Es geht nicht um die Zukunft des Journalismus, sondern um die Zukunft der Öffentlichkeit

Thierry Chervel zeichnet in seinem Artikel im Perlentaucher-Blog über Krautreporter ein präzises Bild der heutigen Öffentlichkeit und der Herausforderungen für die Zukunft:

Repräsentanten des alten Systems wie Frank Schirrmacher oder Mathias Döpfner malen gern die dunklen Seiten des Netzes aus und bekennen ihre Angst vor Google, aber sie handeln in ihrem eigenen Interesse, das sie gern als das der Allgemeinheit verkleiden. Über die Idee des offenen Netzes haben sie noch nie ein Wort verloren, im Gegenteil, ihnen geht es um Exklusivität und die eigene Präzeptorenrolle.

Diese Präzeptoren spielen ihre Hauptrolle in der aufgeklärten Öffentlichkeit mit immer weniger Überzeugungskraft. Die Hauptfrage ist nicht, wie sie suggerieren, ob der Journalismus eine Zukunft hat, sondern wie Gesellschaften sich eine freie und reichhaltige Information organisieren. Das offene Netz ist heute der einzige denkbare Ort einer breiten Öffentlichkeit.

In Deutschland wird es deshalb nicht nur dringend notwendig, den alten Präzeptoren die Deutungshoheit endgültig zu nehmen, sondern auch, dass konstruktiv über die heutige Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien gesprochen wird. Chervel:

In Zeiten fehlender Geschäftsmodelle für unabhängig finanzierte Medien fallen die über 200 Euro jährlich, die die Bürger für „Tatort“ und „heute journal“ obligatorisch hinblättern, zu sehr ins Gewicht. Sie beschneiden die Medienetats der Bürger und erschweren somit Innovation, wie sie die Krautreporter verkörpern. Das Spielgeld der Bürger für Neues ist zu gering. Acht Milliarden Euro – nicht viel weniger als für die Kirchen, genauso viel wie für das gesamte Kulturleben sämtlicher Bundesländer und Gemeinden – werden in einen Apparat gesteckt, der dem Medienwandel mühsam und lustlos hinterherhinkt.

Mit einer Debatte über die Öffentlich-Rechtlichen ist es in Deutschland leider wie mit einer Debatte über digitale Themen allgemein: Die Eigeninteressen der privaten Massenmedien vergiften jede öffentliche Debatte.

Denn es geht letztlich nicht, wie es etwa Hans-Peter Siebenlobby vom Handelsblatt gern hätte, um die Abschaffung der Öffentlich-Rechtlichen, sondern um deren überfällige radikale Modernisierung.

Chervel weiter:

Die Idee einer öffentlich-rechtlich geförderten Öffentlichkeit müsste also ganz neu formuliert werden. Der ursprüngliche Mangel, der die Anstalten legitimierte – die raren Frequenzen, die keinen neuen Hugenbergs ausgeliefert werden sollten – existiert nicht mehr. Die Gefahr lauert von anderer Seite: Zu schützen und zu entwickeln wäre vor allem die Idee des offenen Internets: freie Information, Open Access, Open Source.

Moderne, digitale Öffentlich-Rechtliche Angebote wären ein wichtiges Standbein einer starken Netzöffentlichkeit, weil sie nicht nur eigene Angebote bereitstellen würden sondern auch die allmendebasierte Peerproduktion von zum Beispiel Wikipedia und anderen Projekten und auch die Arbeit der privaten Massenmedien als Informationslieferant unterstützen würden.

Aber alas.

