Wie Werbemarkt und Onlinehandel langsam verschmelzen

Warum es wichtig ist: Es kommen große Umbrüche auf den Onlinewerbemarkt zu. Einer davon ist die fortschreitende Verschmelzung von Werbung und Onlinehandel, die von mit ihr einhergehender sinkender Reibung getrieben wird.

Werbung ist die Vermittlung/Schaffung von Interesse und Affinität, mit dem Ziel, anderenorts eine Transaktion zu initiieren.

Nicht erst seit Amazon sein Werbegeschäft ausbaut ist klargeworden, dass der Ort der Transaktion und der Ort der Werbung online auch ein und der selbe Ort sein können. Amazon hat aber den Trend und das Potenzial nun für alle sichtbar gemacht.

Amazon, Zalando und Alibaba sind die größten Namen, die Werbung und Handel (auf unterschiedliche Arten) zusammenbringen.

Holger Schmidt auf Netzökonom:

Der beste Ort für Werbung ist direkt im Geschäft, wenn der Kunde ohnehin im Kaufmodus ist. Das haben inzwischen auch die Online-Handelsplattformen erkannt, die zudem ziemlich genau wissen, was ihre Kunden kaufen möchten. Das Ergebnis heißt Retail Media – und legt gerade rasant zu. „Der Markt für Retail Media wird in Deutschland in diesem Jahr auf 600 Millionen Euro wachsen“, sagte Torsten Ahlers, Chef der Otto Group Media, auf dem ersten Retail Media Summit in Hamburg. Zwei Drittel des neuen Geschäfts entfallen auf die Produktsuche, ein Drittel auf die Ausweitung der Reichweite. Händler werden damit immer mehr zu Plattformen, die nicht nur externe Dritthändler mit Kunden zusammenführen, sondern ähnlich wie klassische Medien auch werbende Unternehmen und potenzielle Kunden.

Vor diesem Hintergrund muss man auch etwa einige Bestrebungen von Google einordnen. Denn gerade Google geht es damit an die cash cow.

Ben Thompson auf Stratechery (paywall) fasst es prägnant zusammen:

I’ve discussed JD a couple of times, primarily in the context of the Tencent and Alibaba rivalry; in both cases I framed JD, thanks to its tie-up with Tencent and WeChat, as a threat to Alibaba. What is interesting, though, is the degree to which Alibaba has prospered, just as Amazon has in the West. To put it another way, I don’t think it is a surprise that Google and Walmart are invested in JD, just as they are in Flipkart in India, and just as Google and Walmart are increasingly partners in the U.S.

It makes sense if you think about it: what is the ultimate point of advertising and lead generation, the primary business model of Google and Tencent (albeit in differing forms)? It is getting consumers to actually buy something. What increasingly seems to be the case, though, is that the most powerful position in an e-commerce value chain is to be the point-of-sale, as is the case with both Alibaba and Amazon. Both can integrate backwards into advertising (which is Alibaba’s primary business model) far more effectively than Google or Tencent have been able to integrate forward into the actual purchase; both Google and Tencent are striving to close that loop with their close partnerships with Walmart, JD, and Flipkart, but the integrated model definitely seems to be winning, not only here in the U.S. but also in China and in emerging markets like India.

Umgekehrt ist es nicht überraschend, dass Instagram und co. an Integrationen arbeiten, die Werbung und Transaktion direkt verbinden. Nicht einfach auf Instagram sehen und dann tippen und woanders kaufen, sondern: Dann auch gleich direkt auf Instagram kaufen. Besser für die Konversionrate, und Instagram (als Beispiel hier) behält die Kundenbeziehung.

Software verwischt Unternehmenskategorien, auch beim Thema Werbung.

Toyota investiert 1 Milliarde Dollar in Südostasien-Marktführer Grab

Toyota steckt als nächstes Unternehmen viel Geld in Grab, das längst dank Softbank gesetzt ist als Marktführer in Südostasien. (Go-Jek ist ein Konkurrent. Aber Grab hat mit Didi, Softbank und Toyota starke Investoren an Bord.)

