses Vorhaben gleich mit der Übernahme eines so schwierigen Falles wie Twitter mit all seinen Herausforderungen, bestehenden Strukturen und Prozessen verbinden zu wollen, ist völlig illusorisch und fernab jeder organisatorischen Realität.

Warum beschäftigen sich also so viele intelligente Menschen mit einer solchen kolossalen Zeitverschwendung? Weil ihnen, den täglichen Twitternutzern, denen, die in vielen Fällen Twitter seit nun bald zehn(!) Jahren täglich(!) benutzen, dieses Twitter so viel bedeutet. Es wäre für sie eine Katastrophe, würde Twitter einen langsamen, aber unaufhaltbaren Tod sterben. Aber genau danach sieht es immer mehr aus.

Es ist ein Traum, nicht mehr, nicht weniger; leider ein völlig unmöglich umzusetzender Traum.

Nur 5,3 Prozent aller Entwickler in Deutschland sind Mobile-Entwickler

Stack Overflow, die größte Entwicklercommunity weltweit, hat den ersten „Entwickler-Standort-Report Deutschland“ vorgelegt. Demnach gibt es „709.033 Entwickler in Deutschland, davon 59,6 Prozent Full-Stack-Entwickler“. (Was einige Hobby-Coder einschließen sollte.)

Aus der Pressemitteilung:

Die genutzten Programmiersprachen in Deutschland sind vielfältig, unangefochten an der Spitze jedoch steht Java mit 96.068 Entwicklern, die diese Sprache beherrschen – das entspricht 13,7 Prozent aller Entwickler in Deutschland. Python liegt auf Platz zwei und gehört zum Repertoire von 90.929 Entwicklern (12,8 Prozent).
Im mobilen Wettstreit schlägt die Zahl der Android-Entwickler mit 24.683 Entwicklern mengenmäßig klar die iOS-Entwickler mit 13.223. Der Anteil der Android-Entwickler an allen Entwicklern im Mobilebereich liegt somit bei 65,1 Prozent.

Das ist nicht überraschend: Der Marktanteil von Android gegenüber iOS ist in Deutschland (und in Europa allgemein) besonders hoch.

Auch wenig überraschend ist, dass Berlin näher am (mobilen) Puls der Zeit als der Rest der Republik ist:

Besonders an der Region Berlin ist die hohe Dichte an Mobile-Entwicklern: Ihr Anteil beträgt 6,1 Prozent im Gegensatz zu 5,3 Prozent im deutschen Durchschnitt.

Das ist der Unterschied zwischen Entwicklern in Startups und, sagen wir, Entwicklern in Unternehmen wie 1&1. (Besonders auch die Popularität von Java sagt viel über den IT-Standort Deutschland aus.)

Allerdings gemessen an der rasanten Entwicklung des mobilen Internets sind diese Zahlen, auch jene für Berlin, viel zu niedrig.

Hinter den Extremforderungen zum EU-Presseleistungsschutzrecht liegt Gewissheit

Julia Reda, Abgeordnete der Piraten im EU-Parlament und stellvertretende Vorsitzende der Fraktion der Grünen/Freie Europäische Allianz, im Interview mit Spiegel Online zum geplanten EU-Leistungsschutzrecht, das sich im Vorschlag für das neue EU-Urheberrecht (PDF) findet, das EU-Digitalkommissar Günther Oettinger am 21. September der EU-Kommission vorstellen wird:

Das Leistungsschutzrecht für Presseverleger funktioniert schon in Deutschland nicht – jetzt soll europaweit offenbar eine noch verschärfte Variante kommen. Das deutsche Leistungsschutzrecht hat eine Schutzdauer von einem Jahr, mit der Überlegung, dass ein ein Jahr alter Nachrichtenartikel wohl seinen Nachrichtenwert eingebüßt haben wird. Der Kommissionsvorschlag sieht für das Leistungsschutzrecht eine Schutzdauer von 20 Jahren vor, das ist völlig jenseits von Gut und Böse. Anders als im deutschen Recht soll sich der Schutz auch nicht allein auf Suchmaschinen und Nachrichtenaggregatoren beziehen. Nachrichten- und Zeitungsverlage würden ein neues Leistungsschutzrecht bekommen, das sie gegen jeden anwenden können, der Teile ihrer Artikel kopiert oder im Internet zur Verfügung stellt.

Auch Snippets fehlen im EU-Entwurf. Im deutschen Presseleistungsschutzrecht sind „einzelne Wörter und kleinste Textausschnitte“ ausgenommen.

