Handelsblatt diskreditiert Professor, der ein kritisches Gutachten zum Leistungsschutzrecht verfasst hat

Stefan Niggemeier:

Auch aktuell äußert sich der BDI extrem distanziert zu dem Vorhaben und verweist auf ein Gutachten, das er beim Düsseldorfer Institut für Wettbewerbsökonomie in Auftrag gegeben hat. Die Wissenschaftler Ralf Dewenter und Justus Haucap kommen darin zu einem vernichtenden Urteil. Das Leistungsschutzrecht sei »ökonomisch weder erforderlich, um die Produktion von hochqualitativen Inhalten anzureizen, noch ist es geeignet, den Qualitätsjournalismus zu befördern«[..]

Man sollte annehmen, dass das eine berichtenswerte Wortmeldung ist: Haucap ist prominentes Mitglied der Monopolkommission, die die Bundesregierung in Fragen der Wettbewerbspolitik berät; bis Mitte 2012 war er sogar ihr Vorsitzender. Doch nicht nur bei Springer, auch in der sonstigen Verlegerpresse fand das Gutachten keinerlei Erwähnung.

Jetzt kommt das Handelsblatt und schreibt über einen „Professor auf Abwegen“, unterstellt eine (nicht vorhandene) Verbindung zu Google, weil Google ein Zitat aus dem Gutachten bei der eigenen Kampagne verwendet hat:

Dennoch herrschte gestern in Berlin Verwirrung. Kritiker Haucaps monierten, so verliere die Monopolkommission als beratendes Gremium der Bundesregierung ihre Überparteilichkeit.

Niggemeier:

Das passiert also, wenn ein von dem Blatt sonst geschätzter Fachmann zu einem Urteil kommt, das der Verlagslinie widerspricht: Man ignoriert ihn erst und diskreditiert ihn dann, er sei auf »Abwege« geraten und habe sich »vergaloppiert«.

Welch bittere Ironie: Das »Handelsblatt« wirft Haucap vor, Google erlaubt zu haben, sein Zitat aus dem BDI-Gutachten zu verwenden, dabei waren die Zeitungsanzeigen offenkundig die einzige Chance, dass diese von den Verlagen unerwünschte Position überhaupt in den Zeitungen erscheint.

Nicht nur Haucap auch beim BDI dürfte man diese Art der Berichterstattung als das wahrnehmen was sie ist.

Beim Handelsblatt, das seit längerem seine Boulevardaffinität zeigt, scheint man zu glauben, diese Art von Journalismus habe keine Auswirkungen auf den Ruf der Publikation. Früher mag das, weil nur punktuell darüber gesprochen werden konnte, gestimmt haben.

Man darf hoffen, dass es heute nicht mehr stimmt. Wir haben bessere Wirtschaftspublikationen verdient.

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About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als freier Strategy Analyst und schreibt als Business Analyst regelmäßig bei digital kompakt, ist Co-Host des Exchanges-Podcasts, schreibt für diverse Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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