Warum es wichtig ist: Toyota sichert sich einen Platz in Südostasien. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird Grab in dieser Region der Mobility-Player werden, der den Zugang zum Endkunden hat.

grab

Helen Bielawa auf t3n:

Nach Angaben des Unternehmens ist es die bisher größte Investition eines Autoherstellers in einen Mobilitätsdienst: Toyota investiert eine Milliarde US-Dollar in den App-Anbieter Grab aus Singapur, teilt Grab mit. Erst im März hatte der Taxidienst das Geschäft von Uber in Südostasien übernommen – jetzt will das Unternehmen seine Führungsposition in der Region ausbauen.
In der Finanzierungsrunde, die auf die Übernahme des Uber-Geschäfts in der Region folgte, ist Toyota jetzt führender Investor. Auch der chinesische Fahrdienst Didi Chuxing und der Technologieinvestor Softbank sind an Grab beteiligt.

Neben dem Autoruf-Service will Grab das Angebot an Essenslieferungen und Finanzdiensten ausweiten und mit Grabfood und Grabpay expandieren. Nach eigenen Angaben sind die Dienste bisher in über 200 Städten in acht Ländern verfügbar. Über 100 Millionen User haben die App des sechs Jahre alten Startups auf ihren Smartphones installiert.

GrabFood wurde erst vor ein paar Tagen lanciert.

Hier die Pressemitteilung von Toyota. Toyota kooperiert bereits mit Grab:

Since August 2017, Toyota and Grab have been developing connected services for Grab utilizing driving data collected by Toyota’s TransLog data-transmission driving recorder. The recorder, developed by Toyota for corporate fleets, has been installed in 100 Grab rental cars. The data collected is stored on Toyota’s proprietary mobility services platform (MSPF), which serves as a form of information infrastructure for connected vehicles. Both companies have already begun collaboration in the field of connected vehicles by, for example, providing driving-data-based automotive insurance for Grab’s rental fleet in Singapore through local insurance companies.

Massgeblich von Softbank beeinflusst hat Uber im März diesen Jahres bekanntgegeben, dass sie ihr Südostasiengeschäft an Grab verkaufen. New York Times:

Uber will get a 27.5 percent stake in Grab in exchange. Uber’s chief executive, Dara Khosrowshahi, will join Grab’s board. Further financial terms were not disclosed.

Vor fast genau einem Jahr hat Grab von Didi und Softbank 2 Milliarden US-Dollar erhalten. (Softbank war auch bei der Finanzierungsrunde ein Jahr davor schon dabei.)

Hier & Jetzt Video 1: YouTube unter der Lupe

Gemeinsam mit Bertram Gugel, dem führenden Onlinevideo-Experten in Deutschland, starte ich eine neue regelmäßige Podcastreihe zum Thema Bewegtbild im Netz. In der ersten Ausgabe sprechen wir über den aktuellen Stand bei YouTube:

In der ersten Ausgabe geht es um YouTube: In welchem Verhältnis steht die Plattform heute zu ihren Creators? Wie stark oder schwach ist das institutionelle Gedächtnis des Unternehmens? Welche Feedback-Loops zwischen Machern und Plattform kann man erkennen? Welche Folgen haben die Empfehlungsalgorithmen auf das Gesamtbild von YouTube? Und wo geht die Reise auf der Werbeseite hin?

Shownotes und mehr gibt’s hier.

‚Hier & Jetzt‘ kann man per RSS-Feed abonnieren und findet man natürlich auch bei iTunes und in jeder Podcast-App.

Alle Podcasts von neunetz.fm (Hier & Jetzt, Thingonomics, neunetzcast, und mehr) lassen sich ebenfalls in einem Rutsch per Feed oder in iTunes und jeder Podcast-App abonnieren. (Einfach nach neunetz suchen und neunetz.fm abonnieren.)

Außerdem besteht die Möglichkeit, über SoundCloudTwitterFacebook oder Email bei neunetz.fm auf dem Laufenden zu bleiben.

