30. Jan. 2026 Lesezeit: 21 Min.

Briefing 276: Die ASML-Zeitbombe

ASML, China, Taiwain und TSMC; 3 erwartbare Trends des KI-Jahres 2026; Robotaxis und Verkehrstote, Chinesischer Neo-Merkantilismus

Briefing 276: Die ASML-Zeitbombe

Inmitten eines Booms leben, jemand nannte es neulich die industrielle Revolution der Geistesarbeit, ist erschöpfend.

Dieser Tweet fasst die aktuelle Lage in KI gut zusammen:

Noch besser wird es mit dem nachgeschobenen Tweet: „oops missed gemini agentic vision“

Es wird Zeit, jede Betrachtung von KI diesem Fakt unterzuordnen: Es ist kein Ende in Sicht. Was das mindestens bedeutet:

  • ARR ist nicht sicher. Die größten Hardcore-Fans von Cursor von letztem Jahr sind heute bei Claude Code.
  • Optionalität ist nicht optional. Heutige KI-Investitionen sind nur sinnvoll, wenn zeitnah kommende bessere Modelle eingeplant sind.

In meinen Keynotes und Talks empfehle ich deshalb immer zwei allgemeine Dinge:

  1. Auf persönlicher Ebene: In der Regel Monatsabonnements statt Jahresabonnements wählen, weil ein Wechsel innerhalb des Jahres wahrscheinlich bleibt.
  2. Auf Unternehmensebene: Jede Form von KI-Integration muss mit eingebauter Optionalität kommen. Neuere, bessere Modelle müssen leicht implementierbar sein.

Peter Gostev von Arena.ai hat die Konsequenzen daraus neulich auf LinkedIn noch weiter gedreht. Neue Modelle werden auch immer besser darin, schlecht aufbereitete Daten richtig einzuordnen, was sogar heutige Investitionen in bessere interne Datenpipelines in Frage stellt

It is not even clear what to invest time in, e.g. structuring data better seems like an obviously good thing, but even so LLMs are getting so good at dealing with rubbish messy data, so a 2-year clean up project might have become a waste of time.

Probably the only clear bottle neck is people who know what to do, and even then they have to not get stale and keep trying new things.

So my best guess is that playing with models and ideas while finding some non-dumb valuable things to implement is probably the best way forward while things are in flux.

There you have it. Crazy times.

Marcel

In dieser Ausgabe:

  • Die ASML-Zeitbombe: Das niederländische ASML ist der einzige Faktor, der zwischen uns und der größten Weltwirtschaftskatastrophe und kompletter Abhängigkeit von China steht.
  • KI beendet Open Source, wie wir es kannten.

Für Mitglieder:

  • Claude Code und die neue Generation agentischer KI-Tools
  • Ausblick auf die 3 zu erwartenden Trends des KI-Jahrs 2026
  • KI-Chirurgie
  • Hyundais Roboter
  • Selbstfahrende Autos und Verkehrstote
  • Ebay im KI-Zeitalter
  • Der Crowd-out-Effekt der KI-Nachfrage
  • Chinesischer Neo-Merkantilismus
  • und mehr

Zitat der Woche

“A COMMITTEE CAN NEVER BE HELD ACCOUNTABLE AND THEREFORE A COMMITTEE CAN NEVER BE ALLOWED TO MAKE MANAGEMENT DECISIONS”

Dave Guarino auf X

Für alle, die nicht knietief im KI-Diskurs stecken, die Referenz ist eine alte IBM-Präsentationsfolie.


Die ASML-Zeitbombe

Chinesen bauen EUV-Maschine von ASML nach

Ende des Jahres veröffentlichte Reuters eine Bombshell von einer Nachricht, die meiner Ansicht nach zu wenig Aufmerksamkeit und keine öffentlich sichtbaren Konsequenzen hatte: Exclusive: How China built its ‘Manhattan Project’ to rival the West in AI chips | Reuters

Die Fakten laut Reuters:

