Bitcoin: Nicht die Währung sondern die Blockchain ist die Revolution

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Die die Bitcoin-Währung ermöglichende Technologie Blockchain ist der wichtigste neue Protokollbaustein seit TCP/IP. Ein Themenstrang für 2015 auf neunetz.com werden deshalb die Entwicklungen und Debatten rund um die Blockchain sein. Der folgende Text, in dem ich herleite, warum die Blockchain so wichtig ist, ist zuerst auf Wired erschienen. Die Kurzversion: Die Blockchain ermöglicht es, Dinge dezentral umzusetzen, die vorher sinnvollerweise nur zentral organisiert werden konnten.

Auf die Frage, welche Technologie das größte Potenzial hat, den Finanzsektor komplett umzuwälzen, nennt der Finanzexperte Oliver Bussmann, der Chief Information Officer (CIO) der schweizerischen Bank UBS, als Antwort die Blockchain. Die Blockchain ist die Technologie hinter der Kryptowährung Bitcoin. Die Währung Bitcoin hat in den letzten Monaten und Jahren vermehrt für Schlagzeilen gesorgt. Weniger beachtet wurde allerdings bisher in der Öffentlichkeit die Technologie dahinter. Bussmann ist nicht allein. Immer mehr einflussreiche Personen sprechen über die Blockchain als das “next big thing”. Der bekannte Risikokapitalgeber Fred Wilson (Union Square Ventures, investierte unter anderem in Tumblr, Twitter und Etsy) spricht bei seinen Investitionen für 2014 vom “Blockchain Zyklus” andere Risikokapitalgeber wie Andreessen Horowitz können nicht aufhören in Bitcoin und Blockchain zu investieren und darüber zu reden. Was steckt dahinter? Um die Bedeutung der Blockchain zu verstehen, müssen wir etwas ausholen.

Nicht erst nach dem Bekanntwerden der massiven Überwachung durch NSA bis GCHQ hört man den Ruf von Netzaktivisten: “Dezentral! Macht das Netz und alle Dienste dezentraler!” Aber mit dem Spähskandal, der Veröffentlichung der Totalüberwachung, hat dieser Ruf nachvollziehbarerweise neue Brisanz erhalten. Alle unsere Aktivitäten auf den Servern von Unternehmen laufen zu lassen, die im Einzugsgebiet von besagten Geheimdiensten sitzen, erscheint nicht erstrebenswert. Erst recht, wenn diese Unternehmen dank ihres Geschäftsmodells die Daten auf ihren Servern nicht verschlüsseln wollen oder können. Die Frage, was zentral oder dezentral organisiert wird, geht aber über private Daten hinaus. Wenn ich sowieso etwas öffentlich mache, habe ich auch kein Problem damit, wenn Geheimdienste mitlesen. Blogs oder Twitter sind hierfür Beispiele.

Aktuell kann man immer wieder beobachten, wie ein zentrales Angebot noch andere Nachteile haben kann. In der Türkei wurde Twitter während der Proteste im März diesen Jahres, das dort von um die 12 Millionen Menschen genutzt wird, geblockt; mit gemischten Ergebnissen. Um den Dienst Twitter zu blockieren, genügt es zunächst die IP-Adresse von Twitter zu blockieren. Das lässt sich umgehen, aber auch das Umgehen kann mit einer tiefergreifenden Blockade erschwert werden, wie es die türkische Regierung etwa versuchte.

Das Internet ist zwar grundsätzlich dezentral konstruiert. Aber es gibt auf diversen Ebenen Konzentrationstendenzen. Zum einen auf der Ebene der Internetprovider und Backbones, also ganz unten, als auch etwa bei den Social Networks, also ganz oben. Dahinter steckt keine Verwschwörung, sondern eine natürliche Entwicklung. Bei den Internetprovidern verrichten Markteintrittsbarrieren ihr Werk -wer verkabelt schon mal eben schnell ein ganzes Land, ich sicher nicht-. Bei Social Networks von Facebook bis Twitter sorgen Netzwerkeffekte dafür, dass irgendwann alle, oder zumindest die meisten, auf einem Dienst landen, weil man nur dort kommunizieren kann wo auch diejenigen sind, mit denen man kommunizieren möchte. Mehr führt zu mehr. Logisch.

