Studien: Künstler verdienen im Filesharing-Zeitalter mehr als zuvor

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1.: Studie aus Norwegen

Torrentfreak weist auf eine Studie aus Norwegen hin (via), die sich mit den Auswirkungen von (autorisiertem und unautorisiertem) Filesharing auseinandersetzt. Das Ergebnis der Studie: Der Umsatz der Musikbranche ist in Norwegen von 1999 bis 2009 inflationsbereinigt um vier Prozent gestiegen. Torrentfreak:

After crunching the music industry’s numbers the researchers found that total industry revenue grew from 1.4 billion Norwegian kronor in 1999 to 1.9 billion in 2009. After adjusting this figure for inflation this comes down to a 4% increase in revenues for the music industry in this time period.

Das entscheidende aber: In der gleichen Zeit sind die Einnahmen der Künstler inflationsbereinigt um 114 Prozent gestiegen.

In the same period when the overall revenues of the industry grew by only 4%, the revenue for artists alone more than doubled with an increase of 114%. After an inflation adjustment, artist revenue went up from 255 million in 1999 to 545 million kronor in 2009.

[..]per artist the yearly income still saw a 66% increase from 80,000 to 133,000 kronor between 1999 and 2009. In conclusion, one could say that artists are far better off now than they were before the digitization of music started.

In der Tat.

Der Verkauf von Musikaufnahmen war nie die Haupteinnahmequelle für eine große Zahl an Musikern gewesen; entgegen der weit verbreiteten Annahme in branchenfernen Kreisen.

In 1999, 70% of the artists made less than 9% of their total income from record sales, and in 2009 this went down to 50%.

Live performances are the major source of income for most artists. 37% of Norwegian artists made more than 50% of their income from live performances in 2009, up from 25% in 1999. That said, it has to be noted that only a few artists make a full living off their music, as most have other jobs aside.

2.: PRS-Studie (UK)

Ein Umsatzwachstum der gesamten Musikbranche ist nicht nur in Norwegen zu beobachten. Die Verwertungsgesellschaft PRS, quasi ein UK-Äquivalent zur GEMA, hat in einer Studie (PDF) festgestellt, dass die Einnahmen der Musikbranche im UK von 2007 auf 2008 um 4,7 Prozent gestiegen sind. Die Zusammenfassung von Techdirt:

Not surprisingly, it found that retail product sales have declined, but the other parts of the industry have grown noticeably more than the decline in retail sales. This growth has come from a few sources. Live show attendance has increased more than retail sales have decreased. Consumers have actually spent more. On top of that, the business to business side of the industry (sponsorships, licensing, advertisements, etc.) has grown as well, opening up new and lucrative means of making money.

In Stichpunkten:

  • CD-Verkäufe sind zurückgegangen.
  • Alle anderen Erlösquellen sind stärker gewachsen.
  • Live-Auftritte sind stärker gewachsen als CD-Verkäufe zurückgegangen sind.
  • Konsumenten haben insgesamt mehr(!) ausgegeben.
  • Zusätzlich haben B2B-Aktivitäten zugenommen. (Sponsoring, Werbung)

3.: Untersuchung der Times

Das Labs-Blog der Times hatte Ende 2009 eine Untersuchung zur Musikbranche auf Grundlage von Zahlen von PRS und BPI veröffentlicht. Leider ist der Artikel aufgrund der Bezahlschranke nicht mehr abrufbar. Auszüge:

Why live revenues have grown so stridently is beyond the scope of this article, but our data – compiled from a PRS for Music report and the BPI – make two things clear: one, that the growth in live revenue shows no signs of slowing and two, that live is by far and away the most lucrative section of industry revenue for artists themselves, because they retain such a big percentage of the money from ticket sales.

[..]

An even more striking thing, perhaps, emerges in this second graph, namely that revenues accrued by artists themselves have in fact risen over the past 5 years, despite the fall in record sales.

Das Labs-Blog wies seinerzeit auch auf die notwendige, aber oft leider unterlassene Unterscheidung zwischen Plattenlabeln und der gesamten Musikbranche hin:

It’s interesting too that, overall, industry revenues have grown in the period – though admittedly not by much – which arguably adds strength to the notion that, when the BPI releases its annual report claiming how much ‘the music industry’ has suffered from the growth in illegal file-sharing, what it perhaps should be saying is how much the record labels have suffered.

Fazit

Jeder, der aktuell mit einem Marktversagen im Musiksektor argumentieren will, hat es zunehmend schwerer, seine Position glaubhaft mit Fakten zu untermauern. Die Realität spricht eine andere Sprache.

Tatsächlich hat der Strukturwandel in der Branche nicht nur zu einem höheren Gesamtumsatz sondern auch insgesamt zu mehr Einnahmen bei Musikern selbst geführt. Nicht jedem im Musiksektor geht es damit automatisch gut, aber die Zahlen zeigen, dass es bei weitem nicht so um die Musikbranche bestellt ist, wie die Plattenlabel es gern öffentlich hinstellen.

Der Kuchen wird durch die Digitalisierung und ihre Folgen nicht kleiner, er verändert vielmehr seine Form.

Natürlich gibt es einzelne Parteien, die durch die Digitalisierung schlechter gestellt sind. Diese einzelnen Akteure repräsentieren aber nicht den gesamten Musiksektor.

Update: Weitere Studien mit ähnlichen Ergebnissen auf neumusik.com: Gesamtumsatz der Musikbranche wächst in Norwegen, Schweden, UK und USA

(Hervorhebungen in den Zitaten von mir)

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About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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