  • China hat in einem Hochsicherheits-Labor in Shenzhen einen Prototypen einer EUV-Lithografieanlage gebaut, basierend auf Reverse Engineering von ASML-Maschinen durch ehemalige ASML-Ingenieure.
  • Die Maschine läuft, hat aber noch keine funktionierenden Chips produziert; sie ist deutlich größer und primitiver als ASMLs Systeme und füllt fast eine Fabrikhalle.
  • Offizielles Ziel der Regierung: Arbeitschips bis 2028, intern halten Beteiligte 2030 für realistischer – und damit deutlich schneller, als viele westliche Analysten bisher angenommen haben.
  • Das Projekt ist Teil einer seit sechs Jahren laufenden, geheim geführten staatlichen Initiative zur Halbleiter-Selbstversorgung („Chinas Manhattan-Projekt“).
  • Huawei ist zentraler Koordinator über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg; Mitarbeitende schlafen teils vor Ort, Teams sind voneinander abgeschottet, Telefone stark reglementiert.
  • China rekrutiert systematisch (auch pensionierte) chinesischstämmige ASML-Experten, teils mit hohen Boni, Wohnsubventionen und sogar neuen Pässen; im Labor arbeiten Ingenieure unter falschen Identitäten. Aufgrund der politischen Bedeutung für China würde ich hier sogar eher sagen: „rekrutiert“ in Anführungszeichen. Nicht jede:r dürfte eine Wahl haben.
  • Kritische Komponenten (v. a. Optik) stammen aus Altbeständen und Sekundärmärkten: geschlachtete ältere ASML-Anlagen, Teile von ASML-Zulieferern, Nikon/Canon etc., teils über verschachtelte Zwischenfirmen, obwohl Exportregeln das eigentlich verhindern sollten.

Die Existenz des Prototyps untergräbt die Annahme der USA/EU, Exportkontrollen könnten Chinas Aufholjagd dauerhaft stoppen; sie verlangsamen die Entwicklung, verhindern sie aber offenbar nicht.

Kontext

ASMLs Rolle in der Halbleiter-Welt: ASML ist der zentrale Anbieter von Lithografie-Anlagen für Chipfabriken. Besonders entscheidend ist, dass ASML derzeit 100 % der extrem-ultravioletten (EUV) Lithografiemaschinen baut. Ohne diese Maschinen sind modernste Chips (unter ~7 nm Strukturbreite) nicht herstellbar. OPECs 40 % Marktanteil bei Öl wirkt dagegen fast klein.

TSMC ist bereits zentral für High-Tech-Chips. Aber ASML als einziger Anbieter der Maschinen weltweit hat das mit Abstand wichtigste, wenn auch nicht unbedingt wertvollste Monopol der Welt. Es ist unbestreitbar das folgenreichste Monopol.

Technologie & Produkte: Die EUV-Maschinen von ASML sind die komplexesten Serienmaschinen der Welt. Sie sind so komplex, dass sie nur mit dauerhaftem On‑Site‑Support von ASML betrieben werden können.

ASML ist damit ein echter Single Point of Failure im globalen Tech‑Stack. Ohne diese Tools können selbst TSMC, Samsung oder Intel keine modernsten AI‑ und Smartphone‑Chips bauen.

But wait there is more. Wichtige Partner-Zulieferer sind ebenfalls betroffen. Toms Hardware über einen Bericht des WSJ von November 2024(!) über die Tatsache, dass Huawei Mitarbeitende von Zeiss abzuwerben versuchte:

Huawei approached employees at Germany's Zeiss SMT, which produces optics for ASML's lithography tools, offering up to triple their salaries. This has raised serious concerns in the U.S., Europe, and Asia over intellectual property theft and national security risks, triggering investigations and regulatory actions. German intelligence began investigating after Zeiss employees flagged these efforts, fearing that sensitive technological knowledge could be compromised. Huawei was also found targeting other German firms like Trumpf, which develops laser amplifiers for chip production.

Zeiss liefert die extrem präzise Optik für ASMLs Lithografiesysteme. Mitarbeitende von Zeiss zu Huawei zu holen gehört direkt zum Versuch, die ASML-Systeme in China nachzubauen. Denn die Optik ist Engpass: Ohne Zeiss-Spiegelqualität hinkt der Prototyp ASML weit hinterher. Institute wie CIOMP und die Shanghai Institute of Optics investieren massiv, bieten sehr hohe Gehälter und hohe Forschungsbudgets.