Nachhaltigkeit, Retouren und der Amazon-Skandal

Mark Steier sehr lesenswert auf Wortfilter über den Retouren-Skandal um Amazon und die Retouren-Praxis im (Online-)Handel:

Ein Ansatz ist oftmals, sich die Ware erst gar nicht zurücksenden zu lassen. Nämlich dann, wenn der tatsächliche Warenwert so gering ist, dass er die Kosten einer Rücknahme nicht übersteigt. […]

Ein anderer Ansatz kann aber auch sein, dass Waren in ein B-Waren-Lager gelangen, da die individuelle Zustandsprüfung jeder Rückgabe fehleranfällig ist. Sprich, alle Retouren werden über einen gesonderten Kanal angeboten. […]

Liegen Neudefekte vor, wünschen Hersteller selten einen Rückversand der Ware. Sie schreiben dem Handel vor, die Ware zu ersetzen und fehlerhafte anschließend auch zu vernichten. […]

Rückgaben sind für jedes Unternehmen echte Kostenfaktoren. Die Warenvernichtung kann eine wirtschaftliche Option sein oder wird gar gesetzlich vorgeschrieben (Hygieneartikel oder Produkte mit einer Mindesthaltbarkeit). Grundsätzlich versucht aber jeder Händler, seine Kosten aktiv zu steuern und zu senken.

In meinem Studium (vor gefühlten 100 Jahren) hatte ich auch eine SVWL-Vorlesung zum Thema Nachhaltigkeit belegt​. Unterm Strich die wichtigste Erkenntnis daraus: Die nachhaltige Lösung ist nicht immer offensichtlich. Denn dafür muss immer der gesamte involvierte Prozess betrachtet werden. (Während die „offensichtliche“ Lösung nur diejenige ist, deren nach außen sichtbarer Schritt genehm erscheint.) Hier zum Beispiel: Der komplette Rücktransport von Produkten ist nicht nur teurer sondern auch weniger nachhaltig als die Vernichtung der Produkte. (Besser wäre natürlich weder das eine noch das andere tun zu müssen, aber wir reden eben über eine Situation, bei der die Entscheidung zwischen diesen beiden Optionen liegt.)

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Deutsches Breitband-Drama: Wenn Fördergelder erst gar nicht abgerufen werden können

zdf.de über Breitband-Fördergelder, die nicht abgerufen werden:

Inzwischen sind Tausende Förderbescheide an Städte und Gemeinden verteilt. Doch die zugesagten Gelder sind nicht einmal ansatzweise abgeflossen: Bis Ende Mai 2018 erst knapp 27 Millionen Euro von rund 3,5 Milliarden – nicht einmal ein Hundertstel der Fördermittel also. Das geht aus einer Antwort des Verkehrsministeriums, das auch für die digitale Infrastruktur zuständig ist, auf eine Anfrage der Grünen hervor, die heute.de vorliegt. „Das ist eine Bankrotterklärung für den Breitbandausbau. Die Bundesregierung ist faktisch mit ihrem Programm zum Breitbandausbau gescheitert“, sagt Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer im ZDF. […]

Auf die Frage, wie viele der Tausenden Breitband-Projekte inzwischen abgeschlossen seien antwortet der zuständige Parlamentarische Staatssekretär Steffen Bilger: zwei. Mehrere Projekte seien inzwischen aber teilweise in Betrieb. Die Frage, wie viele Haushalte bisher in den Genuss des schnellen Internets von 50 MBit pro Sekunde gekommen seien, kann das Ministerium gar nicht erst beantworten. Die genaue Anzahl lasse sich noch nicht ermitteln.

(Hervorhebung von mir)

Es ist fast so, als hätte der Breitbandausbau keine hohe Priorität bei der Bundesregierung.

Zum Hintergrund des Breitband-Dramas lohnt sich die Lektüre von Sascha Lobos jüngstem Kolumnentext:

Die Wahrheit ist, dass Deutschland beim Rennen zur „besten Infrastruktur der Welt“ (Bundesregierung 2016) den eigenen Startblock in eine Sackgasse gelegt hat. Sie hat einen Weg in die Gigabit-Gesellschaft gewählt, der faktisch gar nicht befahren werden kann. Die Sackgasse heißt Kupfer, und damit dringe ich zum bitterschmeckenden Kern dieser epischen Versagenskaskade vor, der knapp formuliert aus einer Zahl besteht: 31,9 Prozent. Dieser Wert ist die Erklärung für die meisten politischen Zumutungen, die die inzwischen vier verschiedenen Regierungen Merkel im Bereich „digitale Infrastruktur“ verzapft haben. Es handelt sich um den Anteil des Staats an der Deutschen Telekom AG. Die Telekom ist damit kein Staatsunternehmen, sie ist aber auch kein Privatunternehmen, denn eine derart große Beteiligung bedeutet zwingend regierungsseitige Einflussnahme.