Das heißt aber nicht, dass nun alles zentral von einzelnen Unternehmen gebaut und angeboten werden muss. Es bedeutet nur, dass anders organisierte Lösungen in der Regel eine größere Herausforderung darstellen können.

Dezentral also.

Wenn wir darüber nachdenken, wie und vor allem warum, ein Angebot von vielen verschiedenen Stellen kommt, sich also wie ein Puzzle oder ein Mosaik zu einem großen Ganzen zusammensetzt, und wann und warum ein Angebot bereits aus einem Guß produziert vor unseren Mauszeigern und Zeigefingern landet, müssen wir uns zwingend anschauen, was die Vorteile und Nachteile von Zentralität und Dezentralität sind. Die Nachteile von zentralen Diensten sind, zumindest für Netzaktivisten und mittlerweile auch zum Beispiel Türken oder auch Chinesen, offensichtlich. Im Zweifel kann die eigene Regierung einfach wie Cäsar im Kolosseum den Daumen nach unten halten und der Webdienst verschwindet von den Computern der Nation.

Eines der wichtigsten Webunternehmen, das oft in der Berichterstattung unter dem Radar zu fliegen scheint, ist Automattic. Automattic sind die Macher von WordPress. WordPress ist das Content Management System, auf dem mittlerweile fast alle Blogs laufen, die nicht bei Tumblr oder Blogspot liegen. Auf WordPress laufen heute über 23% aller Websites. Automattic bietet zwei Grundversionen von WordPress an: WordPress.com und WordPress.org. WordPress.com ist die gehostete Version von WordPress. Wie bei Tumblr und Blogspot gehören die Server dem Unternehmen. Man legt einen Account anund kann fortan ohne eigenen Aufwand veröffentlichen. Man ist gleichzeitig an die Entscheidungen des Unternehmens gebunden, was die erlaubten Inhalte etwa angeht. WordPress.org ist die Version von WordPress, die man herunterlädt und auf dem eigenen Server, beziehungsweise dem eigenen Webspace mit PHP und MySQL-Datenbank, installiert. Automattic ist damit dank der Popularität von WordPress das wichtigste Unternehmen der Seite des Webs, die unabhängigen kleinen Akteuren das Maximum an Autonomie gibt. Automattic ist also relativ unverdächtig, was die Ausprägung eines Kontrollfetisches angeht.

Eines der populärsten Angebote von Automattic neben WordPress ist Akismet. Akismet ist ein Werkzeug, das dabei hilft Spam-Kommentare im eigenen Blog zu erkennen und zu entfernen. Im Gegensatz zu WordPress gibt es neben der zentralen Instanz von Akismet keine Alternative, die man auf dem eigenen Server installieren kann. Jedes Blog, das Akismet einsetzt, teilt den Akismetservern mit, welche Kommentare eingegangen sind, welche davon vom Betreiber als Spam markiert wurden und welche nicht.

Das ist kein Zufall. Die zentrale Anlaufstelle ist integraler Teil des Akismet-Angebots. Denn auf diesem Weg arbeiten alle Akismet einsetzenden Blogs zusammen. Wenn ich einen Kommentar als Spam markiere und neun weitere
Blogbetreiber den gleichen Kommentar mit der gleichen Emailadresse von der gleichen IP-Adresse ebenfalls als Spam markieren, wird der Kommentar auf dem elften Blog von Akismet automatisch als Spam markiert. Akismet funktioniert nicht obwohl sondern weil es ein zentraler Dienst ist.

Aus dem gleichen Grund ist Googles GMail so gut in der Erkennung von Spam-Emails ist. Man verbinde ein in Datenanalyse geübtes Unternehmen mit einer zentralen Stelle, an der viele analysierbare Datenpunkte zusammenlaufen, und man bekommt ein gutes Endergebnis. An diesen zentralen Stellen, ob nun Akismet oder GMail, wird entschieden zwischen Spam und erwünschtem Inhalt. Die Bewertungen können falsch sein, aber je mehr sich an den Bewertungen selbst beteiligen und je mehr dieser Beteiligungen ausgewertet werden, desto besser arbeitet das System. Ein dezentrales Akismet oder ein dezentraler Email-Spamfilter kann ein ähnliches Ergebnis nur erreichen, wenn die lokalen Ergebnisse zwischen den Instanzen ausgetauscht und abgeglichen werden.