Beides, das nachgebaute ASML-System und die versuchten Zeiss-Abwerbungen, gehören zu den folgenreichsten, wichtigsten Wirtschaftsentwicklungen, weitaus schwergewichtiger als die senilen US-Zölle.

Es ist sehr beunruhigend, dass sowohl die Öffentlichkeit als auch, vermutlich, die Politik in Deutschland und Europa die Schwere der Entwicklung nicht erfasst.

China, Taiwan und TSMC

Es gibt drei Dinge, die man wissen muss:

  • Xi Jinpings Lebenswerk beinhaltet, den Wunsch seines Vaters zu erfüllen: Taiwan heim ins chinesische Reich zu holen.
  • Die gesamte Welt, auch China, ist von den von TSMC produzierten High-Tech-Chips abhängig. TSMC sitzt bekanntlich in Taiwan. (TSMC= Taiwan Semiconductor Manufacturing Company )
  • China arbeitet mit Hochdruck daran, auch High-Tech-Chips autark produzieren zu können.

Ohne jetzt weiter ins Detail zu gehen, weil diese Ausgabe bereits sehr lang ist: Huawei braucht EUV-Systeme, um auf TSMC-Level zu kommen. Ihnen fehlen auch die Entwicklungsumgebungen, die Ökosysteme ermöglichen, weil sie Entwickler:innen die Arbeit erleichtern. Ihre CUDA/PyTorch-Alternativen für ihre Ascend-Chips sind noch schwach. Ich hatte im Mai letzten Jahres für die FAZ ausführlich darüber geschrieben.

ASMLs Wertschöpfungsebene bei der Chip-Herstellung bleibt das größte verbliebene Puzzlestück. Alles andere, CUDA-Ersatz, löst sich selbst über die Zeit durch geschaffene Hardware-Fakten. Damit gemeint: Man stelle sich Huawei-Chips vor, die so gut wie bei TSMC gebaute Nvidia-Chips sind, aber signifikant günstiger sind.

Dort kommt China aber nicht ohne EUV hin: Der chinesische TSMC-Konkurrent SMIC zum Beispiel verlangt heute 40–50% mehr als TSMC für Chips auf denselben Nodes (Größenordnung), weil die Yields (also die erfolgreich „geschnitzten“ Chips) ohne EUV dramatisch niedriger ausfallen. Sprich: Nicht nur High-Tech, auch Kosteneffizienz bei Chip-Produktion hängt von EUV ab. Das es nur von ASML gibt.

Anyway.

Bei einem Angriff Chinas auf Taiwan verliert die gesamte Welt sofort ihren Zugriff auf High-Tech-Chips.

TSMCs weltweiter Gesamtmarktanteil lag bei 72% im dritten Quartal 2025. Der nächste Wettbewerber Samsung hält lediglich 11,5% Marktanteil, gefolgt von SMIC (5,7%), UMC (2,3%) und GlobalFoundries (2,0%).

Es gibt verschiedene Szenarien, wie sich das entwickeln kann.

Damit der Chip-Nachschub wegbricht, muss es nicht zur einer erfolgreichen Übernahme Taiwans durch China kommen. Eine Seeblockade rund um den Inselstaat vor der chinesischen Küste oder ein Raketenbeschuss auf die hochdifizilen Fabrikanlagen reicht aus, um die Produktion zum Erliegen zu bringen.

Ein Zusammenbruch der TSMC-Produktion ohne Alternative ist nicht im Interesse Chinas. China braucht die Welt außerhalb Chinas, damit sie die chinesischen Produkte kaufen, die die schwache Binnennachfrage nicht übernehmen kann. Eine solche Weltwirtschaftskrise, die man in diesem Ausmaß nur mit globalem Chaos beschreiben könnte, wäre auch über Exportüberlegungen hinaus nicht erwünschenswert. Nicht einmal für Xi Jinping.

Aber. Ein China, das alternative Chips bereitliegen hat? Well, well, well, how the turntables.

