Nein, die Staatsministerin für Digitales muss sich heute nicht mit Flugtaxis beschäftigen

Franziska Bluhm auf Franziskript mit der Überschrift „Warum wir natürlich auch über Flugtaxis sprechen müssen„:

Vor ungefähr elf Monaten traf ich Frank Thelen zu einem Interview für das „Handelsblatt“ in Berlin. Er sollte auf der Tagung „Digitale Energiewirtschaft“ einen Vortrag halten. Wir sprachen natürlich über den Energiesektor. Damals schwärmte er regelrecht von einem Start-up, dessen Namen ich bis dahin nicht gehört hatte: „Ich bin überzeugt, dass wir mit Lilium Aviation wirklich einen Star aus Europa geschaffen haben, der die Art, wie wir reisen, für alle verändern wird. […]

Lilium ist tatsächlich spannend.

​Aber:

​* Diese neue Flugzeugart sind keine „Flugtaxis“, in dem Sinne, dass sie wie Taxis, nur eben in der Luft, genutzt werden. Sie sind erst einmal eine neue Form kleiner Privatflugzeuge. Ja, richtig, ein kleines Randthema.
​* Das ist kein Mainstreamthema oder Massenmarkt, weder heute noch morgen. Es wird auch kein Mainstreamthema übermorgen werden. Luftraum ist zu recht stark reguliert.
​* Spannender ist, was im Transportwesen hier und jetzt auf dem Boden passiert. Das ist nur der größte Umbruch, den die Automobilbranche seit der Einführung des Verbrenners gesehen hat, mit reichlich digital.
​* Aber FLIEGENDE Autos!
​* Lilium und co. könnten, theoretisch, einen Teil des Transportmarktes von morgen übernehmen, aber nur an bestimmten Knotenpunkten. Sprich, wir reden hier von etwas, das in vielleicht 10 bis 15 Jahren einen Teil der Personenbeförderung übernimmt, der weit unter 5 Prozent liegen wird. Das wird kein kleiner Markt für diese Unternehmen sein. Es wird immerhin eine neue Art von Fluglinien entstehen. (Deshalb sind Investoren zu Recht enthusiastisch.) Aber es ist kein heute gesellschaftlich dringliches Thema.

​Wieso also, in Herrgottsnamen, ist das ein Thema für Dorothee Bär?

​Weiter mit Bluhm:

Die angehende Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär, wird derzeit in den sozialen Kanälen dafür ausgelacht, dass sie sich unter anderem um das Thema Flugtaxis kümmern wolle. Dabei spricht der Spott vor allem für eins: totale Unwissenheit und Pseudo-Digitalisierungs-Know-how. Denn letztendlich ist die Liste der investierten Unternehmen stattlich: Uber, Airbus, über ihre Venture-Töchter sind auch Toyota oder Intel beteiligt, Alphabet, um nur einige zu nennen. Und Lilium ist nicht das einzige deutsche Unternehmen, das gerade ein senkrecht startendes Flugzeug entwickelt. Volocopter ist ein anderes, u.a. Daimler ist dort investiert, um mal klar zu machen, dass Bär das Thema nicht unbedingt nur aus Gründen der bayrische Vetternwirtschaft auf die Agenda gehoben haben muss.

​OK.

​Hier der eigentliche Grund:

​Fliegende Autos sind das ultimative Zukunftsthema. Der Mythos, der seit den ersten „Wie wird die Welt im Jahr 2000 aussehen“-Artikel in den Zeitungen des letzten Jahrhunderts nicht tot zu bekommen ist. Mehr Sci-Fi mit dem Holzhammer geht nicht. Zukunft!

​Bär ist zuständig für Digitales, das ist in der Union synonym mit Zukunft. Ein bischen innovativ erscheinen kann nicht schaden. Nachdem man das Land in eine Sackgasse regiert hat.

Denn die Union regiert Deutschland jetzt seit 300 Jahren. In dieser Zeit ist praktisch nichts passiert, was das Land auf die heutige Welt vorbereiten würde. Ja, ich rede nicht von der nahen Zukunft, ich rede von heute. CDU/CSU hat seit einem halben Jahrtausend, in dem Deutschland von ihnen regiert wird, kein einziges Mal eine Vision für die Zukunft des Landes vorgelegt und diese dann auch umgesetzt.

Das nächste, was an eine Unionsvision herankommt, ist Schäubles schwarze Null, die es uns verbietet in die Zukunft zu investieren.

Ausgerechnet über fliegende Autos augenzwinkernd zu reden, in einem Land, das politisch und wirtschaftlich am Diesel hängt wie ein Junkie, schafft kein Vertrauen.

Im Gegenteil: Es lässt alle, die verzweifelt auf die Internet-Infrastruktur in Deutschland schauen, an der Ernsthaftigkeit der neuen Staatsministerin zweifeln.

Die Flugtaxi-Geschichte ermöglicht aber CDU/CSU immerhin das zu machen, was sie immer bei diesen Themen machen: Sich ein Unterthema suchen, das möglichst weit in der Zukunft liegt. Das hat den netten Nebeneffekt, dass es hierzu keinen dringenden Handlungsbedarf gibt. Das kann man dann wie ein Gewürz in Interviews einstreuen, ohne dass man irgendjemandem weh tut.

Reden, reden, nur nichts machen, ist das Credo der Unions-Parteien für Digitales.

Noch einmal zurück zur neuen Staatsministerin für Digitales. Sascha Lobo Mitte Februar:

Erstaunlich ist, dass Bär den angeblich mangelnden Verkaufserfolg [ von Highspeed-Internetanschlüssen] als eigentliches Problem hinstellt. Denn bisher kann nur eine Minderheit der deutschen Haushalte das angeblich ungewünschte Produkt überhaupt kaufen, und das fast nur in größeren Städten. In der wichtigsten Breitbandstatistik des zuständigen Ministeriums ist ernsthaft „größer 50 Mbit/s“ die schnellste Internetkategorie. Ironie der Realität: An drei zufällig ausgewählten Standorten von Bärs Geburtsstadt Bamberg (Moosstr. 10, Vogtstr. 2, im Gewerbegebiet Am Börstig 25) beträgt die von der Telekom angebotene Maximalgeschwindigkeit 16 Mbit/s (Stand 13. Februar 2018). Tja, warum nur kaufen so wenig Leute 100 Mbit/s?

Und weiter, Lobo in seiner Kauder-Vernichtung über die digitale Historie der unionsgeführten Regierungen:

„Das Ziel, das im Sondierungspapier formuliert ist, den flächendeckenden Ausbau mit Gigabit-Netzen zu erreichen, muss daher unbedingt erfüllt werden.“_ Zittern der Unterlippe, hysterisches Lachen._ Ja, das Ziel muss erfüllt werden. So wie die Ziele der letzten Regierungen:

Ablenkungen beiseite. Bis die Bundesregierung wenigstens das von Merkel ausgegebene Ziel von 2009(!) beim Breitbandausbau erreicht hat, soll die Staatsministerin für Digitales über kein anderes Thema ohne den Nebensatz reden: „aber zuerst müssen wir beim Breitbandausbau jetzt sehr vieles aufholen“.

Man kann über dieses langweilige Thema sehr viel sagen und, immer noch, sehr viel machen. Über flashy Flugtaxis können wir in 10 Jahren reden.

Prioritäten wären jetzt wirklich langsam mal sehr schön.

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About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als freier Strategy Analyst und schreibt als Business Analyst regelmäßig bei digital kompakt, ist Co-Host des Exchanges-Podcasts, schreibt für diverse Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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