An dieser Stelle kommt Bitcoin ins Spiel. Über Bitcoin, die Kryptowährung, wird seit geraumer Zeit einiges geschrieben. Viel wird der neuen Währung zugetraut, vor allem von technikaffinen Menschen. Ökonomen sind dagegen eher skeptisch, was die Währung angeht. Warum ist schnell erklärt: Bitcoin ist so angelegt, dass die Geldmenge endlich ist. Das heißt über die Zeit werden immer weniger neue Bitcoins ‘geschürft’ bis irgendwann alle möglichen Bitcoins ‘gefunden’ wurden. Bitcoin als Währung ist aufgrund dieser Tatsache als Währung eher vergleichbar mit Gold als mit einer Währung, hinter der eine nationale Notenbank steht. Die Notenbank kann je nach Entwicklung der Währung mehr Geld oder weniger Geld in Umlauf bringen. Auf diesen Weg steuern Nationen Deflation/Inflation ihrer Währungen. Das ist ein wichtiges Werkzeug, um Einfluss auf die eigene Wirtschaftsentwicklung zu nehmen. (Und am Rande angemerkt auch ein Grund, warum es Euroländern wie Spanien und Griechenland so schlecht geht: Sie haben dieses Werkzeug aus der Hand gegeben.) Die Geldmenge von Bitcoin kann nicht gesteuert werden, sie ist beschränkt und sie wird langfristig sogar sinken, weil zum Beispiel Festplatten mit Bitcoins kaputt gehen können. Das hat zur Folge, dass der Wert von Bitcoins über die Zeit aller Wahrscheinlichkeit nach steigen wird, was zu etwas führt, was Ökonomen Deflation nennen. Wenn das heute ersparte Geld morgen mehr wert ist, wird es heute nicht ausgegeben. Wirtschaftsräume, die einmal in einer Deflation stecken, kommen nur schwer wieder aus dieser heraus. Gleichzeitig ist Deflation weitaus schädlicher als Inflation, weil sie den Wirtschaftskreislauf lähmt. Deshalb und aus anderen Gründen wird Bitcoin als Währung höchstwahrscheinlich nicht die Revolution sein, die sich viele erhoffen.

Das Revolutionäre von Bitcoin liegt stattdessen in der der Kryptowährung zugrundeliegenden Technik. Denn Bitcoin hat etwas geschafft, was vorher undenkbar war: Ein dezentrales digitales System, bei dem alle Beteiligten trotzdem eindeutig zugeordnet werden können. Konkret gemeint ist damit die Blockchain. Also der Teil von Bitcoin, der alle Transaktionsinformationen zusammenhält und in der Bitcoinwelt verteilt. Es handelt sich um eine mittlerweile 21 GB große Datei, die von den Bitcoin-Clients heruntergeladen und aktuell gehalten wird. Jeder Bitcoin-Besitzer verfügt auf diesen Weg über die gesamte Transaktionshistorie von Bitcoin. Nur dank dieser Technik lässt sich jede Bitcoin ihrem aktuellen Besitzer zuordnen. Die Blockchain ist eine dezentrale Verifizierungsinstanz.

Bitcoin dient bereits für erste Experimente als technische Grundlage. Die Technik hinter Bitcoin kann leicht der Grundstein für dezentrale Peer-to-Peer-Protokolle werden. Anfangs hatten wir uns mit der Blockierung von Twitter in der Türkei auseinandergesetzt. Was, wenn es ein Twitter geben würde, das auf einer dezentralen Architektur basiert, die nicht einmal auf blockierbare Server angewiesen ist? Twister ist eine solche Alternative, die zugegeben noch ganz am Anfang steht. Der Entwickler Miguel Freitas hat mit Twister einen Mikrobloggingdienst geschaffen ,der auf BitTorrent und Bitcoin-Technik aufsetzt. Zur Verbreitung der Messages wird mit BitTorrent das effizientesste Protokoll zur Distribution von Inhalten gesetzt. Zur Verifizierung der Nutzer kommt Bitcoins Technologie zum Einsatz. Twister kommt komplett ohne zentrale Server aus. Ein detaillierte Beschreibung der Funktionsweise von Twister kann man in diesem White Paper von Freitas und den offiziellen FAQ nachlesen.