Wenn China Chips herstellen kann, die mit TSMC mithalten können, dann dreht sich die gesamte Gleichung: TSMC ist heute die Garantie für Taiwan, nicht angegriffen zu werden, weil es für die USA überlebenswichtig ist, dass TSMC beschützt wird. Wenn China Chips auf Augenhöhe produzieren kann, wird TSMC von der Garantie zum ersten Angriffsziel. Wenn TSMC ausfällt, ist in diesem Szenario auch eine potenzielle militärische Überlegenheit Amerikas hinfällig. (Etwas, das auch bereits für sich nicht gegeben ist.) Das ist der einzige Grund, warum die USA bei Intel eingestiegen ist. Intels Produktionskapazitäten dürfen nicht verschwinden.

Also: 

  • Ohne ASML-artige EUV-Maschinen keine High-Tech-Chips.
  • Ohne High-Tech-Chips aus China kein Angriff auf Taiwan.
  • Ohne Angriff auf Taiwan keine ohnmächtige Abhängigkeit von Chinas Chipbranche.

ASML ist überlebenswichtig für die Souveränität von Europa, mehr als nahezu alles andere.

P.S.: Allen, die davon ausgehen, dass im Falle einer Chip-Abhängigkeit von China, Europa und Amerika (und der Rest der Welt) immer noch eigene Produktionskapazitäten hochziehen könne, sei ein Blick auf das globale Lizenzregime für seltene Erden von China empfohlen. Das fordert Einblicke in europäische Unternehmen in einer Tiefe, die an Wirtschaftsspionage grenzen. Und es untersagt den Aufbau strategischer Reserven.

Von der Zeitachse ganz zu schweigen: Capex bei TSMC heute schafft Produktionskapazitäten in drei Jahren. Was investieren Deutschland und die EU heute für eigene Kapazitäten in drei Jahren? Wie viel von den heutigen Plänen werden dann hierzulande ein ausfallendes TSMC auffangen können? TSMCs Capex-Pläne für 2026 liegen zwischen 53 und 56 Milliarden Dollar. Und es gibt eine gute Argumentation, dass das zu wenig sein wird. Alle TSMC-Konkurrenten werden bei einem Totalausfall ausschließlich für den Heimatmarkt produzieren.

Was ist der Plan der EU? Investiert sie ebenso viel für hiesige Fabs, um zumindest Non-High-Tech-Chips abzudecken? Schirmt sie ASML und Zeiss mit allen verfügbaren Mitteln von China ab?

Die chinesische Volksbefreiungsarmee soll bis 2027, den 100. Jahrestag ihrer Gründung, kriegstüchtig sein.


Was KI-Agenten für Open-Source-Geschäftsmodelle bedeuten

Tailwind: Interessante Spekulation eines Entwicklers auf LinkedIn, was KI-Agenten für Open-Source-Geschäftsmodelle bedeutet:

The core insight: OSS monetization was always about attention. Human eyeballs on your docs, brand, expertise. That attention has literally moved into attention layers. Your docs trained the models that now make visiting you unnecessary. Human attention paid. Artificial attention doesn't.

Some OSS will keep going - wealthy devs doing it for fun or education. That's not a system, that's charity. Most popular OSS runs on economic incentives. Destroy them, they stop playing.

Why go closed-source? When the monetization funnel is broken, you move payment to the only point that still exists: access. OSS gave away access hoping to monetize attention downstream. Agents broke downstream. Closed-source gates access directly. The final irony: OSS trained the models now killing it. We built our own replacement.

My prediction: a new marketplace emerges, built for agents. Want your agent to use Tailwind? Prisma? Pay per access. Libraries become APIs with meters. The old model: free code -> human attention -> monetization. The new model: pay at the gate or your agent doesn't get in.

(Hervorhebung von mir)

Ich finde die Argumentation schlüssig.

Kontext:

Look at Tailwind: 75 million downloads/month, more popular than ever, revenue down 80%, docs traffic down 40%, 75% of engineering team laid off.

Bleibt die Frage nach der Distribution, also der Wege, um bekannter zu werden: Denn die müssen zwingend über die Öffentlichkeit gehen.

Es ist außerdem sehr wahrscheinlich, dass künftige öffentliche Open-Source-Projekte schon sehr bald zu 100% von KI erstellt werden.


DSGVLOL


Claude Code und die neue Generation agentischer KI-Tools

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