Der erste Dienst mit selbstfahrenden Autos kommt noch dieses Jahr von Waymo – was dahinter steht

Waymo

Waymo, die Automobil-Tochter von Alphabet, plant noch dieses Jahr mit dem Start des ersten Dienstes, der selbstfahrende Autos anbieten soll. The real deal: Der kommende Dienst soll Endkunden selbstfahrende Autos ohne zur Sicherheit mit drinsitzenden Mitarbeitern anbieten. (Andere wie etwa Uber experimentieren mit ersten Diensten, bei denen allerdings Mitarbeiter mit an Bord sitzen.)

The Information (Paywall) hat die Hintergründe investigativ erarbeitet:

If successful, the planned ride-sharing service would be the first of its kind to operate without a person sitting behind the wheel. It’s hard to overstate the significance of that milestone. Despite the remaining challenges, which are vast, Waymo is widely considered to be ahead of its rivals in terms of software and hardware. […]

Waymo wants to remove that “safety” driver, according to two people briefed on the work. It already established a command center with people sitting to monitor the cars to help the vehicle when it isn’t sure of its surroundings. Sometimes that might be just confirming that what the vehicle thinks it “sees” is really there. If the human operator doesn’t react right away, the cars are supposed to stop and wait or pull off to the side, one of these people said.

Es ist kaum zu überschätzen, wie früh und also wie potenziell gefährlich dieser Dienst für Waymo ist; auch wenn Waymo selbst allen Mitbewerbern bei der reinen Technologie, der lernenden Maschine, voraus sein sollte. Entsprechend vorsichtig wird der Dienst starten:

To minimize risks, Waymo’s Chrysler-made minivans are generally programmed to drive in a “grandfatherly” way: slow and risk-averse. But driving like a retiree still doesn’t solve the problem of left turns across intersections, which the U.S. transportation department in 2010 said was the biggest cause of accidents in a study of millions of crashes. (Delivery companies such as UPS tell their truck drivers to avoid making left turns partly for this reason.) At least one person involved in the planning of Waymo’s ride-sharing service said there had been discussion about restricting such left turns in order to ensure reliability and safety. […]

Despite the difficulties, there’s a 10-square-mile area in Chandler where the cars have a “stunning” level of confidence because they have the most data about it, this person said. They’ve traversed its streets countless times and mapped its topography and traffic signs and lights in great detail. That’s where Waymo’s upcoming service is expected to be available upon launch, plus some surrounding areas. The minivans’ abilities there include avoiding kids who run into streets, garbage bins placed in their way, and bicycle traffic, this person said. Waymo can get information from the city about construction areas or other road blockages to help its cars plan ahead, this person said. As for anyone wanting to go outside the suburban zones in the East Valley of Phoenix, Waymo has said in the past it would likely rely on Lyft, the human-driven ride-sharing service, though it isn’t clear if that will be a feature of the service at launch.

Für Phoenix spricht grundsätzlich ‚gutes Wetter‘ das ganze Jahr über und Straßen, die in Gitter-Form angelegt sind. Einfach mal beim Kartenanbieter des Vertrauens den Bezirk Chandler in Phoenix anschauen.

Für Waymo ist der Dienst, und ein möglichst schnell startender solcher Dienst, durchaus wichtig:

  • Waymo hat die Technologie, aber noch keinen klaren Weg, wie diese Technologie auf den Markt kommen soll. (Waymo ist eben doch immer noch eine ehemalige Google-Abteilung.) Sprich: Was ist das Geschäftsmodell hinter der Technik?
  • Waymo kooperiert mit Lyft, der Nummer Zwei im Ride-Sharing nach Uber in den USA, und Alphabet plant Gerüchten zu folge, eine Milliarde US-Dollar in Lyft zu investieren. Kooperation mit einem Ridesharing-Anbieter (oder vielen Anbietern international) stellt den Weg zum Markt sicher. Aber ist das der beste (und lukrativste) Weg für Waymo? Vielleicht, vielleicht nicht.
  • Waymo steht wie die gesamte Automobilbranche vor der großen Frage, wohin die Arbeitsteilung/Marktaufteilung in der Branche sich in den nächsten Jahren verschieben wird:
    • Wird ein Technologieunternehmen wie Waymo selbst einen Dienst für Endkonsumenten betreiben?
    • Würden die Autos in dieser Flotte von Waymo selbst gebaut werden? Also vollständig vertikal integriert?
    • Würde Waymo -oder ein vergleichbares Unternehmen- seine Technologie, also das Hirn des selbstfahrenden Autos, in die Autos anderer Hersteller einbauen lassen und dann als Flotte selbst betreiben?
    • Oder würde ein Anbieter wie Waymo mit einem Flottenbetreiber wie zum Beispiel Lyft zusammenarbeiten, also ein (wichtiger) Zulieferer werden?
    • Irgendetwas dazwischen?
    • Es gibt mehr Szenarien als die hier angerissenen. Das ist nur zur Verdeutlichung des Dilemmas gedacht, vor dem die Branche steht: Es ist nicht klar, wo Hersteller, Zulieferer, Flottenanbieter und High-Tech-Unternehmen wie Waymo letztlich landen werden.
    • Es ist nur klar, dass die Flottenanbieter, also die, die den Zugang zum Endkunden regeln werden, zu den großen Gewinnern zählen werden.
  • Waymo muss also früh anfangen zu testen, ob es überhaupt eine Chance hat, einen solchen Dienst selbst zu betreiben.
  • Was bedeutet das für die Kooperation mit Lyft? Jetzt gewinnen beide, wenn die Rechnung aufgeht: Der Waymo-Dienst wird in einer sehr begrenzten Fläche aktiv sein. Wer darüber hinaus befördert werden möchte, kann von Waymo zu Lyft wechseln. (Alles andere, also keine Kooperation mit Lyft, würde für den Waymo-Dienst keinen Sinn ergeben. Langfristig könnte das für Lyft natürlich ein Deal mit dem Teufel darstellen.)
  • Der kommende Waymo-Dienst ist also weniger mit selbstfahrenden Taxis und besser mit einem System selbstfahrender Golf-Karts zu vergleichen. (Die Höchstgeschwindigkeiten werden wohl auch ähnlich sein…)
  • Gerade eine Kooperation mit Lyft erlaubt es Waymo, Orte für den Dienst auszuwählen, die den selbstfahrenden Autos möglichst wenig abverlangen, ohne den Dienst völlig nutzlos für Endkunden zu machen. Es wäre demnach logisch, dass vergleichbare US-Stadtbezirke wie ein Flickenteppich nach und nach hinzukommen.

Der kommende Waymo-Test wird zu einem der spannendsten Experimente in der Automobil-/Transportbranche nächstes Jahr zählen. Er wird ein erster Blick in die Zukunft der Branche.

Laut The Information hat Waymo etwas weniger als 1.000 Mitarbeiter.


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About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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