OpenLibernet nutzt Bitcoins Blockchain, um ein globales Mesh-Netzwerk aufzubauen, das als Alternative zum aktuellen Internet nutzbar werden soll. Das Bitcoin-Protokoll wird genutzt, um den Datenverkehr auf viele Schultern zu verteilen. Wer viele Daten weiterleitet, das Netzwerk also stärkt, kann ebenso viele Daten auch selbst konsumieren. Auch hier lohnt sich ein Blick in die FAQ.

Bittorrent, das Unternehmen hinter dem gleichnamigen Filesharing-Protokoll, arbeitet an Bleep, einem dezentralen Instant-Messaging-Dienst. Das serverlose Bleep arbeitet mit einem blockchain-ähnlichen Prinzip: DHTs, distributed hash tables, welche auch für (serverlose) Magnetlinks bei BitTorrent-Filesharing zum Einsatz kommen, arbeiten vergleichbar wie die Blockchain. DHTs sind verteilte Verifizierungsinstanzen. Bleep hat vor einigen Tagen die Public Alpha gestartet.

Namecoin ist ein auf Bitcoin aufsetzendes, dezentrales Domain Name System. Es ermöglicht neue, aufgrund der dezentralen Struktur nicht zensierbare, Top-Level-Domains (TLD). Mit der Namecoin-Software lassen sich Domainnamen registrieren, die anschließend in der Blockchain von Namecoin eingetragen werden. Die erste Pseudo-TLD ist “.bit”. Namecoin steht wie nahezu alle hier vorgestellte Projekte noch am Anfang. Grundsätzlich kann Namecoin für die Registrierung also Zuordnung verschiedenster Datenarten genutzt werden. Theoretisch wäre es also auch möglich, einen Dienst wie Twister zu entwickeln, der für die Registierung und Zuordnung der Nutzernamen auf Namecoin zurückgreift.

IBM arbeitet mit Adept an einer Plattform, die mit Blockchain-Technologie Geräte im Smart Home managbar machen. Das Problem, das hier gelöst werden muss, ist die Frage, wie heute verkaufte Geräte wirtschaftlich tragfähig zehn Jahre oder länger auf Service-Seite von Servern des Anbieters unterstützt werden können. Die Herausforderung: Entweder die dadurch enstehenden und einzupreisenden Kosten lassen die Preise pro Produkt explodieren oder die Unternehmen unterstützen die von ihnen verkauften Geräte nicht für die gesamte Lebensdauer. Am Ende des Tages ist das dann weder vernetzt noch smart. IBM verbindt bei Adept Blockchain, BitTorrent und ein sicheres Messagingprotokoll nahmens telehash, um eine dezentrale Infrastruktur für das “Internet der Dinge” zu schaffen.

Mit der Blockchain-Technologie lassen sich unterschiedliche Dinge dezentral organisieren. Die hier genannten Beispiele geben eine erste Vorstellung für den sich öffnenden Möglichkeitsraum. Natürlich werden die Implementierungen der Blockchain-Technologie und ihre Abwandlungen nicht einfach werden. Es gibt einen Grund warum zum Beispiel Bitcoin-Transaktionen eine gewisse Zeit dauern. Dieser Grund liegt in der Zeit behaftet, die es braucht, um die Transaktionsinformationen zu verbreiten und einzutragen. Die daraus resultierende langsame Performance ist allerdings mehr ein Implementierungsproblem und nicht zwingend gleich ein strukturelles Problem. Es bedeutet ‘lediglich’, dass auch auf einer technisch grundlegenden Ebene noch Arbeit (und damit Potenzial für Entwickler und Unternehmen) liegt.

Bitcoin ist lediglich die erste Implementierung der Blockchain. Nun wird deutlich, warum selbst ein Finanzexperte wie UBS-CIO Oliver Bussmann in einer bisher kaum in der Öffentlichkeit diskutierten Technologie das Potenzial sieht, sogar eine der ältesten und kaum von außen zu ändernden Branchen umzuwälzen. Die Blockchain macht für viele Zwecke Dezentralität überhaupt erst möglich. Sie könnte die wichtigste digitale Erfindung seit dem Internet-Protokoll TCP/IP sein und damit als eine der wichtigsten Erfindungen der Jetztzeit in die Geschichte eingehen.

(Foto: BTC Keychain; CC-BY)

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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