10. Juli 2026 Lesezeit: 16 Min.

Briefing 282: Mit dem Rücken zur Wand

Europas KI-Abhängigkeit wächst: USA und China beschränken Top-Modelle. Chinas Humanoide dominieren. Anthropics Mythos findet tausende Sicherheitslücken. Der nächste Exportschock kommt.

Briefing 282: Mit dem Rücken zur Wand

Briefing 282: Mit dem Rücken zur Wand

Europa läuft die Zeit davon. Fable ist zwar wieder da, aber die Richtung bleibt die gleiche. Nicht nur Washington, auch aus Peking kommen jetzt die ersten Signale, dass die besten KI-Modelle eventuell in China bleiben sollten. Damit endet absehbar auch der bisherige europäische Ausweg für eine Region, die sich scheut, eigene KI-Modelle auf Weltniveau zu bauen.

China ist autoritär. Das war also immer nur eine Wette auf Zeit. (Und wird irgendwann nur noch mit Huawei-Hardware umsetzbar sein..) Dass Anthropic Mythos und Fable erst wieder in Betrieb nehmen konnten, als zufällig die neuen GPT-5.6-Modelle von OpenAI verkündet und anschließend in Washington „geprüft“ wurden, sagt uns auch einiges über das politische Chaos in den USA.

Auf dieser Unberechenbarkeit lässt sich kein Geschäft aufbauen. Fable kann man wieder in Europa benutzen, aber kein Unternehmen kann darauf langfristig planerisch Prozesse aufbauen.

Marcel

Im Fokus dieser Ausgabe:

  • Warum Europa wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand steht

Für Mitglieder:

  • Mistral übernimmt Emmi AI
  • Meituans LongCat-2.0: Frontier-Training komplett ohne Nvidia
  • KI-Labs wollen eigene Chips
  • Chinas Humanoide als nächster Exportschock
  • UBTech U1: Chinas Companion-Humanoide gehen in Serie
  • Europa: Mistral schiebt ein Robotik-Modell nach, die Niederlande eröffnen einen Humanoiden-Hub
  • Pro und contra: Meta baut Cloud-Geschäft auf und verkauft überschüssige Rechenleistung
  • Privates vollautonomes Auto: aktuell zu wartungsintensiv
  • Stripe Directory: Agenten als Kunden
  • Diskursrecycling: „Google beerdigt die klassische Suche“ - Digitalsteuerideen und Abhängigkeiten
  • und mehr

Zitat des Tages

Compute is so lacking that it makes sense to build data centres almost anywhere, yet countries show no sense of what is at stake.

The Economist


🤖 KI

Status Quo: Der Stand der Technik

@axeghostgame.bsky.social:

what overburdened maintainers need is a tool that reads an entire pr in seconds, adversarially hunts for hidden errors, triages a hundred submissions down to the five worth human attention, never gets demoralised & costs pennies. no idea what that technology would look like though.

Der IWF warnte in einem Blogpost vom 7. Mai 2026, also schon vor einer Weile, KI-gestützte Cyberangriffe könnten einen "makrofinanziellen Schock" auslösen, wenn mehrere Finanzinstitute gleichzeitig getroffen werden. (IMF)

(Heise/Mac & i):

Die Frage sei, „ob das Finanzsystem auch unter extremem Stress weiterhin funktionsfähig bleibt“, schreiben die Autoren. Das bislang nur einem kleinen Kreis von Firmen verfügbare Modell Claude Mythos unterstreiche, wie schnell sich die Risiken erhöhten. Aktuell werde die Situation noch gemildert, weil die fortgeschrittenen KI-Fähigkeiten noch nicht so verbreitet seien und weil die Branche auf geschlossene Finanzsoftware setze, die nach Einschätzung des IWF schwieriger anzugreifen sei als Open-Source-Infrastruktur. Diese Puffer dürften jedoch rasch schwinden.

