Kontroverse um Studie zeigt, dass Facebook als Unternehmen erwachsen werden muss

Facebook hat eine Welle der Empörung ausgelöst, als es Ergebnisse einer Studie veröffentlichte, in der die Verbreitung positiver und negativer Emotionen in Netzwerken erforscht wurde. Für diese Studie wurden die Newsfeeds von 689.003 Facebook-Nutzern verändert. Diese Nutzer wussten nichts von ihrer Teilnahme an der Studie. The Atlantic fasst alles Wissenswerte zur Studie zusammen. Wie The Atlantic festhält, ist die Studie unter US-Gesetz legal und wird von den TOS von Facebook abgedeckt. Ähnliches gilt für deutsches Recht wie Rechtsanwalt Thomas Schwenke ausführt:

Die aktuell kritisierte Studie erachte ich dagegen rechtlich als (gerade noch) zulässig. Sie lässt sich z.B. damit rechtfertigen, dass Facebook das Ziel verfolgte den Newsfeed-Algorithmus alleine zur Verbesserung der sozialen Interaktion zu testen. Das heißt Facebook könnte sich auf die Datenverarbeitungserlaubnis zur Erfüllung der Geschäftszwecke berufen. Das gilt, auch wenn die Newsfeedbeeinträchtigung aus meiner Sicht wissenschaftlich unethisch und moralisch verwerflich war.

Letztlich stellt die Studie zunächst erst einmal nichts anderes dar, als das übliche -und ständige- A/B-Testing, wie es bei Facebook, Google und anderen Diensten üblich ist. Gerade Facebook nutzt Feedback auf Veränderungen des Newsfeed-Rankalgorithmus, um diese Veränderungen zu evaluieren.1

Warum also die Aufruhr?

Zum einen dürfte den meisten Nutzern nicht bewusst sein, dass sie sich in einem “konstanten UX-Experiment” befinden. Zum anderen kann man hier durchaus eine Unterscheidung zwischen üblichen A/B-Tests und dieser Studie ziehen.

Der Unterschied liegt unter anderem im Ziel. Will man Facebook selbst verbessern? Oder will man Endnutzer zu Laborratten machen, um zu schauen, wie sie allgemein auf Einträge reagieren?

Selbst wenn man auf einer intellektuellen Ebene argumentiert, dass diese Studie letztlich keinen Unterschied zu anderen A/B-Tests aufweist, wie es einige tun,2 hätte den Verantwortlichen bei Facebook klar sein müssen, welche öffentliche Reaktion es auf diese Studie geben würde.

Und das bringt uns zum eigentlichen Problem, wenn wir das Unternehmen Facebook betrachten. Ein ständig a/b-ierender Entwickler sieht vielleicht keinen Unterschied. Aber wie kann man als Verantwortlicher bei Facebook dieses delikate Thema so fehlinterpretieren?

Man hätte die Studie auch ohne Veränderungen der Newsfeeds durchführen können. Lesend statt manipulierend. Man hätte auch ganz auf die Zusammenarbeit mit den Forschern verzichten können. Man hätte eine öffentliche Debatte vorher führen können, in welcher Form eine solche Studie, deren Ergebnisse durchaus interessant sein können, durchgeführt werden kann.

Facebook, dass seit wenigen Jahren zunehmender Kritik3 bezüglich des Feedranking-Algorithmus ausgesetzt ist, hält es für eine gute Idee, eine Verhaltensstudie durchzuführen, bei der die Nutzer nichts über ihre Teilnahme an der Manipulation ihrer Newsfeeds erfahren.

Es wird deutlich, dass Facebook ein junges Unternehmen ist, dass sich seiner Bedeutung und Verantwortung für den Alltag seiner Nutzer nicht bewusst ist. Es ist sich nicht der Kontroversen bewusst, die es hervorrufen kann. Es ist sich nicht der Grenzen bewusst, die es nicht überschreiten sollte.

In dieses Bild passt der Vice President of Product bei Facebook, der sich über journalistische Entwicklungen wie Buzzfeed und Upworthy beschwert und dabei vollkommen übersieht, dass diese Entwicklungen im Journalismus nur durch die aktuelle Architektur von Facebook groß werden konnten.4

Facebook muss erwachsen werden.


  1. Sprich also vereinfacht gesagt: “Wenn wir nun mehr Gewicht auf diese oder jene Art von Statusupdates legen, bleiben die Leute dann länger auf Facebook und interagieren mehr mit anderen Nutzern auf unserer Plattform? Ja? Dann mehr davon! Nein? Dann sollten wir das wieder ändern.” 

  2. Dem ich nicht zustimmen würde. Absicht, also welches Ziel konkret verfolgt wurde, kann nicht einfach ausgeklammert wird. 

  3. Kritik, die oft fehlgeleitet und von Eigeninteressen (von Facebook-Page-Betreibern) getrieben wird und oft einer guten Grundlage entbehrt. Trotzdem oder gerade deshalb ist die fehlende Sensibilität von Facebook bei diesem Thema bemerkenswert. 

  4. Das heißt nicht, dass Facebook an etwas “schuld” hat hier. Es heißt nur, dass Facebook Teil des großen Ganzen ist. Das sollte zumindest vom VP of Product bei Facebook wahrgenommen und anerkannt werden. 

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About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als freier Strategy Analyst und schreibt als Business Analyst regelmäßig bei digital kompakt, ist Co-Host des Exchanges-Podcasts, schreibt für diverse Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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