Was uns Facebooks gescheitertes Zwei-Feeds-Experiment über das Distributionsdilemma von Massenmedien lehrt

Facebook hat erkannt, dass die Leute lieber nur einen gemeinsamen Feed statt zwei separate Feeds -einen für Freunde und Familie, einen für Medien- haben.

Aus dem Facebook Newsroom:

To understand if people might like two separate feeds, we started a test in October 2017 in six countries.

You gave us our answer: People don’t want two separate feeds. In surveys, people told us they were less satisfied with the posts they were seeing, and having two separate feeds didn’t actually help them connect more with friends and family.

Es ist jetzt nicht das erste Mal, dass jemand zu dieser Erkenntnis gekommen ist.

Test after test, experiment after experiment – we all keep „learning“ that people don’t like more than one feed.

Warum es wichtig ist:

  • Wenn selbst der Marktführer keinen zweiten Feed etablieren kann, wie sieht es dann erst für Konkurrenten auf dem Markt aus? Es ist nicht unmöglich. Aber der notwendige Crowding-out-Effekt macht es nicht einfacher. (Zusätzlich zum Netzwerkeffekt.)
  • „Facebook zerschlagen“: In welche Teile? Instagram von Facebook trennen würde nicht schaden, aber es hat keinen Einfluss auf die Relevanz und damit Marktmacht des einen Facebook-Feeds. Die Ironie ist, dass Facebook den Feed selbst gern ‚zerschlagen‘ würde (aus mehreren Gründen). Aber die Nutzer wollen das nicht.
  • Wichtiger noch: Wenn Freunde und Medien in getrennte Feeds gesteckt werden, verlieren nicht die Freunde sondern die Medien an Aufmerksamkeit. Die Implikationen für die Verbreitung journalistischer Inhalte an ein Massenpublikum sind nicht unrelevant.

Siehe zum letzten Punkt Recode:

Facebook has decided it’s a bad idea to separate brands’ and publishers’ posts from those that your friends and family share.

The social giant confirmed Thursday that it has ended a test of that concept it was running in six countries dating back to last fall.

The test removed content from publishers and businesses from the News Feed and put it inside a separate “Explore” feed, creating a digital divide between your friends and brands. Publishers in those countries that rely on Facebook for traffic freaked out when users no longer saw publisher posts interspersed with stuff from their friends.

​(Hervorhebung von mir)

Facebook braucht nicht die Medien -egal was ihre Lobbyisten erzählen-, die Medien brauchen Facebook.

Das Machtgefüge ist eindeutig. Und auch Facebook selbst macht keinen Hehl daraus, dass sie sich nicht berufen fühlen, „den Journalismus“ zu retten. Dass Facebook ein Trafficmonster für Publikationen geworden ist, war ein Nebenprodukt. Ein Nebenprodukt, auf das Facebook aktuell dank der politischen Entwicklung im Heimatland gern verzichten würde. (Nicht zuletzt weil es eine enorme Arroganz und Ignoranz auf Seiten Facebooks offengelegt hat. Das plus Missverständnisse darüber, wie Facebooks Geschäft funktioniert, sorgt gerade für enormen Gegenwind.)

Das Problem: Facebook kann auf Medien verzichten, aber anders herum? Können die Massenmedien auf Facebook verzichten? Die fortschreitende algorithmische Herabstufung von Inhalten von Institutionen -Medien wie Braaands- im Newsfeed ist de facto eine unsichtbare Discover-Feed-Abspaltung, nur ohne Feed. Also verschwinden im Nichts statt im Discover-Feed. Dass Google jetzt wieder einen steigenden Anteil am Traffic für Medien hat liegt nicht daran, dass vermehrt nach Journalismus gegooglet wird, sondern daran, dass der gesamte Traffic-Kuchen sinkt. (Weil der Teil, den Facebook den Medien schickt, sinkt.)

Publikumsmedien haben online ein Distributionsdilemma, aus dem sie nicht herauskommen werden. Sie bleiben plattformabhängig. Schlicht, weil die Masse dort ist, wo mehr als nur Medien herumliegen. Der Name der Plattform mag Facebook, Google oder Snapchat heißen, am Spiel ändert sich nichts.

Massenmedien sind Füllmaterial.

Was 100 Millionen Amazon Prime-Accounts wirklich bedeuten

Amazon-Prime-2018

Endlich eine vernünftige Ansage von Jeff Bezos. Statt relativer Wachstumszahlen die erste Zahl, wie viele Prime-Accounts Amazon weltweit hat.

Warum es wichtig ist: Amazon Prime ist ein kategorienübergreifendes Bündel, das den Onlinehandel in den nächsten Jahren sehr stark prägen wird. Denn Prime bindet die Haushalte mit überdurchschnittlichem Einkommen in vielen Produktkategorien an Amazon. Da der Onlinehandel naturgemäß langsam aber sicher dem klassischen Handel den Rang abläuft, wird Prime viele direkte und noch mehr indirekte Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft haben. Denn auch eine Strategie abseits Amazons muss die Existenz von Amazon und Prime mitdenken, wenn die Durchdringung von Prime in der Bevölkerung entsprechend hoch sein wird. Weiterlesen

„Facebook hasn’t taken our data—they have created it.“

Alex Tabarrok auf Marginal Revolution:

Facebook, Google and other tech companies are accused of stealing our data or at least of using it without our permission to become extraordinarily rich. Now is the time, say the critics, to stand up and take back our data. Ours, ours, ours.

In this way of thinking, our data is like our lawnmower and Facebook is a pushy neighbor who saw that our garage door was open, took our lawnmower, made a quick buck mowing people’s lawns, and now refuses to give our lawnmower back. Take back our lawnmower! Weiterlesen

Macht der Bündel: Wie Spotify Amazon Prime gefährlich werden kann

Spotify-hulu

Teil 1 unseres großen Bündel-Thementages. Spotify bietet ein Abo-Bündel mit dem US-amerikanischen TV-Streaming-Anbieter Hulu an.

Warum es wichtig ist: Es gibt bekanntlich zwei Wege, Geld zu verdienen: Angebote entbündeln und Angebote bündeln. Spotify könnte mit der Hulu-Kooperation den Weg zu einer sehr profitablen Zukunft gefunden haben, die mittelfristig sogar Amazon Prime zu schaffen machen könnte. Da Prime wichtige Teile des Onlinehandel und des TV-On-Demand-Streamings bedroht dicht zu machen, wären schnell weitere Partnerschaften zwischen Spotify und Abo-Anbietern aus anderen Sektoren nicht überraschend. Weiterlesen

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About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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