Mythos fand in Tests tausende zuvor unbekannte Zero-Day-Schwachstellen in allen gängigen Betriebssystemen und Browsern, darunter eine 27 Jahre alte Lücke in OpenBSD.

Am deutlichsten wird es vielleicht mit dieser Grafik von Epoch AI:

Severe cybersecurity vulnerability disclosures (CVEs) spiked in 2026. In June, notable organizations published around 1,500 high- and critical-severity CVEs — more than 3.5× the monthly record prior to Mythos’ release.

3,5 Mal mehr als vor Mythos. Drei. Komma. Fünf. Eine Verdreifachung gefundener kritischer Sicherheitslücken. Das ist nicht nichts!

Ich war seinerzeit verhalten skeptisch über die Aussagen von Anthropic bezüglich Mythos und dessen Fähigkeiten. Der Rollout des größten und mächtigsten Modells an ausgewählte Organisationen, direkte Sales-Anbindung statt Self-Serve.

Wir müssen, Stand heute, festhalten, dass die Aussagen von Anthropic wieder zutrafen. Da kommen wir gleich noch einmal darauf zurück.

(Ein Grund für den größeren Sprung dürfte sein, dass Mythos und Fable auf einem neuen Pretraining-Run basieren. Also eine neue Modellgeneration darstellen. Modellvarianten basieren oft auf dem gleichen Base-Modell und werden durch verschiedene Posttraining-Methoden (RLHF und autonomes RL etc.) verbessert.)

Dieser von Ethan Mollick angepasste Graph von Erkenntnissen von Artificial Analysis zeigt, dass die Lücke zwischen geschlossenen und offenen Modellen wieder größer geworden ist:

Status Quo: Wahrnehmung und Realität

Ich war in den letzten Tagen und Wochen auf verschiedenen Veranstaltungen, die erhellend aber auch teilweise erschütternd waren. Auf einer Veranstaltung in einem Gespräch mit anderen Journalist:innen, deren Schwerpunkt ebenfalls KI und Technologie ist, stellte ich fest, dass es eine unumstößliche Wahrheit zu sein scheint, dass Anthropic etwa die Warnungen vor der eigenen Technologie nicht ernst meint, das sei nur PR.

Lassen wir einmal die Prämisse außen vor, dass ein Unternehmen, um über Jahre so konsistent zu handeln und zu kommunizieren, ausschließlich aus Soziopathen bestehen müsste, und was das über den/die dies Annehmende aussagt: Das Interessante war, dass nicht in Erwägung gezogen werden konnte, dass es beides sein kann, PR und etwas, das sie glauben. Nur wenn man aber das in Erwägung zieht, versteht man ihr Verhalten, und betrachtet auch die allgemeine Entwicklung anders. Amodeis Vorhersage, dass Ende 2025 die Mehrheit neuen Codes von KI kommen wird, hat sich bewahrheitet. Auch an anderen Stellen hatten sie öfter recht als unrecht, muss ich als jemand sagen, der oft skeptisch auf die Prognosen geschaut hat.

Die Aussagen als unbegründeten Hype abzutun, sorgt vor allem dafür, dass man die Augen vor dem Ausmaß der Entwicklungen verschließen kann. Verharmlosung wird dann möglich.

Auf der KI-Konferenz der FAZ habe ich ein Panel moderiert und ebenfalls mit vielen Leuten über diese Themen gesprochen. Der Mittelstand im Maschinenbau sieht diese Entwicklungen (zumindest der sich selbst selektierende Teil, der auf solche Veranstaltungen geht), aber auch hier ist die Dringlichkeit der Lage noch nicht angekommen. Das hatte ich schon Ende letzten Jahres oft mit Sorge mitbekommen.

Der Kuka-Deutschland-Chef Christoph Schell sagte auf der Bühne der FAZ-Konferenz, Deutschland habe beim Thema Robotik noch 12 Monate, bevor es gegen China kaum noch eine Chance haben wird.

