Wikileaks-Video: Investigativer Journalismus abseits der Presseverlage

Das Wikileaks-Video auf der Collateral Murder-Site schlägt aktuell hohe Wellen. Ohne die genauen Hintergründe zu kennen, würde ich nicht so weit gehen wie Peter Sennhauser auf netzwertig.com und von einer „journalistischen Bankrotterklärung“ der klassischen US-Medien sprechen.

Aber: In erster Linie ist dieses Video doch der Beweis, dass das mantraartige Vortragen vom Qualitätsjournalismus, seiner Bedeutung für die Demokratie und dass er nur von Presseverlagen kommen kann so nicht stimmt.

Man kann es nicht deutlich genug sagen: Wikileaks hat keine direkten Beziehungen zu Presseverlagen. Es ist kein Projekt eines Presseverlags. Es ist keine journalistische Institution im hergebrachten Sinne.

Ich glaube auch nicht, dass ich der Einzige bin, der zuerst von dem Video und der Site in Blogs oder seinem Twitterstream erfahren hat.

Hier zeigen sich die ersten Züge eines ‚Journalismus‘ oder journalismusähnlichen Prozesses für eine Post-Presseverlags-Zeit.

Robin Meyer-Lucht auf Carta:

Die Zahl der Stellen, bei denen man derartige Videos abgeben kann, ist explodiert. Und viele der neuen “Outlets” haben sogar noch den Vorteil größerer Unabhängigkeit von der Macht als die klassischen Medien. Damit ist der Nimbus der Whistleblower- und Recherchemedien dahin. Der Fall vom Montag macht dies nur noch einmal sehr deutlich. Er ist daher keine “Schande” für die klasssichen Medien, sondern eine logische Folge der Systemveränderungen durch das Internet – und damit auch sein Anzeiger.

Lesenswert dazu auch Michael Seemann:

Sobald Daten existieren, ist ihre Reichweite nicht mehr sicher eingrenzbar. Der Kontrollverlust weitet sich aus, je mehr Medien zum Einsatz kommen. Von den Journalisten, über die Soldaten, über die Opfer bis hin zu jenen stummen Zeugen des Oberkommandos, die kalt und unbewegt alles aufzeichnen, werden sich die Medien multiplizieren. Und das einzige, was es dann noch braucht, ist ein klitzekleines Leck.
Der Kontrollverlust hat einen Kulminationspunkt gefunden: Wikileaks. Wikileaks ist für den Kontrollverlust das, was die New York Times für den Journalismus war ist. Die wichtigste Institution und das Paradebeispiel seiner Funktionsweise. Kein Monopol, aber ein Sinnbild.

Mehr zum Medienwandel

Axel Springer ist schon lange kein Presseverlag mehr

Reuters über das Jahresergebnis für 2017 von Axel Springer:

Das digitale Geschäft steuerte im vergangenen Jahr bereits 80 Prozent des Gewinns bei und rund 72 Prozent des Konzernumsatzes. Größter Wachstumstreiber war erneut das Geschäft mit Job-, Immobilien- und Autoportalen. Auf dieses sogenannte Rubrikengeschäft entfielen rund 64 Prozent des Ebitda.

Angesichts dieser Zahlen wird es langsam bizarr, dass (beispielsweise) Reuters noch vom „Axel-Springer-Verlag“ spricht. Weiterlesen

Was uns Facebooks gescheitertes Zwei-Feeds-Experiment über das Distributionsdilemma von Massenmedien lehrt

Facebook hat erkannt, dass die Leute lieber nur einen gemeinsamen Feed statt zwei separate Feeds -einen für Freunde und Familie, einen für Medien- haben.

Aus dem Facebook Newsroom:

To understand if people might like two separate feeds, we started a test in October 2017 in six countries. Weiterlesen

Warum Apples neues Podcastanalyse-Tool wichtig ist

Apple hat letzte Nacht das angekündigte Podcast-Analysetool gestartet. Recode:

For instance, podcast creators can now see (aggregated and anonymized, not device- or user-specific) data about when listeners stopped listening to a particular episode.

Warum das wichtig ist: Bis dato gab es für Podcasts nur Download-Daten, keine Informationen zum Hörverhalten. Sprich: Wer eine MP3-Datei herunterlädt, wird mangels Alternativen als jemand gezählt, die die komplette Folge angehört hat. Weil Podcasts auf RSS basieren und iTunes das größte und wichtigste Podcast-Verzeichnis ist, auf das alle Podcast-Apps zurückgreifen, ist allein Apple in der Lage detailliertere Informationen auf signifikanter Datenbasis zu erfassen. Mehr/andere Informationen über das Medienkonsumverhalten verändert zwangsläufig das Verhältnis zwischen Werbekunden und Medium. Podcasts boomen seit einigen Jahren als Medium seit es mit mobilen Apps bequem wurde, Podcasts zu hören.

Mehr auf Recode: Weiterlesen

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About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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