Mit welchen schmutzigen Tricks hinter den Kulissen für das EU-Leistungsschutzrecht gekämpft wird

Julia Reda: „Wie du noch bis 20. Juni Zensurmaschinen und das EU-Leistungsschutzrecht aufhalten kannst“:

Kommissar Oettinger, der das Leistungsschutzrecht vorgeschlagen hat, hatte keine Scheu, Verleger anzuhalten, die bei ihnen angestellten Journalist*innen zu überzeugen, das Leistungsschutzrecht nicht länger zu kritisieren.

Unter dem Titel _„Benutzt Axel Springer die CDU, um Brüssel** in die Mangel zu nehmen?“,_ berichtete ein EU-Insider: _„In Brüssel gehen die Gerüchte um, **wie weit sie zu gehen gewillt sind“ _um dieses Gesetz durchzudrücken.

„Ich weiß, dass mehrere Mitglieder unseres Ausschusses massiv unter Druck gesetzt wurden, um für genau diesen Vorschlag zu stimmen. Die CDU […] hat sie Berichten zufolge unter Druck gesetzt […] es gab Berichte von Drohungen, dass Abgeordnete keine Berichte und parlamentarische Ämter zugeteilt bekommen würden, wenn sie, im Endeffekt, nicht sputen“, offenbarte eine Abgeordneter unter dem Schutz der Anonymität in einem anderen Artikel – der daraufhin plötzlich offline ging. Als er wieder erschien, war dieses Zitat mit einem offiziellen Statement der Verlagslobby ersetzt.

Wissenschaftliche Erkenntnisse werden aufgrund von intensivem Lobbying ignoriert, beklagten Expert*innen von Europas führenden Forschungszentren in einem offenen Brief. Ich habe hier im Blog dokumentiert, wie die Ergebnisse unabhängiger Forschung im Parlament zurückgehalten und mit extra für diesen Zweck in Auftrag gegebenen Jubelmeldungen „ausbalanciert“ wurden.

„Die CDU und Axel Springer werden ihr Bestes geben, und klarerweise wird die Gegenseite verhältnismäßig unterrepräsentiert sein“, meinte NewEurope.

Ungeheuerliche Vorgänge, die niemals die ihnen angemessene Öffentlichkeit erhalten werden, weil Redaktionen vielleicht punktuell über oder gar gegen das Leistungsschutzrecht schreiben, aber keine Gelder in Recherchen stecken, die eine von Presseverlagen getriebene Korruption offenlegen würden.

(Das ist nicht überraschend. Wir haben das beim Leistungsschutzrecht in Deutschland damals gesehen; Lügen und Propaganda wurden unwidersprochen in deutschen Zeitungen veröffentlicht, kaum einer der der „Wahrheit“ verpflichteten Journalisten störte sich daran. Es ist sogar ein Stück weit nachvollziehbar. Aber nennen wir auch das Kind beim Namen: Das Leistungsschutzrecht legt erneut deutlich offen, wie viel vom journalistischen Ethos am Ende des Tages nur leere Lippenbekenntnisse sind. Hier werden die Schwächen des massenmedialen Systems überdeutlich.)

Wie deutsche Autoindustrie und Netzaktivisten ein neues digitales Regulierungsparadigma vorantreiben

Warum es wichtig ist: Wir sehen die ersten Weichenstellungen eines digitalen Regulierungsparadigma, das extrem schädlich für die Internetwirtschaft in Europa sein wird, wenn es nicht aufgehalten wird.

Sascha Lobo auf Spon über Angela Merkels Rede auf dem Global Solutions Summit:

Der Rohstoff-Vergleich negiert die wichtigste Eigenschaft von Daten: ihre Digitalität. Das Bild legt eine quasi-dingliche Betrachtung von Daten nahe und stützt so das Konzept „Dateneigentum“, das Merkel auch gern verwendet. Dieser schädliche und juristisch absurde Begriff führt aber geradewegs in eine Welt, in der Fakten zum Eigentum von Unternehmen erklärt werden.