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About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als freier Strategy Analyst und schreibt als Business Analyst regelmäßig bei digital kompakt, ist Co-Host des Exchanges-Podcasts, schreibt für diverse Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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Comments

  1. speedracr says:

    ÖR hatte ich noch gar nicht auf dem Schirm – liegt bestimmt auch daran, dass die in den US-Diskussionen keine Rolle spielen, cf. http://stratechery.com/2014/newspapers-are-dead-long-live-journalism/ -, aber der Punkt ist wirklich gut, richtig und wichtig. „Überdies [teilen] die Anstalten mit dem Printsektor eines der Hauptsymptome: Ihr Publikum altert“ – das muss man erstmal schaffen, mit (Radio,) TV- und Internetangeboten vor allem die Generation 45+ zu erreichen.
    So gesehen schlägt selbst Google schon mit seinen Open Source-Aktivitäten die ÖRs, wenn es um die Förderung der Öffentlichkeit geht. Da bei der FAZ und Springer aber niemand programmiert und diesen Punkt versteht, braucht man das auch nicht weiter zu thematisieren. Oy vey…

  2. Ja, die künftige Rolle der ÖR wäre eigentlich ein wichtiges Debattenthema hierzulande. Leider ist es wie gesagt von den privaten Massenmedien vollkommen vergiftet.

  3. chervel says:

    Naja, und von den ÖRA selbst, die die Diskussion mit allen Mitteln unterbinden würden. Oder könnte man sich ein Radiofeature oder eine Anne-Will-Talkshow über die Rolle der ÖRA und neue Ideen vorstellen?

  4. Nein, kann man nicht. Das stimmt. Das scheint mir aber auch eine Art institutioneller Selbstschutz zu sein. Auch eine Folge der vergifteten öffentlichen Debatte.

  5. Thomas Elbel says:

    Ich verstehe nur sehr bedingt, warum man da nun gerade Frank Schirrmacher mal wieder als den Herzeigeschurken der Old Information Economy etablieren will. Gerade er lobt doch gegen jede Vernunft Krautreporter über den grünen Klee, fährt die Kritiker dieses Projekts sogar auf Twitter recht aggressiv an. Das Projekt scheint ja nun mit knapp zwei Drittel Zielerreichung kurz vor einem krachenden Scheitern zu stehen. Zeigt für mich wieder mal, dass das Internet Contentherstellern keinerlei auskömmliche Geschäftsgrundlage bieten kann, es sei denn man schafft es, sich erfolgreich hinter einer Paywall, DRM o.ä. zu verstecken.

  6. speedracr says:

    Schirrmacher steht für mich prototypisch für den deutschen Intellektuellen in der zweiten Lebenshälfte, der lieb und lang Schrecken und Bedrohung des Menschen durch Technologie herbeiredet und Einsicht weder in die Kleinteiligkeit dieser Haltung noch Verständnis von Mechaniken, Potentialen und Vorteilen eines technologischen Wandels erkennen lässt, der seinen persönlichen Einfluss verkleinert. (Als Einzelmeinung habe ich gar nichts dagegen, aber wenn das die Haltung der deutschen Gesellschaft gegenüber Technologie weiter prägt, halte ich das für fatal.)

    Krautreporter als journalistisches Konzept kommt nun so klassisch und schirrmacher-kompatibel daher, wie es nur irgendwie geht, weil es, wie Schirrmacher sagt, „aus dem Herzen des Internets kommt“ und dann doch ohne Google-Denke, Netzwerkdynamik und anderes Furchterregendes auftritt. (Es wurde, mE zurecht, zB darauf hingewiesen, dass trotz des innovativen Anspruches das Krautreporter-Team gänzlich ohne Entwickler auskommt, während von LA bis New York Times alle amerikanischen Zeitungen teils gut zweistellig Entwickler in den Redaktionen beschäftigen.)

    Letzter Punkt: wie gut DRM als Geschäftsgrundlage funktioniert, zeigt sich mE darin, dass der erfolgreichste Onlinehändler der Welt bei MP3-Verkäufen (schon immer?) darauf verzichtet. Aus meiner Sicht wird erfolgreicher Journalismus immer auch an Reichweite und Eindruck zu messen sein und beidem stehen Paywall, DRM etc. komplett entgegen. (anders hingegen: BuzzFeed, Facebook-Verbreitung, $120m kolportierter Umsatz, Geschäftsgrundlage, etc.) Im konkreten Fall Krautreporter halte ich Christian Jakubetz‘ Fazit für richtig: „[Im Falle des Scheiterns ist] Das Scheitern der Krautreporter ein Scheitern der Krautreporter.“

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