Leonhard Dobusch auf netzpolitik.org über all die Punkte, die im Entwurf fehlen:

Das Schlimmste an dem Kommissionsentwurf sind aber nicht einmal Klauseln wie jene zum Leistungsschutzrecht, sondern es sind die zahlreichen Punkte, die fehlen. Im folgenden nur ein paar der vielen notwendigen Reformen, die mit keinem Satz erwähnt werden:

Panoramafreiheit: Obwohl die Kommission zu diesem Thema sogar eine eigene öffentliche Konsultation abgehalten hat, findet sich dazu weder etwas im Entwurf noch im Impact Assessment. Es gelten also weiterhin unterschiedliche Regelungen zu Panoramafreiheit in Europa.
Schrankenchaos: Alle bestehenden Ausnahme- und Schrankenregelungen bleiben wie bisher optional, der Flickenteppich an Ausnahmen bleibt bestehen.
Fair Use: Weiterhin fehlt es in Europa an einer offenen Klausel nach Vorbild des Fair Use im US-Copyright; Projekte wie Google Books, verschiedene Formen von Remixkreativität und ganz allgemein innovative neue Nutzungsformen sind damit in Europa weiterhin viel schwieriger möglich als in den USA.
Bagatellschranke: Alltagskreativität und transformative Werknutzung (z. B. in Form von Internet-Memes)bleiben weiterhin illegal.
Geoblocking: Die größte Peinlichkeit Enttäuschung ist wahrscheinlich das Fehlen von wirksamen Beschränkungen von Geoblocking, dem prominentesten Versprechen von Andrus Ansip und Günther Oettinger zu Beginn ihrer Amtsperiode. Nicht einmal ein Recht auf Netflix oder Mediathek im Urlaub ist im Entwurf verankert (vgl. dazu aber auch die Stellungnahme der Verbraucherschutzzentrale NRW zur geplanten Portabilitätsverordnung).

Der Entwurf ist klar eine unglaublich einseitige, rein von Lobbyinteressen getriebene Vorlage. Die Extremforderungen -groteske 20 Jahre für ein Leistungsschutzrecht auf Nachrichten; keine Snippet-Ausnahme; alle, auch Privatpersonen betroffen- sollen sicherstellen, dass über die Details gestritten wird, nicht über das neue Recht an sich. Während gleichzeitig Aktivisten und Bürgerrechtler die von Dobusch angesprochenen fehlenden Punkte erst einmal mühsam wieder auf die Tagesordnung bringen müssen.

Es ist auch ein Versuch, zu vernebeln, wie komplett wirkungslos das Presseleistungsschutzrecht für Presseverleger in Deutschland war.

Das wir tatsächlich 2016 über ein so unsinniges, volkswirtschaftlich höchstgefährliches Unterfangen für die EU reden -während wir in Deutschland sehen, wie es eben nicht das Resultat bringt, dass die Befürworter erhoffen- ist eine Bankrotterklärung der EU.

Wenn die Debatte hierzu in den Massenmedien auch nur annähernd dem Debattendesaster, der völlig unverschleierten Propaganda, ähneln wird, wie es beim deutschen Presseleistungsschutzrecht der Fall war, ist ein EU-Presseleistungsschutzrecht praktisch gegeben. Vor allem, da EU-Themen tendenziell weniger Aufmerksamkeit erhalten als nationale Themen. Was Mobilisierung auf der anderen Seite bei diesem abstrakten und damit dafür wenig geeigneten Thema noch weiter erschweren wird.

Davon zumindest dürften die Befürworter ausgehen.

Nur so ist dieser Schlag in’s Gesicht in Form dieses Kommissionsentwurfs zu werten.

„Autonomes Fahren: Singapur bekommt fahrerlose Taxis“

Golem.de:

Singapur startet in Kürze einen Test mit selbstfahrenden Taxis. Drei Jahre lang werden sechs fahrerlose Taxis in einem kleinen Bereich in der Innenstadt unterwegs sein. Ab Anfang der 2020er Jahre sollen die Taxis dann im regulären Einsatz sein.

Die Idee ist, dass die Robotertaxis die erste und die letzte Meile übernehmen – Pendler also zur U-Bahn-Station bringen und später von der U-Bahn-Station zum Ziel. Dadurch wollen die Behörden die Bürger dazu motivieren, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen und das eigene Auto stehen zu lassen. Die Straßen des südostasiatischen Stadtstaates sind häufig verstopft.

Solche ersten Pilotprojekte zeigen heute bereits, wo morgen als erstes der Regulierungsrahmen für autonome Fahrzeuge geschaffen werden wird; es sind die Gebiete, wo die Schmerzen heute am größten sind. (Und wo gleichzeitig der Wille zu einer fundamentalen Veränderung vorhanden ist. Letzterer wird in Deutschland etwa immer gegen das Herz der hiesigen Wirtschaft ankämpfen müssen.)

Gleichzeitig kann man sich politisch & regulatorisch nur mit solchen begrenzten Pilotprojekten an die komplexe Materie herantasten.

Singapur und Co. werden natürlich auch für uns in Deutschland Erkenntnisse abwerfen, theoretisch.