​Daten als Eigentum, das besteuert werden kann und muss, scheint von der Autoindustrie zu kommen, die (zu Recht) Angst vor den Datennetzwerkeffekten bei Uber, Waymo und co. hat:

Vor allem die deutsche Auto-Lobby scheint den Begriff „Dateneigentum“ in die Politik eingebracht zu haben, wie ich von verschiedenen EU-Parlamentariern weiß. Das liegt meiner Einschätzung nach daran, dass die Hardware-fixierte Autoindustrie bisher zwar viele Daten produziert, aber damit noch nicht so richtig etwas anzufangen weiß. Irgendwie sind da Google und Apple besser. Mit dem Konzept „Dateneigentum“ aber soll der Datenproduzent zum vermeintlich wichtigsten Akteur gemacht werden. Auch, wenn das jeder digitalen Logik widerspricht, denn der Wert von Daten liegt nicht im schieren Besitz, sondern in der Verarbeitung und Monetarisierung.

Es ist unklar, was genau die Branche dadurch gewinnen kann, was sie sich also erhofft. Aber wie beim Presseleistungsschutzrecht und den deutschen Medien sucht auch die Automobilbranche nach irgend​einem Hebel, der ihr helfen könnte, den ‚branchenfremden‘ Playern Herr zu werden.

Wie beim LSR auch, ändert sich aber an den grundlegenden neuen Branchendynamiken wenig, während vor allem Kleinteiligkeit schwieriger werden würde. Also auch hier werden die Großen kaum berührt werden (weil sie so oder so die Marktmacht und damit die Verhandlungsmacht haben), während zusätzliche regulatorische Reibung für Kooperationen schlecht für alle gegensätzlichen Ansätze sein wird. (Wie zum Beispiel ein Konsortium von Automobilherstellern und anderen Ökosystemteilnehmern, das dezentral ein selbstfahrendes System aufbauen will. Das wäre bereits ohne weitere Stöcke in den Rädern ein schwieriges bis unmögliches Unternehmen.)

Die Behauptung, man würde „nichts“ im Tausch gegen „seine“ Daten bekommen, zeigt aber nicht nur die Missachtung datenverarbeitender Leistungen, sondern folgt direkt der Rohstoff-Metapher und der Vorstellung des „Dateneigentums“. Dabei ist überhaupt nicht klar, dass Daten, die durch Nutzung einer Plattform entstehen, zwingend nur den Nutzern selbst gehören müssten und also „getauscht“ werden müssen.


Die Metaphernschieflage und ihre (katastrophalen) Folgen erinnern mich an die Urheberrechtsdebatte: Kopieren ist stehlen, Raubkopie, Piraterie, geistiges Eigentum. Auch da wurde der Eigentumsbegriff irreführend verwendet, um eine sonst nicht tragfähige Position salonfähig zu machen. Auch da wurde also von Lobbyisten früh mit entsprechenden Begriffen das öffentliche Framing geprägt.

Die extrem wichtige Debatte zum Urheberrecht hat sich auch nun fast 20 Jahre später noch immer nicht davon erholt.

Das Gleiche droht jetzt mit „Daten“ im allgemeinen zu passieren. Die DSGVO (und mit ihr das LSR), und alles was so noch nach ihr kommen soll, fühlt sich bereits wie die erste, erfolgreiche Weichenstellung an.

Ein weiteres schwerwiegendes Problem hier ist natürlich, das sehen wir gerade deutlich bei der DSGVO, dass die Netzaktivistenszene, die mal mehr mal weniger erfolgreich gegen Urheberrechtsverschärfungen vorging und zumindest als (neben Akademikern einzige) gesellschaftliche Korrekturinstanz gegen den in der Öffentlichkeit dominierenden Urheberechts-Diskurs wirkte, fast vollständig für maximalen Datenschutz, Dateneigentum, usw. usf. ist.1

Wie würde das Urheberrecht in Deutschland und Europa wohl heute verankert sein, wenn Netzaktivisten (aus Versehen) gemeinsam mit Einzelinteressen aus der Wirtschaft unermüdlich für eine Verschärfung gekämpft hätten?

Man stelle sich etwa Demonstrationen nicht gegen sondern für SOPA vor.

Eine Hoffung gegen dieses sich abzeichnende Szenario könnte auf den wenigen wachsenden deutschen Digitalriesen wie Zalando liegen. So eine Hoffung wäre aktuell allerdings eher naiv.


  1. Es ist eine der größeren Inkonsistenzen der netzaktivistischen Positionen in Deutschland, dass man glaubt, Urheberrecht könne im Internet nicht hundertprozentig verfolgt werden, ohne Grundrechte einzuschränken, aber gleichzeitig der Ansicht ist, dass personenbezogene Daten, etwas viel kleinteiligeres, schwerer kontrollierbar und rundherum noch schwerer fassbar als Urheberrechte, ohne größere Probleme komplett gezäumt werden können. 