Wer Produktentwicklungszyklen im Maschinenbau kennt, weiß, dass man statt 12 Monate auch genauso gut 24 Stunden sagen könnte.

Der deutsche Robotikriese Kuka gehört bekanntlich seit Längerem dem chinesischen Midea-Konzern.

Status Quo: Europa mit dem Rücken zur Wand

Thorsten Benner argumentiert in Foreign Policy, dass Europa selbst mit dem EuroStack-Ansatz kein KI-Gleichgewicht herstellen kann. (Foreign Policy) Dazu passt der Blick auf den Cloud and AI Development Act (CADA) aus dem EU-Souveränitätspaket: Er zielt auf eine Verdreifachung der EU-Rechenzentrumskapazität. (Jones Day) Selbst die strengste CADA-Souveränitätsstufe steht allerdings US-Hyperscalern über kontrollierte Europa-Töchter offen. (TechPolicy.Press)

Und eine Verdreifachung klingt nach viel, aber ist es das?

Die Antwort mit Claude visualisiert:

Die Verdreifachung ist das Minimum, um im Rennen zu bleiben, nicht der Plan, es zu gewinnen.

Quellen u.a.: Politico (März 2026), EPRS-Briefing zum CADA, Kommission, CADA-Policy-Seite, McKinsey (Okt 2024): Europa 10→35 GW Bedarf, eutoday (Juni 2026)

~

Neben Chips und Speicher werden nun auch die Boards selbst teurer. Reuters:

In April alone, PCB prices surged as much as 40% from March, Goldman Sachs analysts said in a recent note. Cloud service providers are willing to accept further increases ​as they expect demand will outstrip supplies over the coming years, they added.
The global PCB industry is projected ​to increase by 12.5% to reach $95.8 billion in 2026, according to a recent report from Prismark.

Die zwei Gründe: Auch der Irankrieg treibt die Kosten hoch und die Hyperscaler sind bereit, höhere Preise zu zahlen, weil die Nachfrage für KI-Agenten durch die Decke geht.

Die Preiselastizität hier ist entscheidend: Die (Firmen-)Kunden wollen mehr KI-Agenten, weil der Gegenwert sehr viel höher ist als das, was sie dafür bezahlen - es ist attraktiv. Die Hyperscaler, die die Infrastruktur dafür bauen und verkaufen, sind ausnahmslos an ihrem Kapazitätslimit.

Deshalb zahlen Hyperscaler höhere Preise. KI ist der wirtschaftlich wertvollste Einsatz von Rechenleistung.

Consumerhardware wird deshalb weiter verdrängt, genauso wie es Branchen wie die Automobilbranche treffen wird, die auch darauf nicht vorbereitet sind.

Steigende Preise und damit sinkende Gewinnmargen sind übrigens gar nicht das Worst-Case-Szenario.

Das schlimmste Szenario hatten wir in der Pandemie gesehen: Stillstehende Werke wegen Chipknappheit.
Die Wahrscheinlichkeit, dass das wieder passiert, ist real.

Für die FAZ habe ich die Tage über den 2. China-Schock geschrieben, der nicht nur die Autobauer trifft, aber VW aktuell am sichtbarsten macht, hinzu kommen Kostenanstiege bei den High-Tech-Komponenten wie aktuell Memory: China-Schock 2.0: Warum Volkswagen so massiv sparen will | FAZ:

Wer verstehen will, warum die Verwundbarkeit so breit ist, muss eine Schicht tiefer schauen. Im Januar dieses Jahres haben wir hier im Briefing den elektrischen Industrie-Stack als die fehlende Grundlage benannt. Gemeint ist die softwaregesteuerte, elektrisch angetriebene Basis der nächsten Industrialisierung aus Mineralien, Batterien, Leistungselektronik, Antrieben und Rechenleistung. Wer diese Schichten beherrscht, beherrscht die künftigen Branchen. China dominiert sie bereits an vielen Stellen.

~

Zu alldem kommt die europäische KI-Schwäche hinzu.

