Facebook wusste vom Datenbreach seit Ende 2015 -> Regulierung ist jetzt unausweichlich

Es lässt sich viel über den ‚Cambridge Analytica‘-Vorfall schreiben, mit dem sich gerade alle beschäftigen. Etwa, dass der Vorgang nur möglich war, weil Facebook offener war als andere Social Networks; was wiederum kaum jemand auf dem Schirm hat. (Apps allgemein; Apps, die auf Freundedaten von Appnutzern zugreifen konnten)

Die Diskussion auf der Produktseite, obwohl wichtig, ist aber nicht der wichtigste Aspekt. Es ist das völlige organisatorische Versagen von Facebook, das die weitreichendsten Folgen haben wird.

Sie wussten seit Ende 2015 davon. Obwohl Cambridge Analytica in den Medien war und trotz Befragungen von Facebook im US-Congress zur US-Präsidentschaftswahl, in der Cambridge Analytica für den heutigen Präsidenten gearbeitet hat, haben sie versucht, das zu verschleiern bis es nicht mehr ging. Das ist wirklich erstaunlich.

Blöd für Facebook (und uns), dass Trump gewonnen hat. Wäre es anders ausgegangen, würden sich die Medien nicht so intensiv mit diesen Themen beschäftigen.1

The Guardian:

Documents seen by the Observer, and confirmed by a Facebook statement, show that by late 2015 the company had found out that information had been harvested on an unprecedented scale. However, at the time it failed to alert users and took only limited steps to recover and secure the private information of more than 50 million individuals.

Das Verhalten von Facebook ist kaum nachvollziehbar. Die Folgen für Facebook und alle anderen, nachkommenden Plattformen (von AirBnB über Uber bis zum Amazon-Marktplatz) werden enorm.

Massenmedien und Politiker2 haben hier die Basis für eine Narration erhalten, die den Weg für eine strenge Regulierung von Plattformmodellen ebnen wird. Und man kann es ihnen nicht verübeln.

Ganz offensichtlich kann man Facebook nicht allein lassen.

Facebook hat mit seinen immensen Versäumnissen3 gerade Pandoras Büchse geöffnet. Was für ein enormer Schuss in den eigenen Fuß.

Eine naheliegende Folge von zu ambitionierter Regulierung, ich hatte es oben angedeutet, werden weniger offene Plattformen sein. Im Zweifel lieber keine Programmierschnittstelle für Dritt-Anbieter-Dienste öffnen. Im Zweifel höhere Hürden für Werbeschaltungen schaffen. Im Zweifel Händler stärker screenen. Auch, wie bereits anhand von YouTube letzte Woche analysiert, wird die Durchlässigkeit der Plattformen allgemein tendenziell leiden.

Das schraubt die Vorteile von Plattformen zurück, weil wieder höhere Transaktionskosten (‚Reibung‘) eingeführt werden. Wie auch immer es konkret dann aussehen wird: Das ist die notwendige Tendenz.

Facebook hat sich nicht um die möglichen (jetzt realen) Nachteile gekümmert, wenn sie die Reibung für vieles auf ein Minimum reduzieren. Sie haben ein System gebaut, das die Nachteile nicht auffangen kann und sie scheinen organisatorisch unfähig zur Transparenz zu sein. Dann muss jetzt eben alles mit der Brechstange reinreguliert werden.4


  1. Grundsätzlich ein Gedanke, den man durchspielen kann: Welche Themen wurden nur deshalb ins Rampenlicht gestellt, weil Trump gewonnen hat? Fake News, russische Einmischung, Electoral College, Divide zwischen Städten und Land usw. usf. Wären das auch Frontpage-Themen unter Clinton gewesen? 
  2. Sowohl in den USA als auch hier in Europa. 
  3. Und wer weiß, was da noch alles kommen wird. 
  4. Treppenwitz der Geschichte: Es ist natürlich weiterhin völlig unklar, ob das, was Cambridge Analytica da gemacht hat, wirklich auch maßgebliche Ergebnisse produziert hat. Sprich: Trump war ein Kandidat der inhärent gut auf Social Media und in den Massenmedien funktioniert hat, weil er extremes gesagt und gemacht hat. Brauchte er zusätzlich Cambridge Analytica? Es hat sicherlich nicht geschadet. Aber niemand sollte davon ausgehen, dass Cambridge Analytica der Ausschlaggeber für den Sieg von Trump war. (Das Unternehmen hat vor Trump für Ted Cruz in den Primaries gearbeitet..) 

Was 100 Millionen Amazon Prime-Accounts wirklich bedeuten

Amazon-Prime-2018

Endlich eine vernünftige Ansage von Jeff Bezos. Statt relativer Wachstumszahlen die erste Zahl, wie viele Prime-Accounts Amazon weltweit hat.

Warum es wichtig ist: Amazon Prime ist ein kategorienübergreifendes Bündel, das den Onlinehandel in den nächsten Jahren sehr stark prägen wird. Denn Prime bindet die Haushalte mit überdurchschnittlichem Einkommen in vielen Produktkategorien an Amazon. Da der Onlinehandel naturgemäß langsam aber sicher dem klassischen Handel den Rang abläuft, wird Prime viele direkte und noch mehr indirekte Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft haben. Denn auch eine Strategie abseits Amazons muss die Existenz von Amazon und Prime mitdenken, wenn die Durchdringung von Prime in der Bevölkerung entsprechend hoch sein wird. Weiterlesen

„Facebook hasn’t taken our data—they have created it.“

Alex Tabarrok auf Marginal Revolution:

Facebook, Google and other tech companies are accused of stealing our data or at least of using it without our permission to become extraordinarily rich. Now is the time, say the critics, to stand up and take back our data. Ours, ours, ours.

In this way of thinking, our data is like our lawnmower and Facebook is a pushy neighbor who saw that our garage door was open, took our lawnmower, made a quick buck mowing people’s lawns, and now refuses to give our lawnmower back. Take back our lawnmower! Weiterlesen

Macht der Bündel: Wie Spotify Amazon Prime gefährlich werden kann

Spotify-hulu

Teil 1 unseres großen Bündel-Thementages. Spotify bietet ein Abo-Bündel mit dem US-amerikanischen TV-Streaming-Anbieter Hulu an.

Warum es wichtig ist: Es gibt bekanntlich zwei Wege, Geld zu verdienen: Angebote entbündeln und Angebote bündeln. Spotify könnte mit der Hulu-Kooperation den Weg zu einer sehr profitablen Zukunft gefunden haben, die mittelfristig sogar Amazon Prime zu schaffen machen könnte. Da Prime wichtige Teile des Onlinehandel und des TV-On-Demand-Streamings bedroht dicht zu machen, wären schnell weitere Partnerschaften zwischen Spotify und Abo-Anbietern aus anderen Sektoren nicht überraschend. Weiterlesen

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About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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