Deutschland landet im „Digital Economy and Society Index“ der EU auf Rang 14

Holger Schmidt auf netzoekonom.de:

Der „Digital Economy and Society Index 2018“ der EU zeigt Deutschlands Schwachstellen in der Digitalisierung. Noch vor zwei Jahren belegte Deutschland Rang 9; inzwischen ist es nur noch Platz 14 unter den 28 Mitgliedsländern der EU. Neben den bekannten Baustellen wie schnelles Breitband, 4G-Abdeckung, E-Government und E-Health liegen die Social-Media-Nutzung der Unternehmen (Rang 20) und der privaten Nutzer (Rang 27) weit unter dem EU-Durchschnitt. […]

Gut schneidet Deutschland mit Rang 8 im Bereich „Digitale Bildung/Humankapital“ ab. Trübe sieht es dabei im Feld „Digitale öffentliche Dienste/E-Government“ aus, in dem Deutschland wie im Vorjahr den 21. Platz erreicht. Im Bereich „Konnektivität“ ist Deutschland um zwei Plätze auf Rang 13 abgerutscht.

​Das ist schon recht bitter. Vor allem da es keinerlei Aussicht auf Besserung gibt. Es braucht das zweitälteste Land der Welt, damit diese Zahlen keinen Aufstand der Öffentlichkeit verursachen.

Es geht aber noch schlimmer. Denn nicht nur Deutschland, ganz Europa verliert an globaler Bedeutung; Deutschland schneidet also sogar schlecht ab im Vergleich mit anderen schlecht dastehenden Ländern.

Schmidt:

Europas Anteil am Wert der 60 wertvollsten digitalen Plattformunternehmen beträgt nur noch 3 Prozent und wird angesichts des rasanten Wachstums in Asien wohl weiter fallen. Da Europas Konsumenten eifrige Nutzer dieser Plattformen sind, wandert jedes Jahr ein beträchtlicher Teil der Wertschöpfung ab, vor allem ins Silicon Valley. Sollten die Chinesen nun die zentralen Plattformen für Industriegüter aufbauen, wird sich der Trend aus der Konsumentenwelt noch verschärfen.

Wie man vor diesem Hintergrund weiter an der irrsinnigen Zukunftsverweigerung „schwarze Null“ festhalten kann, bleibt völlig unverständlich. Es ist und bleibt ein Verbrechen an unseren Kindern.

​Immerhin die private Internetnutzung der deutschen Bürger hat aufgeholt. Besonders interessant ist die vergleichsweise hohe Nutzung des Onlinehandels:

Deutsche Internetnutzer lesen Online-Nachrichten (74 Prozent), hören online Musik, sehen sich im Internet Videos an und spielen Online-Spiele (78 Prozent), streamen Filme (23 Prozent) und tätigen Videoanrufe über das Internet (54 Prozent). Sie kommunizieren in sozialen Netzwerken (56 Prozent) und nutzen Online-Banking (62 Prozent). Die Deutschen kaufen häufiger im Internet ein als andere Europäer, 82 Prozent der Internetnutzer im Vergleich zu 68 Prozent im Durchschnitt der 28 Mitgliedstaaten.

Alexa: Wie fehlerhaft dürfen Sprachassistenten sein?

Stephan Dörner auf t3n:

Seit es Technik gibt, gibt es auch Bedienfehler – mit dem Potenzial für fatale Fehler. Im Falle des Echo-Lautsprechers mit Amazons Sprachassistent Alexa spricht der E-Commerce-Riese nun von einer „unwahrscheinlichen Verkettung von Ereignissen“. […]

Die Software im Echo-Lautsprecher habe zunächst einmal in dem Gespräch fälschlicherweise ihren Namen „Alexa“ herausgehört, erklärte Amazon unter anderem dem Finanzdienst Bloomberg. Das startet die Aufnahme, damit das Assistenzprogramm Sprachbefehle ausführen kann. Später glaubte Alexa, den Auftrag „Verschicke Nachricht!“ („Send Message“) gehört zu haben und fragte zurück „an wen?“. Das Paar schien diese Frage jedoch nicht gehört zu haben und unterhielt sich einfach weiter – Alexa filterte unterdessen aus dem Gespräch etwas heraus, was einem der Namen auf der Kontaktliste ähnelte.