Aktuell können die schwachen Europäer noch auf chinesische Modelle ausweichen, die man sicher hierzulande hosten kann. Aber das war immer nur eine Wette auf Zeit.

In der Fable-Analyse schrieb ich:

Peking wird mindestens so restriktiv sein wie Washington. Auch hier werden die Top-Modelle in ein paar Jahren das Land nicht mehr verlassen dürfen. Und die zweite Riege fürs Ausland wird es nur im Verbund mit chinesischer Hardware geben.

Da bezog ich mich noch primär auf die kommende Komplementärstrategie zwischen KI-Modell und Huawei-Chips.

In der Zwischenzeit haben wir erfahren: Auch China prüft eine stufenweise Export-Beschränkung der besten chinesischen Modelle.

Nochmal: Das war völlig vorhersehbar.

Chinas Handelsministerium hat laut Reuters in den vergangenen Wochen mit Alibaba, ByteDance und Z.ai darüber gesprochen, den Auslandszugang zu den fortschrittlichsten chinesischen Modellen zu beschränken.

Ausdrücklich einbezogen sind offene und noch unveröffentlichte Modelle. Umfang und Zeitplan sind offen.

Wie eine solche Beschränkung aussehen könnte, deutet ein Experten-Roundtable vom Mai an, dokumentiert in einem Journal des Obersten Volksgerichts: einfache Registrierung für Basis-Tools, Sicherheitsprüfungen für fortgeschrittene Technologien, und die sensibelsten Frontier-Modelle würden gar nicht veröffentlicht oder blieben auf den Inlandsmarkt beschränkt .

According to a summary of the discussions published in an official Supreme People's Court journal, participants proposed a tiered system: basic open-source tools subject to a simple ​filing, more advanced technologies facing security reviews, and the most sensitive frontier models barred from public release or restricted to domestic use.

(Reuters)

Das ist dann exakt die gleiche Richtung wie in Amerika.

Gedankenexperiment: Globale KI-Standortpolitik arbeitet gegen Europa

Ich war zu Gast im Mikroökonomen-Podcast, die Folge sollte aktuell als Premium-Ausgabe veröffentlicht werden. Darin erkläre ich, warum Europa bei KI mit dem Rücken zur Wand steht:

Gedankenexperiment: Die US-Regierung hat zwei Optionen zur Auswahl.

Erste Option: Sie erlaubt den Export der besten KI-Modelle der Frontier-Labs. Anthropic und OpenAI wachsen zu zwei sehr großen, sehr mächtigen Konzernen heran. Aufgrund des Marktes für KI weltweit wird jedes der Beiden größer als die größten heutigen Tech-Konzerne.

Zweite Option: Die besten KI-Modelle bleiben den heimischen Unternehmen vorenthalten. Dadurch erhalten die Branchen einen signifikanten Wettbewerbsvorteil. Man denke etwa an die Medizinforschung, die zunehmend nicht nur von „klassischem“ ML sondern auch von LLMs profitiert. US-Pharma erhält einen automatischen Vorsprung gegen die internationale Konkurrenz, wenn es Zugang zu den besten KI-Modellen hat, die nur in den USA verfügbar sind. Europa darf dann die Ergebnisse kaufen.

Diese Überlegungen lassen sich für jede Branche wiederholen. Und sie lassen sich auch für Peking wiederholen.

Die Folge von Option 2 sind erfolgreiche, aber etwas kleinere Frontier-Labs, und gesündere Volkswirtschaften in deren Heimatländern.

Es steht außer Frage, dass wir auf eine Welt wie bei Option 2 zusteuern.

Der Fable-Bann war ein Grönlandmoment für KI in Europa, weil er ebenso wie die Fable-Geschichte zwar keine dauerhafte Situation hervorgebracht hat (Invasion, Exportverbot), aber auf sehr plumpe, anschauliche Art gezeigt hat, wo die Reise hingeht.

Mistral übernimmt Emmi AI

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