Größer als Medium & Twitter: Blogging-/Publishing-Plattform von LinkedIn jetzt auch in Deutschland verfügbar

Seit heute steht die Blogging-/Publishing-Funktion von LinkedIn auch in Deutschland zur Verfügung.

2015 09 21 um 13 03 14

Die Businessausrichtung des Netzwerkes in Kombination mit der News-App Pulse (ein weiterer Stream neben Linkedins Netzwerk-Newsfeed) prädestiniert LinkedIn eigentlich, ein starker Player im Sektor der Businessmedien zu werden. Große wie kleine Branchendebatten könnten und sollten (auch aus LinkedIns Sicht) über die Infrastruktur von LinkedIn stattfinden.

So weit die Theorie.

Leider lässt sich seit längerem beobachten, wie LinkedIn, nicht unähnlich Twitter, ein starkes Produkt mit einem Unternehmen dahinter ist, das sich mit der Umsetzung der Weiterentwicklung des Angebots schwer tut.

Frédéric Filloux sieht es auf Monday Note ähnlich:

LinkedIn collects almost 100m Uniques Visitors per month, hosts and connects 380m detailed professional profiles; these are all the ingredients required to become a major business news force in a field where the largest players’ audiences are a mere fraction of LinkedIn’s numbers.

Wo Filloux aber das Problem bei LinkedIns redaktionellem Ansatz sieht, ‚auf Masse statt Klasse‘ zu setzen..:

(LinkedIn Executive Editor) Dan Roth claims to have “1m writers” producing “130,000 posts per week vs 40,000 just a year ago”. There’s also the vast line-up of “influencers” picked-up by LinkedIn’s editorial team: 500 people who tepidly pontificate about almost everything. Among those: Richard Branson (8.3m followers), Bill Gates (5m), always on deck Jack Welch (4.4m), T.Boone Pickens, and even Arianna Huffington (3.5m), another champion of massive, unpaid content.

..sehe ich das Problem eher im komplexen Produkt, das dem Endnutzer nicht klar macht, wie man wem folgen kann, wo die eigenen Inhalte auftauchen, wie man als Unternehmen eine verfolgbare Page anlegt, was der Unterschied zwischen Pulse und LinkedIn selbst ist und überhaupt: wie man sich am besten präsentiert und ein „Influencer“ in der eigenen Branche wird.

Es gibt enorm gute Argumente für LinkedIn als Publikationsort für eigene Texte. Vor allem wenn man selbst kein eigenes Blog hat. Die Reaktion eines Amazon-Managers auf den skandalträchtigen Artikel über die Unternehmenskultur von Amazon in der New York Times hat mehr Gewicht bekommen, weil die Veröffentlichung auf LinkedIn die Kopplung dieses Textes und seiner Ausgaben mit dem digitalen Lebenslauf des Managers bedeutet. Diese Kopplung impliziert, dass man sich gut überlegt, was man unter seinem Namen an dieser Stelle veröffentlicht. Der eigene Ruf und die künftige Karriere hängen direkt daran.

Das gibt LinkedIn mehr Strahlkraft als zum Beispiel Medium, eine vergleichbar einfach zu benutzende Publikationsplattform, die sich bei den Identitäten an Twitter koppelt.

Filloux über den Amazon-Artikel auf LinkedIn:

Roth and the LinkedIn PR machine mention this as the perfect example of a great contribution: timely, in tune with the news cycle; a wide audience of 1.2m views and 900 comments, etc. For good measure, Ciubotariu cross-posted his column on Medium, where he got 93 recommendation vs. 3,200 “Likes” on LinkedIn.

Das macht die Größenunterschiede deutlich.

LinkedIn hat den Vorteil, dass es höchstwahrscheinlich weltweit, auf jeden Fall aber in Deutschland mehr aktive Nutzer als Twitter hat. Das macht LinkedIn gegenüber dem an Twitter gekoppelten Medium sofort attraktiver.

Filloux weiter:

LinkedIn exhibits all the elements of a huge missed opportunity. Its unique base of 380 million super-qualified profiles gave it the opportunity to assemble the largest and the most granular semantic footprint database ever built to push content in front of the right audience. LinkedIn also has Pulse, the mobile app it acquired two and a half years ago. Probably because it is a smaller team led by Pulse’s founder Akshay Kothari, the app is more technically advanced than the rest of the platform – which is poised to get much-needed improvements, acknowledges Kothari, who declined to give specifics on Pulse app’s audience. In addition, LinkedIn also operates SlideShare, the document sharing platform it acquired in 2012 for €119m. Had LinkedIn’s management elected to enter the information business with original, quality-driven contents, the combination of its multiple assets, scope and engineering capabilities would have made a killing in the sector. Much to the media industry’s relief, that didn’t happen. 

Ich bin nicht der Meinung von Filloux, dass LinkedIn eine klasssiche Wirtschaftsredaktion aufbauen sollte, die anschließend ‚lediglich‘ die massiven Distributionsmöglichkeiten des Netzwerkes nutzt. Die aktuelle Strategie, allen Nutzern das publizieren zu ermöglichen, „Influencer“ zu labeln, und so auf „Masse“ zu setzen, ist richtig. Sie entfaltet ihr Potenzial aber nur, wenn das Netzwerk die Inhalte auch entsprechend kanalisiert. Sprich also die Distribution der Informationen im Angebot verfeinert und ausbaut.

LinkedIn sollte also stattdessen neben der aktuellen Strategie am ultimativen Branchennewsfeed arbeiten. Dazu zählen neben auf LinkedIn eingestellten Texten von anderen Personen und Unternehmen, denen ich folge oder an denen ich interessiert sein könnte, auch strukturierte, anderweitig gewonnene Brancheninformationen. Man denke als Beispiele etwa an Crunchbase oder das vor einigen Jahren eingestellte Tracked.com. (Siehe Investor Fred Wilson über Tracked.com hier und hier.)

Hier wird das Streamdesign extrem wichtig. Ein komplexes Thema, das LinkedIn leider recht schwer zu fallen scheint.

Aber wenn LinkedIn das Informationsbeschaffungsproblem und den Stream, also die Distribution, knackt, wäre LinkedIn eine Macht in der Wirtschaftspresse, die ihresgleichen suchen würde.

Dass man beim zu Burda gehörenden Xing in eine ähnliche Richtung denkt, kann man unter anderem daran sehen, dass dort gerade eine Wirtschaftsredaktion aufbaut.

Xing scheint allerdings den gleichen Fehler wie Filloux zu machen: Die Publikationschancen eines Netzwerkes nur mit der Brille des klassischen Journalismus und seiner Prozesse betrachten.

So entstehen Elefanten, die Modellautos ziehen.

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About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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