Das klingt nach einer wirklich außergewöhnlichen Aneinandereihung von unglücklichen Umständen. Sprachassistenten werden aufgrund ihres additiven Interfaces (Spracheingabe setzt sich neben Multitouch (und Maus)) einen permanenten Platz in unserer Welt künftig haben. Daran führt kein Weg vorbei.

Wie weit die Nutzung dieser Devices gehen wird, hängt aber stark von der konkreten, technischen Umsetzung ab. Immerhin sind nicht wenige Nutzer (zum Teil irrational) misstrauisch gegenüber Smart Speakern.

In diesem konkreten Fall heißt das: Amazon läuft Gefahr, dass Alexa-Nutzer die Kommunikationsfunktionen von Alexa wieder abstellen. Sicher ist sicher. Dann werden die Echos zwar weiter benutzt, aber Amazon vergibt sich die Chance, einen eigenen Kommunikationsdienst zu etablieren.

Ich kann Stephan Dörner hier deshalb nicht hundertprozentig zustimmen:

Was hier mit Echo passiert ist, ist deutlich harmloser – und vergleichbar mit dem Handy in der Hosentasche, das ungewollt Anrufe tätigt. Solche Fehler werden immer wieder passieren. In wenigen Jahren werden wir uns daran gewöhnt haben, dass auch mit Sprachassistenten Fehler passieren. Es wird uns keine Schlagzeile mehr wert sein.

Es stimmt, dass solche Fehler passieren können und dass die Neuartigkeit der Technik diesem Vorfall mehr Aufmersamkeit beschert, als er vielleicht verdient hat.

Aber diesen Devices wird nur dann vertraut, wenn man davon ausgehen kann, dass private Gespräche in der Wohnun privat bleiben und nicht versehentlich an Freunde und Familienmitglieder geschickt werden.

Nochmal: Sprach-Interfaces wie Alexa, Cortana und Siri gehen nicht mehr weg. Sie sind hier und ihre Nutzung wächst rasant an. Und sie ist auch nicht per se ‚problematischer‘ als die Nutzung von Smartphones.

Aber wer das Potenzial dieses Marktes heben will, hat die Technik besser im Griff. Interessant wird es schließlich erst, wenn die Echos dieser Welt über die Nutzung als Timer und Musikstreamingclient hinauswachsen.

1,3 Milliarden Fake-Accounts in einem Jahr

Eine kaum vorstellbar große Zahl, die man allen Journalisten an’s Herz legen möchte, die kopfschüttelnd auf Facebook schauen und fragen, warum das Unternehmen seine Probleme nicht einfach löse, während die eigene Onlineredaktion an der Kommentarspalte mit wenigen hundert Kommentatoren scheitert.

Recode:

Facebook disabled nearly 1.3 billion “fake” accounts over the past two quarters, many of them bots “with the intent of spreading spam or conducting illicit activities such as scams,” the company said on Monday.

Facebook disabled 583 million accounts in Q1 2018, down from 694 million accounts in Q4 of last year, a decrease the company attributes to its “variability of our detection technology’s ability to find and flag them.”

​Als Zuckerberg in einem der jünsten Hearings als eine Antwort darauf, wie sie Probleme wie Hate Speech angehen wollen, mit AI antwortete, erntete er viel Gelächter von Laien. Zum Teil zu Recht: Es ist die offensichtlichste PR-Antwort, die die Lösung auf eine Technologie schiebt, die in ein paar Jahren so weit sein soll. Eine Nicht-Antwort. Zum Teil aber nur. Denn dahinter steckt auch ein Teil Wahrheit.

Zum einen kann Facebook dank seiner Größe diese Dinge nur automatisiert oder zumindest halbautomatisiert lösen. Zum anderen machen sie das bereits an vielen Stellen:

Facebook says it finds most of the accounts on its own using software algorithms, but a small percentage — about 1.5 percent of the disabled accounts — were discovered after they were flagged by Facebook users.

Facebook hat nun wirklich keinen Welpenschutz mehr verdient. Aber das heißt nicht, dass die Herausforderungen, denen sie sich gegenübersehen, überschaubar wären.